Wer wissen will, wie schlecht es den Kommunen in Deutschland geht, würde wohl nicht zuerst auf die Idee kommen, nach Stuttgart zu blicken. Mit vier Dax-Unternehmen im Ballungsraum, alle aus der Automobilbranche, zählt die baden-württembergische Landeshauptstadt noch immer zu den wirtschaftlich stärkste Städten im Bundesgebiet. Nur in München gibt es mit sieben noch mehr Konzerne, die im Dax notiert sind.

Nun scheinen die wirtschaftlich erfolgreichen Zeiten aber erst einmal vorbei zu sein. Die deutschen Autokonzerne kriseln und verzeichnen massive Gewinnrückgänge. Betroffen sind auch Mercedes-Benz und Porsche, was wiederum für die Stadt Stuttgart einschneidende Folgen hat. Die Einnahmen aus der Gewerbesteuer sind drastisch gesunken. Sie ist mit die die wichtigste Einnahmequelle der Stadt überhaupt.

Stuttgart 2025 mit Defizit von 785 Millionen Euro

Das allein wäre für das Stuttgarter Finanzsäckel vielleicht noch zu verkraften, doch seit Jahren kommen weitere Belastungen hinzu. „Die Gewerbesteuereinnahmen sind seit 2024 stark eingebrochen; wir erwarten in diesem Jahr weniger als die Hälfte von 2023. Gleichzeitig steigen die Ausgaben deutlich, vor allem für gesetzliche Pflichtaufgaben im Sozialbereich, in der Bildung und bei der Integration“, sagt Stuttgarts Finanzbürgermeister Thomas Fuhrmann. Der Bund und das Land würden diese Ausgaben nicht ausreichend finanzieren, klagt der CDU-Politiker.

Die goldenen Zeiten sind erst einmal vorbei. Möglicherweise war 2018 das Jahr, in dem für Stuttgart der Abstieg begann. Bis dahin sei die Stadt im Kernhaushalt schuldenfrei gewesen, erklärt Fuhrmann. Seitdem hätten sich die Bedingungen rasend schnell verändert. Die Ersparnisse, mit denen die steigenden Sozialausgaben gedeckt werden konnten, sind aufgebraucht. Für 2025 erwartet die Stadtkämmerei ein Defizit von rund 785 Millionen Euro. „Ende 2025 wird die Zahlungsfähigkeit der Landeshauptstadt unter Null liegen“, heißt es aus dem Stuttgarter Rathaus.

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Stuttgart denkt über neue Steuer nach und will Gebühren erhöhen

Zumindest in der nahen Zukunft ist keine Besserung in Sicht. „Auch bis 2030 erwarten wir jährliche Fehlbeträge in dreistelliger Millionenhöhe. Deshalb haben wir einen Nachtragshaushalt für das Haushaltsjahr 2025 beschlossen und erstmals seit 2009 wieder einen Sparhaushalt aufgestellt“, sagt Fuhrmann. Um notwendige Investitionen finanzieren zu können, will die Stadt Stuttgart bis 2030 insgesamt 2,4 Milliarden Euro Kredite aufnehmen.

Helfen soll ein sogenanntes Haushaltssicherungskonzept (HSK). „Vorrang hat der Erhalt unserer Infrastruktur, wie Schulen, Straßen, Brücken und Kitas. Neue Projekte starten wir nur, wenn sie wirklich notwendig sind. Im Personalbereich besetzen wir lediglich Stellen für gesetzliche Pflichtaufgaben, andere unterliegen einer Besetzungssperre“, so Fuhrmann. Parallel sollen neue Einnahmequellen generiert werden. Im Gespräch ist etwa eine Übernachtungssteuer. „Die Konsolidierung wird für uns alle spürbar sein – das sage ich offen. Manche Leistungen werden reduziert, Projekte verschoben und Gebühren oder Steuern angehoben“, kündigt Fuhrmann an.

Deutsche Kommunen mit 343 Milliarden Euro in der Kreide

Stuttgart ist deutschlandweit jedoch nicht die einzige Stadt, in der dringend gespart werden muss. Nach Angaben des Deutschen Städtetags leben mittlerweile 84 Prozent der Gemeinden von finanziellen Reserven oder müssen Schulden machen, um notwendige Ausgaben zu finanzieren. Insgesamt standen die deutschen Kommunen (Stand 2024) mit mehr als 343 Milliarden Euro in der Kreide. Auch ehemals wohlhabende Städte wie Heidelberg oder Ingolstadt geraten zunehmend in die Bredouille. Während Heidelberg mit 180 Millionen Euro in die Schuldenfalle zu geraten droht, brachen in der Audi-Stadt Ingolstadt die Einnahmen aus der Gewerbesteuer um 60 Prozent ein.

Zurück nach Stuttgart. Droht die Schwabenmetropole zum deutschen Detroit zu werden? Die Stadt im US-Bundesstaat Michigan, bekannt als Wiege der amerikanischen Automobilindustrie, musste nach Jahrzehnten des wirtschaftlichen Niedergangs 2013 Insolvenz anmelden. In Deutschland ist es dagegen gesetzlich ausgeschlossen, dass eine Kommune pleitegehen kann. Bei anhaltender Finanznot könnte die Aufsichtsbehörde, in diesem Fall das Regierungspräsidium Stuttgart, die Haushaltsnotlage feststellen und dir Stadt unter eine Art finanzielle Zwangsverwaltung stellen. Doch daran wollen sie in Stuttgart zum jetzigen Zeitpunkt nicht einmal denken.