Die Thuringia Bulls bezeichnen sich gern als das gallische Dorf in der Welt des Rollstuhlbasketballs. Es ist ein treffender Vergleich, denn ihre Heimat Elxleben ist tatsächlich ein beschauliches Örtchen nördlich von Erfurt, das den Weltmächten seiner Sportart dennoch seit Jahren unbeugsam Widerstand leistet. Mehr noch: Inzwischen sieben deutsche Meistertitel, vier Pokalsiege und zwei Champions-Cup-Triumphe haben die Elxlebener „Gallier“ errungen.
Die Erfolgsgeschichte ist untrennbar mit Spielern verbunden, die im Fit-In Elxleben zu den Besten ihrer Sportart und zu Nationalspielern reiften. Allen voran Alex Halouski, in Weißrussland geboren, als talentierter Basketballer den Traum von der NBA verfolgend, den er durch mehrere schwere Knieverletzungen begraben musste. 2011 entdeckte ihn Bulls-Gründer Lutz Leßmann, lotste ihn nach Elxleben. Er wurde deutscher Staatsbürger, ist der Unterschiedsspieler bei den Bulls und im Nationalteam. Auch Jens Albrecht, André Bienek und zuletzt die einstige Turnerin Marie Kier wurden in Elxleben zu Rollstuhlbasketball-Nationalspielern.
Auch interessant
Michael Engel hat sie alle auf diesem Weg begleitet. 2016 war er als Co-Trainer beim ersten Meistertitel dabei, ein Jahr später als Headcoach. Das blieb er bis 2023, ehe er nach kurzer Auszeit Nationaltrainer wurde und Team Germany 2024 zu Bronze bei den Paralympics führte – mit den drei Thuringia Bulls Halouski, Albrecht und Lukas Gloßner im Team. „Talententwicklung ist unsere Kernkompetenz“, sagt Engel stolz, ganz im Duktus seiner jetzigen Aufgabe als Marketingverantwortlicher bei den Thuringia Bulls.
Probleme junger Para-Sportler soll das NLZ lösen
Weil ihm der Rollstuhlbasketball so sehr ans Herz gewachsen ist und er immer ehrgeizig dachte, hat er eine Vision entwickelt, die den Verein und die Nationalmannschaften auf die nächste Stufe heben soll. „Projekt NXTG“ hat er sie genannt. Die vier großen Buchstaben in seiner bilderreichen Präsentation stehen für Next Generation – die nächste Generation.

Der Name soll Programm werden. „Unser Ziel ist es, junge Rollstuhlbasketball-Talente in einem Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) ganzheitlich zu fördern, wie es so im deutschen Para-Sport und internationalen Rollstuhlbasketball meines Wissens einmalig wäre“, erzählt der Lockenkopf in seiner gewohnt ansteckenden Jürgen-Klopp-Art.
Die Probleme, mit denen junge Para-Sportler meist konfrontiert seien – fehlende inklusive Infrastruktur, hohe Kosten und sonstige Hürden, Überlastung der Eltern, fehlende Vorbilder vor Ort –, will Engel mit dem „Projekt NXTG“ lösen. Schließlich habe man im Fit-In die Voraussetzungen für all das: Trainieren und Wohnen an einem Ort, kurze Wege zu Schule, Ausbildungsstätte und Uni, professionelle Personalstruktur, einen Fahrdienst für die Sportler, Vorbilder wie Halouski erst als Trainer, dann als Mitspieler im Team der Bulls.
Etwa 500.000 Euro pro Jahr werden benötigt
Engel schwebt vor, dass schon 2026 die ersten männlichen und weiblichen deutschen Talente ab 16 Jahren, die künftig das Gesicht der Nationalmannschaften und der Bulls sein sollen, als Pioniere des Projekts mit der dualen Ausbildung beginnen. „Wir wollen Raum für insgesamt zwölf Talente schaffen, die bei uns am NLZ leben können“, sagt der Basketball-Visionär. Die Leitung des Nachwuchsleistungszentrums soll Jens Albrecht übernehmen, der nach der vergangenen Saison eine Pause vom aktiven Rollstuhlbasketball eingelegt hat.
Auch interessant
Für die Umsetzung des Projekts bedarf es neben Eigenmitteln etwa 500.000 Euro pro Jahr durch Fördermittel, Sponsoring, Spenden und künftige Internatsgebühren. In der ersten Zeit, um das Fit-In nachhaltig zu modernisieren und auszubauen. Später, wenn das NLZ voll ausgelastet ist, vor allem für das Personal.
Um die ehrgeizige Idee zu verwirklichen, ist Michael Engel fleißig auf Werbetour. Auf 47 Seiten präsentiert er Bund, Land, Verbänden, Unternehmen und weiteren möglichen Förderern seinen Plan. Die Signale seien positiv, die Bulls und er haben sich in den letzten Jahren einen guten Namen erarbeitet. „Und das ganz ohne institutionelle Hilfe, die wir nun aber brauchen“, betont er.
2032 wollen die Bulls zehn Paralympics-Starter stellen
Sein Leuchtturmprojekt für den inklusiven Spitzensport soll die Absolventen in den Arbeitsmarkt integrieren und am NLZ selbst viele neue Arbeitsplätze schaffen. Und es soll den deutschen Rollstuhlbasketball in die Zukunft führen. „2024 bei den Paralympics in Paris stellten die Bulls mit fünf Athleten schon die größte Thüringer Delegation. 2032 in Brisbane sollen es zehn sein“, sagt Michael Engel. NLZ statt Zaubertrank, sozusagen.





