Das Goerzwerk in Lichterfelde ist am Montag nicht per Festnetz erreichbar. „Wir sind von dem Stromausfall komplett getroffen“, erklärt Sprecherin Anusch Guyenz am Handy. Seit Montag laufen drei Notstromaggregate mit Diesel, die zum Teil aus Berlin-Adlershof per LKW geholt wurden. Das Goerzwerk vermietet unter anderem historische Lofts und Werkstätten, Ateliers und Büros an rund 150 kleine und mittelständische Unternehmen.
„Die Aggregate reichen noch nicht für die komplette Stromversorgung, nur für die Baseline“, sagt Silvio Schobinger, Geschäftsführer des Goerzwerks, dieser Redaktion. Versorgt werden jetzt Gasheizung und Wärmepumpen, es folgen IT, Licht und Sicherheitseinrichtungen. Für den Betrieb von Maschinen reicht der Notstrom weiterhin nicht.
Die Mieter sind unterschiedlich stark von dem Stromausfall betroffen. Ein Züchter von Korallen und Fischen etwa fürchtet um seine Bestände, die eine konstant hohe Wassertemperatur brauchen. Sie drohen, ohne Strom einzugehen. Er habe daher schon am Wochenende ein eigenes Notstromaggregat angeschafft, sagt Schobinger. Versichert sind die Goerzwerke gegen Schäden durch Miet- und Stromausfall nicht, es sei ein Fall von höherer Gewalt, sagt der Geschäftsführer. Allein für die drei Generatoren und den Treibstoff fallen laut Schobinger Kosten zwischen 15.000 und 20.000 Euro pro Woche an.
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Stromausfall in Berlin legt 2000 Unternehmen lahm
Das Goerzwerk ist kein Einzelfall. Dass im Südwesten Berlins in mehreren Stadtteilen seit Samstagmorgen der Strom fehlt, bedeutet nicht nur kalte Wohnungen und Navigieren mit der Taschenlampe für Privatpersonen. Es legt spätestens mit Beginn der Arbeitswoche an diesem Montag auch viele Betriebe lahm. 2000 Unternehmen sind nach Angaben der Industrie- und Handelskammer in Berlin betroffen, von kleinen Dienstleistungsbetrieben bis zum produzierenden Gewerbe. „Das trifft die ganze Breite der Berliner Wirtschaft“, sagt Manja Schreiner, Hauptgeschäftsführerin der Berliner IHK.
Die Folgen seien vielfältig, so Schreiner zu dieser Redaktion. Kein Strom bedeute Produktionsausfälle und unterbrochene Lieferketten auch für Firmen in anderen Teilen der Stadt. Einzelhandelsgeschäften fehlt der Umsatz aus den Tagen, an denen sie nicht öffnen können, im Lebensmittelhandel sind die Kühlketten unterbrochen.
Als im September in Adlershof der Strom ausfiel, sei der Schaden für einzelne Unternehmen in die Hunderttausende gegangen, sagt Schreiner. Auch damals war es ein gezielter Angriff auf Infrastruktur, der im Südosten der Stadt Zehntausende Gebäude vom Stromnetz abschnitt. Damals war die Versorgung nach zwei Tagen wiederhergestellt, beim aktuellen Ausfall müssen sich die betroffenen Gebiete darauf einstellen, dass erst am Donnerstag wieder Strom fließt. Mit jedem Tag wachsen dabei auch die Schäden für die betroffenen Unternehmen.
Zumindest größere Unternehmen seien gegen Derartiges aber meistens abgesichert, sagt IHK-Chefin Schreiner. Sie hätten Notfall- und Krisenpläne. „Das ist wichtig, weil bei höherer Gewalt die Netzbetreiber nicht haften“, sagt Schreiner. Auch für kleinere und mittlere Unternehmen seien Risikoanalysen für Notfallsituationen sinnvoll, sagt sie. „Wer die noch nicht hat, sollte spätestens diesen Vorfall zum Anlass nehmen, das nachzuholen.“
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Notstrom im Supermarkt, Lebensmittelspenden für die Tafel
Betriebsunterbrechungsversicherungen etwa würden nach Angaben des Gesamtverbands der Versicherer (GDV) im aktuellen Fall wahrscheinlich greifen. Die würden zwar den Stromausfall an sich nicht abdecken, aber Folgeschäden durch Betriebsausfälle oder verdorbene Ware. Was im Einzelfall gilt, hängt von der einzelnen Versicherungspolice ab. „Betroffene Unternehmen sollten jetzt möglichst schnell ihren Versicherer kontaktieren, Tiefkühlware und Inventar genau dokumentieren und alle entstandenen Schäden auflisten“, sagte ein Sprecher der GDV dieser Redaktion.
Viele Supermärkte in der Region haben unterdessen pragmatisch reagiert. Edeka erklärt auf Anfrage dieser Redaktion, dass die Logistik der Gruppe am Samstag schnell Kühl- und Tiefkühlzüge bereitgestellt habe, um einen Teil der Ware zu sichern. Ein anderer sei auf umliegende Märkte verteilt worden. Wieder andere Lebensmittel seien an die Berliner Tafel und andere Hilfsorganisationen gespendet worden. Seit Montag seien die betroffenen Märkte wieder offen, versorgt per Notstromaggregat. Für Anwohner gebe es dort kostenlos heißes Wasser und Tee sowie eine Lademöglichkeit für Smartphones und Powerbanks.
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Auch Aldi erwägt, seine Filialen selbst mit Strom zu versorgen, wenn das über das Netz nicht möglich ist. Von ursprünglich fünf betroffenen Märkten sind nach Angaben des Konzerns noch drei ohne Strom. Sollte das bis Donnerstag so bleiben, könnten auch hier Notstromaggregate zum Einsatz kommen.
Doch es sind nicht nur die direkt betroffenen Unternehmen, für die der Ausfall Folgen hat. Wolfgang Steiger, Generalsekretär des Wirtschaftsrates der CDU, hebt hervor, dass geschlossene Schulen und Kitas im Berliner Südwesten auch darüber hinaus Auswirkungen haben, weil Eltern, die zur Betreuung einspringen müssen, in dieser Zeit nicht arbeiten können. Insgesamt, fürchtet er, könne sich der direkte und indirekte volkswirtschaftliche Schaden dieses Stromausfalls auf einen „dreistelligen Millionenbetrag“ summieren. „Wir bekommen gerade schmerzhaft vor Augen geführt, wie verwundbar unser Wirtschafts- und Alltagsleben inzwischen ist.“
Verbände fordern Investitionen in Widerstandsfähigkeit
Die aktuelle Situation zeige die Resilienzlücken der Infrastruktur in Deutschland, sagt er. Er verlangt deshalb, die gesetzlichen Vorgaben zur Resilienz zu erhöhen. Die Bundesregierung muss nach Einschätzung des Wirtschaftsrates das n-1-Prinzip, das Redundanzen im Stromsystem vorsieht, explizit im Energiewirtschaftsgesetz festhalten. „Die Bundesnetzagentur muss sich ebenso umgehend einen Überblick über die vorhandenen Lücken verschaffen und die betroffenen Netzbetreiber zum Lückenschluss verpflichten“, fordert Steiger zudem.
Wir dürfen nicht länger auf das Prinzip „Hoffnung“ setzen, sondern brauchen spezialisierte Reaktionskräfte.
Christoph Ahlhaus , Bundesgeschäftsführer des BVMW
Auch der Mittelstandsverband BVMW fordert mehr Investitionen in die Widerstandsfähigkeit. „Wir dürfen nicht länger auf das Prinzip ‚Hoffnung‘ setzen, sondern brauchen spezialisierte Reaktionskräfte“, sagte Mittelstandschef Christoph Ahlhaus dieser Redaktion. „Das heißt: ein Krisen-SEK, das im Ernstfall sofort einsatzfähig ist, um die Folgen schwerer Attacken für unsere Unternehmen so gering wie möglich zu halten.“
In der aktuellen Krise unterstützen die Betriebe sich unterdessen gegenseitig. Firmen aus dem Teil der Stadt, der Strom hat, würden ihre Notstromaggregate zur Verfügung stellen, sagt IHK-Chefin Schreiner. Der Verein Berliner Kaufleute und Industrieller bietet seinen Mitgliedern Strom, Arbeitsplätze und Konferenzräume in seiner Geschäftsstelle an. Viele Mitglieder hätten sich auch gemeldet und würden Wohnungen oder Büros als Ausweichmöglichkeiten anbieten, sagt Geschäftsführerin Katja Bartz. „Es ist toll, wie Berlin in der Krise zusammenrückt.“





