Es gibt Prozesse, die Vertragsklauseln klären. Und es gibt Prozesse, die eine Epoche auf die Anklagebank setzen. In Oakland beginnt am Dienstag der erste große Gerichtsstreit der KI-Ära: Elon Musk gegen Sam Altman und OpenAI, zwei King Kongs der Künstlichen Intelligenz. Es geht um bis zu 150 Milliarden Dollar, um Macht, Verrat, Eitelkeit – und um die Frage, ob die wichtigste Zukunftstechnologie der Gegenwart je wirklich der Menschheit gehören sollte oder von Anfang an auf dem Weg in die Bilanzen war.

Die Geschworenenauswahl begann am Montag, die Eröffnungsplädoyers sind bis Mittwoch angesetzt. Erwartet wird ein Aufmarsch der Tech-Elite: Musk, Altman, Microsoft-Chef Satya Nadella, frühere OpenAI-Vorstände, Anwälte, Demonstranten, viele Kameras.

Elon Musk: OpenAI als gemeinnützige Organisation?

Der Kern ist schnell erzählt und schwer zu entscheiden. Musk behauptet, Altman und andere hätten ihn 2015 dazu gebracht, OpenAI als gemeinnütziges Labor mitzufinanzieren: Künstliche Intelligenz zum Nutzen der Menschheit, sicher, offen, nicht von Google oder anderen Konzernen beherrscht. Dann, so Musk, sei aus der Mission eine Geldmaschine geworden. OpenAI gründete 2019 einen gewinnorientierten Arm, Microsoft stieg groß ein, ChatGPT explodierte. Altman wurde zur Leitfigur eines Unternehmens, das mit Bewertungen von Hunderten Milliarden Dollar und einem möglichen Mega-Börsengang verbunden wird.

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Musk verlangt, OpenAI wieder stärker in gemeinnützige Bahnen zu zwingen, Microsofts Gewinne aus der Partnerschaft abzuschöpfen und Altman sowie Greg Brockman aus Führungsrollen zu entfernen. Kurz vor Prozessbeginn ließ er erklären, er wolle keinen Cent möglicher Erlöse behalten; alles solle wohltätigen Zwecken zufließen. Das klingt irgendwie edel. Es passt aber auch zu einem Kläger, der zeigen will, dass es ihm nicht ums Geld geht.

OpenAI nennt das eine nachträgliche Legende. Das Unternehmen formulierte seine Gegenthese scharf: Musk habe 2017 selbst eine gewinnorientierte Struktur gewollt. Als er „keine Mehrheit und keine vollständige Kontrolle“ bekommen habe, sei er gegangen und habe vorausgesagt, OpenAI werde scheitern. Zum Prozessbeginn legte OpenAI nach: „Wahrheit und Recht sind auf unserer Seite. Diese Klage war immer ein grundloser und neidischer Versuch, einen Konkurrenten aus der Bahn zu werfen.“

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Musk antwortete: „Ich habe es gegründet, finanziert, entscheidende Talente angeworben und ihnen alles beigebracht, was ich darüber weiß, wie man ein Start-up erfolgreich macht – für das Gemeinwohl. Dann haben sie die Wohltätigkeitsorganisation gestohlen.“

Diese Sätze wollen die Tech-Bros wahrscheinlich nicht öffentlich sehen

Juristisch ist der Fall inzwischen etwas kleiner, aber nicht harmlos. Kurz vor Prozessbeginn fielen Musks Betrugsvorwürfe weg. Übrig bleiben der Bruch gemeinnütziger Treuepflichten und ungerechtfertigte Bereicherung. Das klingt trocken. Tatsächlich könnte es die Struktur von OpenAI, Microsofts Beteiligung und Altmans Autorität berühren. Richterin Yvonne Gonzalez Rogers sagte bei einer früheren Anhörung, es gehe auch darum, „ob eine Jury den Menschen glaubt, die aussagen, und ob sie glaubwürdig sind“. Genau darum wird sich viel drehen: weniger um Code als um Charakter.

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Denn die Akten sind voller Sätze, die Silicon Valley lieber in verschlüsselten Chats gelassen hätte. Greg Brockman notierte 2017: „Das ist die einzige Chance, von Elon loszukommen.“ Und dann: „Ist er der ‚glorreiche Führer‘, den ich wählen würde?“ Altman schrieb Musk 2023: „Du bist mein Held.“ Er sei „ungeheuer dankbar“; ohne Musk hätte es OpenAI wohl nicht gegeben. Aber es tue „verdammt weh“, wenn Musk die Firma öffentlich angreife. Musk antwortete fast zärtlich und apokalyptisch zugleich: Er wolle nicht verletzen, „aber das Schicksal der Zivilisation steht auf dem Spiel“.

KI-Prozess: Jury zweifelt an Musk und sucht nach Gerechtigkeit

So klingt kein normaler Wirtschaftsstreit. So spricht eine Branche, die ihre Produkte als Erlösung, ihre Rivalitäten als Weltgeschichte und ihre Gründer als Figuren zwischen Propheten und gekränkten Söhnen behandelt. Musk ist Kläger, Konkurrent und Mythos zugleich. Er hat mit xAI längst sein eigenes KI-Unternehmen. Altman ist Beklagter, Unternehmer und Projektionsfläche: für den Traum, KI zu zähmen – und für die Angst, sie könne von einem Mann gesteuert werden, dem selbst frühere Weggefährten misstrauen.

Für die Jury wird das schwierig. Schon am ersten Tag äußerten potenzielle Geschworene Skepsis gegenüber KI und Musk. Einer sagte, seine stärkste Meinung sei, dass Musk „sich nicht um Menschen kümmert“. Andere versicherten, trotzdem fair urteilen zu können. Drinnen begann die Suche nach neun Menschen, die entscheiden sollen, wie viel Idealismus in OpenAIs Gründungsversprechen steckte – und wann daraus Geschäft wurde.

Am Ende wird dieser Prozess wohl kaum entscheiden, ob Künstliche Intelligenz gut oder böse ist. Aber er zeigt, wer sie besitzt, wer sie kontrollieren will und wie brüchig die moralischen Gründungsmythen der Branche sind. Musk sagt, es gehe ihm nicht um Geld. Vielleicht stimmt das sogar. Vielleicht geht es um etwas Unverdaulicheres: darum, wer sich als rechtmäßiger Vater der KI-Zukunft fühlen darf.

Auch eine Jury kann Elon Musk kein Glück zusprechen. Sie kann ihn nur zum Sieger erklären. Oder Sam Altman. Oder keinen von beiden. Für den Rest der Welt wäre schon viel gewonnen, wenn dieser Prozess eine Illusion zerstört: dass eine Technologie, die über Arbeit, Wahrheit und Macht entscheidet, bei ihren Schöpfern automatisch in sicheren Händen liegt.