Ex-Zeiss-Konzernchef stellte sein neues Buch zur Kapitalismuskrise vor

Peter Grassmann war da. Aber nicht einfach so als Pensionär, der er ist. Der promovierte Physiker, der als Zeiss-Konzern-Chef zwischen 1995 und 2001 auch in Jena die Geschicke der Weltfirma leitete, sprach am Dienstag im Melanchthonhaus über das Thema "Kapitalismus zähmen aber wie?".

Beim Signieren seines Buches Burn out gestern im Hotel Steigenberger Esplanade: der ehemalige Zeiss-Konzernchef Dr. Peter Grassmann. Foto: tlz/Thomas Stridde

Beim Signieren seines Buches Burn out gestern im Hotel Steigenberger Esplanade: der ehemalige Zeiss-Konzernchef Dr. Peter Grassmann. Foto: tlz/Thomas Stridde

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Jena. Schließlich hat der deutsche Top-Manager, der vor seiner Zeiss-Zeit bei Siemens Generaldirektor und Vorstandsmitglied war, gerade ein weiteres Buch geschrieben: "Burn out – Wie wir eine aus den Fugen geratene Wirtschaft wieder ins Lot bringen".

Vorab in seinem "Esplanade"-Hotelzimmer, 7. Etage, sagt er: "Schön, wieder in Jena zu sein", und schaut, mit einer Tasse Pfefferminztee in der Hand, entspannt über die Jenaer Dächer. Welche Erinnerungen an Jena er mit sich trägt? Natürlich "immer noch mit großer Freude", dass die Sanierung von Zeiss aufgegangen ist. "Auch die doch zum Teil riskanten Geschäftsstrategien in Jena – das find ich sehr gut."

Es sei interessant gewesen zu erleben, wie "Menschen 40, 50 Jahre in einer anderen Kultur leben und dann auf unsere Kultur überschwenken sollen". Oder Frau Nagel, die stellvertretende Betriebsratsvorsitzende, die ihm empfohlen hatte, die Augenheilkunde – Diagnose und Therapie – komplett nach Jena herzulegen. "Da kommt eine Betriebsrätin und sagt, du machst einen unternehmerischen Fehler. Du liebe Güte – wir haben ihn auch korrigiert. Sonst gäb’s heut’ die Zeiss Meditech nicht." Aber auch Lothar Späth gehöre dazu, dem die Überzeugungsarbeit bei den Betriebsräten zu danken sei, dass der Sanierungsweg richtig war. – Dazu diese Einladung "im Haus am Hügel" (vulgo: Zeiss-Gästehaus unterm Jenzig), als Späth "eine Davidoff Nr. 1 rausholte; ’ne Marke die ich sonst nicht so rauche".

Das Buch. Erste Skepsis gegenüber der Marktwirtschaft habe sich bei ihm manifestiert, als er für ein Jahr in den USA am Massachusetts Institute of Technology/Cambridge weilte. "Diese ständige Werbeberieselung und schon damals sichtbare ständige Verführung der Jugend!" Alle fünf Minuten Werbung! "Wie soll sich denn da so ein armes Kind konzentrieren?"

Und später natürlich die Korruption, die für ihn "kein Siemens-, sondern ein System-Thema" war und ist. Und immer diese Wellenbewegungen gerade in Lateinamerika und Fernost. "Himmelhoch jauchzend und dann alles kollabiert." Schon damals habe er gesagt: Diese Marktwirtschaft ist nicht exportfähig in schlecht entwickelte Länder. Die Schlüsselerlebnisse hin zur "Burn out"-Diagnose entfielen aber auf seine Zeit nach nach Siemens und Zeiss, als er mit Aufsichts- und Beiratsfunktionen zu tun hatte. "Als Müntefering den Begriff ’Heuschrecken’ verwendet hatte, sagte ich: Gut gewählter Ausdruck!" Auch Privatinvestoren seien mitunter "ethisch derart auf niederstem Niveau, dass man sagen konnte: Das begreif ich nicht."

Insofern lässt sich Grassmann auch nicht vom Hinweis "Du – einst als Teil des Systems" reizen. Er sei kein Anhänger der These, dass Konzerne die Schlimmsten seien. "Teile des Mittelstandes sind ein genau so großes Problem. Die schlimmsten Finanzinvestoren waren Mittelständler. "

Wie hält er es mit Marx, dem nachgesagt wird, in der Analyse richtig gelegen zu haben? "Die These liegt fundamental daneben. Marx hat die sozialpsychologischen Zusammenhänge total falsch eingeschätzt." Kollabieren am Schluss, weil das Kapital immer mehr in eine Hand kommt? – Nein, sagt Grassmann, "das ist nicht der Tatbestand. Für mich ist der Haupt-Haken, dass Marx die Kraft der Motivation übersehen hat. Und zur Motivation gehört der Wille des Freiseins. Der hat einen Einzelzusammenhang ergriffen und darauf eine Theorie entwickelt, und die war, weil sie nicht den Gesamtzusammenhang widerspiegelte, fundamental falsch."

Dialog. Das ist bei Grassmann ein Schlüsselwort. Er will weniger Staat, aber mehr Dialog zwischen Bürgern, Firmen, Nicht-Regierungsorganisationen und Verbänden. Nur: Ist Dialog nicht lahm?

"Ja, isser!", sagt Grassmann. "Ich vertrete da aber auch eine feinere Philosophie." Das Betriebsratsmodell etwa, das sei eine Verdichtung des allgemeinen Dialogs. Tausende würden repräsentiert durch einige Betriebsräte – und erst die würden mit der Unternehmensspitze kommunizieren.

Also: "Wenn ich einen ordentlichen Wertekodex machen will von einer Branche", sagt Grassmann, "brauch ich Personen, die Meinungen verdichten." – Das betreffe eben auch Führungsfiguren der Nichtregierungsorganisationen, Greenpeace etwa, die sehr gut Bescheid wissen, aber auch die andere Seite verstehen."

Wie jedoch kann ein Wertekodex bindend sein? "Sie brauchen Sanktionen" sagt Grassmann. Zwar seien Nationalstaaten in der Globalisierung geschwächt, aber sie könnten Rahmengesetze schaffen und Hebel: etwa den Wertekodex. In England etwa gebe es als Sanktion die schwarze Liste unerwünschter Aufsichtsräte.

Aber bitte, das verstehe er alles als einen Prozess. "Die Verbände sollten freiwillig beginnen. Insbesondere die Industrie- und Handelskammern sollten mal klären, was sie mit der ’Verpflichtung zum ehrbaren Kaufmann’ meinen." Einzelne IHKs hätten das schon ein bisschen näher definiert. Da gehe es um Nachhaltigkeit, Klimaschutz. "Da ist der erste Ansatz." Oder zum Beispiel der Immobilienverband. "Der überlegt sich gerade, was er tun kann. Es beginnt alles mit freiwilligen Diskussionen."

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