Sie gehören zu den bekanntesten Wissenschaftlern Deutschlands – und wurden während der Corona-Pandemie weltweit bekannt: Die BioNTech-Gründer Uğur Şahin und Özlem Türeci wollen ihr Unternehmen verlassen und ein neues Biotechnologie-Unternehmen gründen. Spätestens Ende 2026 scheiden beide aus der Unternehmensführung aus, wenn ihre Dienstverträge auslaufen, wie BioNTech mitteilte.

Ganz trennen werden sie sich von ihrem Lebenswerk jedoch nicht. Das Ehepaar will weiterhin Anteilseigner bleiben und hält derzeit rund 15 Prozent der BioNTech-Aktien. Geplant ist zudem eine enge Zusammenarbeit: Rechte und Technologien rund um mRNA sollen teilweise in das neue Unternehmen eingebracht werden, im Gegenzug erhält BioNTech eine Minderheitsbeteiligung sowie Lizenzgebühren und mögliche Meilensteinzahlungen.

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Den Schritt begründet Türeci mit neuen wissenschaftlichen Zielen. „Wir haben ein gut bestelltes Haus, haben den Weg geschafft vom Startup zum Industrieunternehmen. Wir werden jetzt das gesamte Jahr bis Dezember daran arbeiten, dieses Haus auch wirklich fein zu machen, sodass die Firma bereit ist, sich zu industrialisieren, sich auf die kommerziellen Phasen vorzubereiten. Unsere Superpower haben wir ganz woanders: nämlich in der Innovation und bei unkonventionellem Unternehmertum. Und dahin wollen wir zurück“, sagte sie gegenüber der Bild.

Ein Forscherpaar mit außergewöhnlichem Arbeitsethos

Die Geschichte von Türeci und Şahin ist auch eine Geschichte großer wissenschaftlicher Leidenschaft. Wie sehr beide ihre Arbeit prägt, zeigt eine Anekdote, die Türeci einmal der „Süddeutschen Zeitung“ erzählte: Am Morgen ihrer Hochzeit standen sie und ihr Mann zunächst noch im Labor. Von dort aus gingen sie zur Trauung – und danach wieder zurück an die Arbeit.

Das Paar lernte sich in den 1990er-Jahren während der medizinischen Ausbildung am Universitätsklinikum in Homburg im Saarland kennen. Beide interessierten sich früh für die Frage, wie sich Krebs mit neuen Immuntherapien bekämpfen lässt. Später wechselten sie an die Universität Mainz, wo Şahin Professor und Türeci Privatdozentin wurde.

Kinder türkischer Einwanderer

Beide Wissenschaftler stammen aus Familien türkischer Einwanderer. Şahin kam im Alter von vier Jahren nach Deutschland und wuchs in Köln auf. Sein Vater arbeitete dort als Fabrikarbeiter beim Autobauer Ford. Schon als Schüler begeisterte er sich für Naturwissenschaften und verbrachte viel Zeit mit populärwissenschaftlichen Büchern.

Türeci zog ebenfalls als Kind nach Deutschland. Ihr Vater war Arzt und arbeitete später in einem katholischen Krankenhaus im niedersächsischen Landkreis Cloppenburg. Die Haltung ihres Vaters, stets das Wohl der Patienten in den Mittelpunkt zu stellen, präge sie bis heute, hat sie einmal erklärt.

Die Biontech-Gründer Uğur Şahin und Özlem Türeci gehören nicht nur bei der Suche nach einem Corona-Impfstoff zu den führenden Forschern Deutschlands.
Die Biontech-Gründer Uğur Şahin und Özlem Türeci gehören nicht nur bei der Suche nach einem Corona-Impfstoff zu den führenden Forschern Deutschlands.© imago/Sämmer | imago

Unternehmer aus Überzeugung

Früh wollten beide ihre Forschung nicht nur im akademischen Umfeld betreiben, sondern auch direkt in Therapien für Patienten überführen. 2001 gründeten sie ihr erstes Unternehmen, Ganymed Pharmaceuticals. Die Firma entwickelte Antikörpertherapien gegen Krebs und wurde 2016 für mehr als 400 Millionen Euro an den japanischen Pharmakonzern Astellas verkauft.

2008 folgte mit BioNTech ihre zweite Gründung. Das Ziel: individualisierte Krebstherapien auf Basis der mRNA-Technologie. Şahin sprach damals von nichts weniger als einer „Revolution“ in der Krebstherapie.

Durchbruch in der Corona-Pandemie

International bekannt wurden die beiden jedoch erst durch die Corona-Pandemie. Als sich Anfang 2020 das Virus weltweit ausbreitete, stellte BioNTech seine Forschung kurzfristig um. Gemeinsam mit dem US-Pharmakonzern Pfizer entwickelte das Unternehmen einen mRNA-Impfstoff gegen Covid-19 – und erhielt als eines der ersten Unternehmen weltweit eine Zulassung.

Der Impfstoff machte BioNTech zu einem globalen Pharmakonzern und brachte dem Unternehmen Milliardenumsätze. Gleichzeitig wurden Şahin und Türeci zu Symbolfiguren für die wissenschaftliche Bekämpfung der Pandemie.

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Für ihre Arbeit erhielten sie zahlreiche Auszeichnungen. 2021 wurden sie mit dem Großen Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland geehrt. 2022 erhielten sie gemeinsam mit der mRNA-Forscherin Katalin Karikó den Paul-Ehrlich- und Ludwig-Darmstaedter-Preis.

Zurück zu den Wurzeln der Forschung

Heute ist der Corona-Impfstoff weiterhin das einzige zugelassene Produkt von BioNTech. Das Unternehmen arbeitet jedoch an einer Reihe neuer Therapien, vor allem im Bereich der Krebsmedizin. Mehrere Medikamente befinden sich bereits in späten klinischen Studien, und BioNTech peilt bis 2030 mehrere Zulassungsanträge an.

Der geplante Abschied des Gründerpaars soll diese Entwicklung nicht bremsen. Das Unternehmen betonte, das Impfstoffgeschäft und die Forschungspipeline liefen unabhängig davon weiter. Der Aufsichtsrat hat bereits damit begonnen, nach Nachfolgern für die beiden zu suchen.

(tma/ba)