Digitalisierung

Darum lassen IT-Fachkräfte deutsche Unternehmen abblitzen

Berlin.  82.000 Technik-Stellen in Deutschland sind unbesetzt. Unternehmen buhlen um IT-Fachkräfte. Doch dabei begehen sie entscheidende Fehler.

Eine gute Work-Life-Balance, ein nettes Team und Aufstiegsmöglichkeiten sind ITlern oft wichtiger als hohe Gehälter und Statussymbole wie Dienstwagen.

Eine gute Work-Life-Balance, ein nettes Team und Aufstiegsmöglichkeiten sind ITlern oft wichtiger als hohe Gehälter und Statussymbole wie Dienstwagen.

Foto: iStockphoto/lechatnoir / iStockphoto

Emil Ahlbäck bezeichnet sich selbst als „typischen Tech-Nerd“. Schon früh begann der gebürtige Finne mit dem Programmieren, ihm schwebte eine Arbeitsstelle im Silicon Valley vor. Das Problem: „Mir gefiel die Idee, in den USA leben zu müssen, gar nicht“, sagt der 30-Jährige. In Finnland wollte Ahlbäck aber auch nicht bleiben. Also zog er vor fünf Jahren nach Berlin.

Über die deutsche Hauptstadt wusste er wenig, für seine Jobsuche als ITler hatte er aber klare Vorstellungen: Der Arbeitsplatz sollte nicht länger als eine halbe Stunde von seinem Wohnort entfernt liegen, er sollte Aufstiegschancen bekommen und eine gute Mischung zwischen Arbeit und Freizeit erhalten. Eine halbe Woche später hatte er bereits 13 Einladungen von Unternehmen auf dem Tisch liegen.

Fachkräftemangel in der IT: 82.000 Stellen sind unbesetzt

Wer als ITler in Deutschland eine Arbeitsstelle sucht, hat die Qual der Wahl. Laut Digital-Branchenverband Bitkom waren im vergangenen Jahr 82.000 Stellen in Deutschland unbesetzt – ein Anstieg um 49 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Tendenz ist seit Jahren steigend, in den letzten fünf Jahren hat sich die Anzahl der unbesetzten IT-Stellen gar verdoppelt.

Während sich die Konjunktur in Deutschland abkühlt, brummt die Tech-Branche weiter – so stark, dass die Unternehmen kaum noch hinterherkommen. Laut dem von Bitkom und dem ifo Institut für Wirtschaftsforschung herausgegebenen Digitalindex sollen in diesem Jahr Umsätze für IT-Produkte und –Dienste in Höhe von 168,5 Milliarden Euro zu Buche stehen. 40.000 zusätzliche Arbeitsplätze sollen im Vergleich zum Vorjahr entstehen, damit werden dieses Jahr rund 1,2 Millionen Arbeitnehmer in der IT-Branche beschäftigt sein.

Bitkom-Chef Berg wirbt für qualifizierte Zuwanderung

Obwohl sich die Geschäftslage laut Bitkom auf historischen Höchstmarken bewege, sind die Geschäftserwartungen verhältnismäßig gering. Die unbesetzten Arbeitsstellen dürften dabei eine nicht unwichtige Rolle spielen. Bitkom-Präsident Achim Berg ist alarmiert: „Jede vakante Stelle bedeutet: geringeres Wachstum, gedrosselte Wertschöpfung, Verlust an Innovationen und Rückstand im Standortwettbewerb“, sagte Berg unserer Redaktion.

Um den Fachkräftemangel dauerhaft zu beheben, müsse man schon früh ansetzen: „Wir müssen das Bildungssystem mehr auf die Vermittlung von Digitalkompetenz ausrichten“, fordert Berg. Außerdem will der Bitkom-Chef in der Männerdomäne IT stärker als bisher Frauen für technische Tätigkeiten begeistern. Vor allem aber wirbt Berg für eine Zuwanderung qualifizierter Arbeiter. Das könne gelingen, „indem wir Deutschland als Lebensmittelpunkt für Digitalexperten aus der ganzen Welt attraktiv machen.“

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Start-Up kehrt Bewerbungsprozess um

Den IT-Arbeitsmarkt attraktiv für ausländische Bewerber machen möchte auch Kaya Taner. Taner gründete vor vier Jahren zusammen mit Emma Tracey das Berliner Start-Up Honeypot. Das Geschäftsmodell des Jung-Unternehmens basiert auf einer simplen Idee: Es dreht den Bewerbungsprozess um.

Mitarbeiter geben ihre konkreten Vorstellungen auf dem Online-Portal an und erhalten dann Bewerbungen von Unternehmen zugeschickt.

ITler oft frustriert von Jobsuche

„Seitens der Unternehmen dauert die Personalsuche viel zu lange“, erklärt Taner den Hintergrund der Geschäftsidee. Vor Honeypot hatte der 41-Jährige bereits das Start-Up AppLift gegründet, eine Marketing-Plattform für Apps.

Damals suchte Taner selbst nach IT-Fachkräften und erhielt von ITlern die Rückmeldung, dass die Jobsuche oft frustrierend sei, da die Angebote oft nicht den Vorstellungen entsprachen. „Nach diesen Gesprächen war mir klar, dass es ein transparentes Modell geben muss, in dem man vorab alle Informationen bekommt“, sagte Taner.

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Honeypot ist Xing bis zu 57 Millionen Euro wert

Dieses Modell schuf Taner zusammen mit seinem Kollegen Tracey mit Honeypot, wo IT-Fachkräfte ihre Vorstellungen klar benennen können und dann von Firmen angeschrieben werden.

Das Duo traf offenbar einen Nerv: 125.000 Entwickler seien mittlerweile auf der Plattform registriert und über 1.700 Firmen vom DAX-Unternehmen bis zum Start-Up bei Honeypot vertreten. Auf das schnelle Wachstum wurde auch das Online-Karrierenetzwerk Xing aufmerksam wurde.

Im April kaufte der deutsche Marktführer unter den Karrierenetzwerken in der größten Einzelinvestition der Unternehmensgeschichte Honeypot. 22 Millionen Euro legte Xing dafür auf den Tisch, bei Erreichen der geforderten Geschäftszahlen Entwicklung könnten in den kommenden drei Jahren weitere 35 Millionen Euro fällig werden.

Statussymbole spielen kaum noch eine Rolle

Die Probleme deutscher Unternehmen, ihre IT-Stellen zu besetzen, hält Taner für hausgemacht. Denn oft gingen die Vorstellungen der Arbeitnehmer an den ITlern vorbei. „Aus einer Umfrage mit IT-Entwicklern auf unserer Plattform haben wir gesehen, dass Gehalt als Motivation für die Annahme eines Jobs nur an vierter Stelle landet. An erster Stelle steht für die Bewerber das Team, dann folgt die Work-Life-Balance und an dritter Stelle stehen die Entwicklungsmöglichkeiten“, sagt Taner.

Statussymbole wie Dienstwagen würden kaum noch eine Rolle spielen. Und auch bei der Arbeitszeit wollen die Arbeitnehmer laut Taner keine starren Systeme mehr: „Es geht vielmehr um einen Fokus auf Resultate als auf Arbeitszeiten. Auf ein Stechkartenprinzip hat heute keiner mehr Lust.“

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Honeypot-Chef Taner: Unternehmen sollten sich internationaler aufstellen

Vor allem aber könne der Fachkräftemangel gedämpft werden, wenn sich die Unternehmen für ausländische Bewerber stärker als bisher öffnen würden, ist Taner überzeugt. „Das Angebot bei deutschsprachigen IT-Spezialisten ist stark begrenzt“, sagt Taner.

Auch auf Honeypot sei nur jeder vierte ITler deutschsprachig. „Wenn eine Firma konkurrenzfähig bleiben will, dann muss sie global die besten Talente anzapfen und darf sich nicht nur auf ihre direkte Umgebung konzentrieren“, meint Taner.

In den Metropolregionen wie Hamburg und Berlin sei dies bereits erkannt worden, dort werde häufiger englischsprachig eingestellt. Bei kleinen und mittelständischen Unternehmen liege der Fokus dagegen nach wie vor auf deutschsprachigen Bewerbern.

„Man muss nicht gleich den Regler umkippen und auf einmal komplett englischsprachig werden“, sagt Taner. Aber Bereiche wie Innovationszentren oder neue Produktteams könnten auf Englisch aufgesetzt werden. Das Silicon Valley mache es bereits vor, sagt Taner: „Dort sind über 70 Prozent der IT-Spezialisten ausländischer Herkunft.“

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