Wolfgang Benkert sagt, was er denkt, und macht, was er für richtig hält. Andere empfinden das als unbequem und kompromisslos, bescheinigen ihm eine große Klappe. Er selbst beschreibt es anders: „Ich bin Gerechtigkeitsfanatiker und sage oft meine Meinung, hin und wieder nicht zum richtigen Zeitpunkt. So war ich schon immer und werde mich auch nicht ändern“, sagt der langjährige Torwart des FC Rot-Weiß Erfurt im RWE-Talk gegenüber Sportchef Marco Alles.

75 Jahre Molli Benkert: Kult-Torwart mit Klartextgarantie

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    Den Ursprung dieses Persönlichkeitsmerkmals sieht er im Jahr 1954. Der kleine Wolfgang war drei, als sein Vater aus der DDR in die BRD floh. „Von da an war ich mit meiner Mutter relativ auf mich gestellt. Dann kriegst du automatisch so ein Verteidigungssyndrom, wenn Ungerechtigkeiten in Erscheinung treten“, erklärt Benkert. Die Flucht des Vaters habe ihn „angeknockt“, der Fußball sei für ihn dann zum Haltegriff geworden. In seiner Geburtsstadt Weimar begann er bei der BSG Post und der BSG Motor (heute SC 1903 Weimar).

    Bei Carl Zeiss meldet er sich ab und wird ein Jahr gesperrt

    Auf den talentierten Torwart aus Weimar, der es in die Bezirksauswahl schaffte und in der Jugend kurzzeitig auch für den RWE-Vorgänger SC Turbine Erfurt spielte, wurde der FC Carl Zeiss Jena aufmerksam. 1965 ging er zum Erzrivalen der Erfurter. Dass er dort nur vier Jahre als B- und A-Jugendspieler blieb, liegt an der ersten Ungerechtigkeit, die ihm nach seinem Empfinden widerfuhr. In der Saisonvorbereitung mit den Männern habe er den damaligen Jenaer Coach Georg Buschner – renommiertester Trainer und nach seiner Zeit in Jena Nationaltrainer der DDR – derart überzeugt, dass er den Jungspund in der zweiten Mannschaft des FC Carl Zeiss in der DDR-Liga habe spielen lassen wollen.

    RWE-Talk mit Wolfgang Benkert
    Auch im RWE-Talk spricht Wolfgang Benkert Klartext.© Funke Medien Thüringen

    Doch deren Trainer Karl Schnieke habe stattdessen den Ersatztorwart der ersten Mannschaft spielen lassen. Benkert reagierte trotz seiner erst 18 Jahre überaus konsequent: „Ich fühlte mich veräppelt und habe mich ohne zu fragen abgemeldet.“ Selbst für seinen Fürsprecher Buschner sei das eine derartige Majestätsbeleidigung gewesen, dass er ihn für ein Jahr sperren ließ. „Ich bin zurück nach Weimar, habe meine Lehre als Werkzeugmacher zu Ende gemacht, bin mit Weimar in die DDR-Liga aufgestiegen und dann hat mich Rot-Weiß Erfurt geholt.“

    RWE-Talk

    In der Gesprächsreihe von Funke Medien Thüringen befragt Sportchef Marco Alles regelmäßig Protagonisten des FC Rot-Weiß Erfurt zu sämtlichen Themen rund um den Verein. Im RWE-Talk geht es aber nicht nur um den Fußball, sondern auch um den Menschen hinter dem Sportler. Was zeichnet ihn aus? Was treibt ihn an? Womit beschäftigt er sich, wenn der Ball mal nicht rollt? Zu sehen sind alle Interviews auf dem Youtube-Kanal von Funke Thüringen.

    Interner Zwist führt 1985 zur Trennung von Rot-Weiß

    Seine Flucht aus Jena wurde für die Erfurter zum Glücksfall. Bei den Rot-Weißen avancierte Benkert zur Torwart-Ikone und zum Nationalspieler, auch wenn er verletzungsbedingt letztlich nur ein A-Länderspiel bestreiten sollte. Zwischen 1971 und 1985 absolvierte er für RWE 320 Pflichtspiele, davon 256 in der erstklassigen DDR-Oberliga. Bei der Wahl zum Erfurter Jahrhundertspieler wurde er hinter Torjäger Jürgen Heun und dem Meister-Kapitän von 1955 und 1956 Helmut Nordhaus Dritter.

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    Doch auch in Erfurt blieb er stets ein Typ, der aneckte. Einerseits mit Gegnern, wobei er an ein Duell mit dem aufstrebenden Stürmer Ulf Kirsten erinnert, den er „in der Luft zerpflückt“ habe, und an ein Spiel gegen Vorwärts Frankfurt, als er sich über zwei Abseitstore des politisch begünstigten Gegners echauffierte – Stichwort Ungerechtigkeit – und Rot sah. Andererseits scheute er auch intern nie einen Konflikt, was schließlich das Ende seiner Zeit beim FC Rot-Weiß einläutete: Mit Hans-Günter Hänsel, den er selbst als „sehr engagierten Sportfunktionär“ bezeichnet, sei er mal heftig aneinandergeraten. „Das hat er mir nie verziehen.“ Deshalb habe er später auch nie in der RWE-Traditionsmannschaft unter Hänsels Leitung gespielt. Seine Entlassung als Spieler 1985 sei eine „Gemeinschaftsproduktion“ von ihm, dem damaligen Trainer Hans Meyer und einigen anderen gewesen.

    Als ihm der „Traumjob“ verwehrt wird, geht er nach Wuppertal

    1988 kehrte er nach einem Engagement in Zwickau kurzzeitig als Torwarttrainer zu den Rot-Weißen zurück und ließ die aktive Karriere parallel in Sömmerda und beim Heimatverein in Weimar ausklingen, wo er 2004 sogar noch einmal mit über 50 ein kurzes Comeback feierte. Mit dem „Traumjob“ Torwarttrainer bei RWE wurde es für Benkert ebenfalls nichts. „Das hat mir wer auch immer nicht ermöglicht“, blickt er zurück. Verärgert darüber zog er mit seiner Familie nach Wuppertal.

    FUSSBALL REGIONALLIGA NORDOST  24. SPIELTAG I FC ROT WEISS ERFURT - BFC PREUSSEN
    Das 60-jährige Vereinsjubiläum trägt dazu bei, dass sich Ehrenspielführer Wolfgang Benkert (links, hier mit Jahrhundertspieler Jürgen Heun) und der FC Rot-Weiß wieder annähern.© FUNKE Foto Services | Sascha Fromm

    Im Westen knüpfte er in den Neunzigern Kontakte mit einstigen BRD-Fußballgrößen wie Klaus Fischer, Gerd Müller oder den Förster-Brüdern. Auch dort habe er sich „nicht unterbuttern lassen“. Später kehrte er nach Thüringen zurück und bot an, sich finanziell oder in anderer Form beim FC Rot-Weiß zu engagieren. Doch dazu kam es nie. Trotz Ernennung zum Ehrenspielführer der Erfurter und regelmäßiger Teilnahme am RWE-Stammtisch ist ihm ein Eindruck geblieben: Bis heute gebe es „Befindlichkeiten gegenüber der Person Molli Benkert“.