Handpuppe des US-Präsidenten oder faktenbasierter Notenbanker? Kevin Warsh, der neue Chef der Federal Reserve (kurz: Fed), der Zentral- und Notenbank der USA, ist seit diesem Freitag neu auf seinem Posten. Warsh ist Wunschkandidat von Donald Trump. Und seine eigene Erwartungshaltung hat der US-Präsident unmissverständlich formuliert. Er wäre „enttäuscht“, wenn Warsh die Zinsen nicht „sofort“ senken würde, erklärte er vor einigen Tagen. Doch dass Warsh tatsächlich liefert, ist nicht ausgemacht. Was der neue Mann an der Fed-Spitze für Anleger, Immobilienkäufer und Unternehmer in Deutschland bedeuten könnte. Wichtige Fragen und Antworten.

Ist der neue Fed-Chef eine gute Wahl?

Ulrich Stephan, Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden bei der Deutschen Bank, hält Kevin Warsh für „eine ausgesprochen gute Wahl“ an der Spitze der US-Notenbank. Warsh sei ein „klassischer Notenbanker“, der die Fed aus seiner Sicht weiterhin stark an wirtschaftlichen Fundamentaldaten ausrichten würde, sagt Stephan zu unserer Redaktion. Entscheidend seien dabei vor allem die beiden Kernziele der Notenbank: Preisstabilität und ein robuster Arbeitsmarkt. Stephan geht deshalb davon aus, dass die Fed kurzfristig eher an ihrem abwartenden Kurs festhält.

Der Markt rechne derzeit nicht mehr mit Zinssenkungen in diesem Jahr, und auch Stephan sieht dafür aktuell wenig Anlass. Zwar dürfte sich das Wachstum der US-Wirtschaft nach Jahren hoher Dynamik etwas abschwächen, zugleich werde die Konjunktur aber weiterhin von hohen Investitionen in Künstliche Intelligenz und von stabilem Konsum gestützt. Erst wenn der Arbeitsmarkt spürbar nachgeben oder sich die Konjunktur deutlich stärker eintrüben sollte, könnte die Fed nach Einschätzung Stephans über Zinssenkungen nachdenken.

Der neue Fed-Chef werde aber von Anfang an unter Druck stehen, sagt Jens Südekum, Düsseldorfer Ökonom und Berater von Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) unserer Redaktion. „Neueste Daten zeigen, dass die USA auf eine Inflation nahe bei fünf Prozent zusteuern könnten. Zinssenkungen wie von Donald Trump gefordert verbieten sich da eigentlich von selbst. Trotzdem fordern einige Trump-nahe Vertreter in der Fed genau das“, so Südekum. Und Warsh werde nun beweisen müssen, dass er die Unabhängigkeit der Fed gegen die permanenten Angriffe und Anfeindungen von Trump verteidigen könne. Südekum: „Das Letzte, was die Weltwirtschaft jetzt braucht, ist eine schwache und willfährige Fed, die bloß Direktiven aus dem Weißen Haus umsetzt.“

Welchen Einfluss hat die Zinspolitik der Fed auf uns?

Die Zinspolitik der US-Notenbank beeinflusst Europa vor allem über Wechselkurse, Kapitalmärkte und die Inflation. Hohe US-Zinsen stärken oft den Dollar und erhöhen weltweit den Druck auf Anleiherenditen. Dadurch können auch in Europa Kredite teurer werden. Gleichzeitig beeinflusst die Fed die Entscheidungen der Europäischen Zentralbank (EZB), da starke Unterschiede bei den Zinsen Auswirkungen auf Wachstum, Exporte und die Preisentwicklung im Euroraum haben.

Welche Folgen hätte eine Fed-Leitzinssenkung für Europa?

Oliver Holtemöller, Leiter der Abteilung Makroökonomik und Vizepräsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, rechnet dann mit mehreren Auswirkungen. Eine Zinssenkung in den USA würde Abwertungsdruck auf den US-Dollar auslösen, was eine Aufwertung des Euro bedeuten würde, so der Ökonom zu unserer Redaktion. „Zusätzlich zu den Zöllen wäre das eine weitere Belastung für die exportorientierten Unternehmen im Euroraum“, so Holtemöller.

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Als schwerwiegender sieht er allerdings die Risiken für die Stabilität des internationalen Finanzsystems an. Denn mit einem solchen Schritt würde in der derzeitigen Lage wohl „Vertrauen in die US-Preisstabilität an den Märkten verloren gehen“. Dadurch würden etwa Risikoprämien steigen, was sogar trotz Leitzinssenkung zu steigenden Finanzierungskosten führen könnte, und es könnte im Extremfall zu größeren Turbulenzen an den Finanzmärkten kommen, erklärt der Wirtschaftswissenschaftler.

Was würde ein solcher Schritt für Aktionäre bedeuten?

Christian Röhl, Chefvolkswirt der Investment-Plattform Scalable Capital, rechnet dann mit einer negativen Reaktion der Märkte. Die USA böten derzeit kein Umfeld für Zinssenkungen. Kommt es doch so, sei das wohl ein „Hinweis darauf, dass die Unabhängigkeit der Notenbank erodiert“, sagt Röhl zu unserer Redaktion. Aktienkurse würden dann zunächst mal sinken.

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Und für Immobilienkäufer?

„Ein politisch motivierter Zinsabbau in den USA würde auch Immobilienkäufer in Deutschland treffen“, sagt der Zinsexperte Dirk Eilinghoff vom Geldratgeber Finanztip zu unserer Redaktion. Sinkende Zinsen bei gleichzeitig höherer Inflation würden zu höheren Risikoprämien für US-Staatsanleihen führen. Steigende Anleiherenditen in den USA hätten Folgen für deutsche Bundesanleihen und Pfandbriefe. „Da Banken diese Papiere zur Refinanzierung von Immobilienkrediten nutzen, würde Baugeld hierzulande teurer“, erklärt Eilinghoff. Eine Politik des günstigen Geldes in den USA würde auch die EZB unter Druck setzen, die Leitzinsen hierzulande zu erhöhen und länger auf einem höheren Niveau zu belassen. „Auch das ist keine gute Nachricht für Immobilienkäufer in Deutschland“, so der Zinsexperte.

Anders sieht es Michael Neumann, Vorstandsvorsitzender der Dr. Klein Privatkunden AG. Er sagt: „Für deutsche Immobilienzinsen hätte eine Fed-Senkung keine direkte Eins-zu-eins-Wirkung.“ Niedrigere Fed-Leitzinsen könnten aber das globale Zinsumfeld etwas entspannen und damit auch deutsche Bauzinsen indirekt stabilisieren oder leicht drücken. Spürbar wäre eine Entlastung aber wohl nur dann, wenn auch die EZB die Zinsen senken würde. Einen solchen Schritt erwarten Beobachter in diesem Jahr aber nicht.

Und wie würden sich Kryptowährungen verhalten?

Unklar. Sollte der Eindruck entstehen, dass geldpolitische Entscheidungen stärker politisch beeinflusst würden, könnte dies die Planbarkeit zukünftiger Zins- und Liquiditätsentscheidungen erschweren, sagt der Krypto-Analyst Timo Emden von Emden Research gegenüber unserer Redaktion. „Für Bitcoin könnte dies kurzfristig sowohl in die eine als auch in die andere Richtung wirken. Einerseits kann die Unsicherheit über die Unabhängigkeit der Fed zu ‚Risk-off‘-Bewegungen führen, bei denen Anleger Kapital aus volatilen Märkten abziehen“, erklärt der Experte. Möglich sei aber auch, dass die Erwartung einer potenziell lockereren, politisch motivierten Geldpolitik die Fantasie über mehr Liquidität stärken und Bitcoin und Co. sogar beflügeln könnte.