Wirtschaftskriminalität

Warum besonders jüngere Mitarbeiter Unternehmen bestehlen

Berlin.  Firmen werden laut den deutschen Versicherern oft Opfer der eigenen Mitarbeiter. Die greifen in die Kassen oder geben Daten weiter.

Die kriminellen Kollegen sind fast alle männlich, gerade einmal in sechs Prozent der untersuchten Fälle fügte eine Frau dem Unternehmen Schaden zu.

Die kriminellen Kollegen sind fast alle männlich, gerade einmal in sechs Prozent der untersuchten Fälle fügte eine Frau dem Unternehmen Schaden zu.

Foto: Thomas Imo/photothek.netvia www.imago-images.de / imago images / photothek

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Kriminelle Mitarbeiter und Vertraute im Umfeld von Unternehmen haben demnach im vergangenen Jahr mit Wirtschaftsstraftaten einen Versicherungsschaden von 225 Millionen Euro verursacht.Beschäftigte sind dabei für rund drei Viertel dieser Summe verantwortlich, teilte der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) am Mittwoch in Berlin mit.

Insgesamt registrierte der Verband 2400 solcher Fälle, in denen sogenannte Vertrauensschadenversicherungen eingesprungen sind.„Angesichts unserer Erfahrungen müssen wir davon ausgehen, dass jedes Jahr fünf bis zehn Prozent der deutschen Unternehmen von eigenen Mitarbeitern betrogen werden“, teilte der Vorsitzende der Arbeitsgruppe Vertrauensschadenversicherung beim GDV, Rüdiger Kirsch, mit.

Die Täter seien in der Regel männlich, schon länger bei den Unternehmen angestellt und häufig in Führungspositionen tätig. Bei den Betrugsmaschen seien der Phantasie keine Grenzen gesetzt: Von Diebstahl, Bestechung, Preisabsprachen oder Schwarzgeld sei alles dabei, sagte Kirsch.

Es gibt diesen Ausspruch: Ein Unternehmen ist immer nur so gut wie seine Mitarbeiter. Wie sehr das auch für den wirtschaftlichen Zustand eines Unternehmens zutrifft, zeigt der Fall von Joachim D. aus Remscheid: Joachim D. war keiner, der Entscheidungen verschleppte, Arbeitsprozesse verlangsamte oder die Arbeitszeit damit verschwendete, den neuesten Tratsch auszutauschen. Er war einer, der der Firma wirklich schadete.

Mitarbeiter klauen mehrere Millionen - im Jahr

Er ließ sich für sieben Millionen eine Villa bauen, mit eigener Bibliothek, Kaminzimmer und Aufzug. Seine Freizeit verbrachte er auf seiner für drei Millionen Euro in Hongkong gefertigten Jacht. Jahrelang trug er seinen Luxus zur Schau, aber keiner seiner Kollegen hinterfragte, woher dieser Wohlstand stammte.

Joachim D. zahlte sich als Prokurist beim Sicherheitstechniker Abus selbst Geld aus. Zwar verdiente er auch gut, trotzdem für eine spezialgefertigte Jacht, hätte sein Gehalt nicht gereicht. Erst als das 3000 Mitarbeiter starke Unternehmen in eine Krise geriet und Banker Nachfragen stellten, wurde klar, dass Joachim D., der Zugriff auf die Firmenkonten hatte, jahrelang Geld abzweigte. Die Veruntreuung von über 16 Millionen Euro gestand D. im vergangenen Jahr. Er wurde zu sechs Jahren Haft verurteilt, wogegen er in Revision ging.

Drei Viertel der Schadenssumme geht auf das Konto der eigenen Mitarbeiter

Beim finanziellen Schaden zeigt sich:

  • Nur ein Viertel wird von externen Tätern zugefügt,
  • 75 Prozent gehen auf die Konten der eigenen Kollegen – im Falle der untersuchten Schäden also für rund 170 Millionen Euro.
  • Bevor ein Täter ertappt wird, bringt er sein Unternehmen laut GDV durchschnittlich um fast 115.000 Euro – doppelt so viel Geld, wie externe Betrüger durchschnittlich erbeuten.

Nur die Spitze des Eisbergs

Dabei dürfte die Statistik der GDV nur die Spitze des Eisbergs sein. Experten schätzen, dass über 90 Prozent der Taten nicht entdeckt werden – entweder, weil sie niemanden auffallen oder weil es nicht zur Anzeige kommt.

„Prognosen gehen davon aus, dass fünf bis zehn Prozent aller Unternehmen in Deutschland betroffen sind. Das wäre ein Milliardenschaden“, sagte Rüdiger Kirsch, Vorsitzender der AG Vertrauensschadenversicherung im GDV. Bei den Fällen, die bekannt werden, zeige sich ein Trend: „Wir sehen, dass die Schadenszahlen leicht nach oben gehen.“

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Je jünger der Mitarbeiter, desto eher stiehlt er

Wer aber sind die Kollegen, die in die Kasse greifen, betriebliche E-Mails an die Konkurrenz verschicken oder Preise absprechen? „Je jünger der Arbeitnehmer ist, desto häufiger stiehlt er – aber eher kleinere Dinge“, sagt Kirsch. Chefs würden dagegen weniger klauen als ihre Mitarbeiter. Wenn sie aber zuschlügen, würden sie ihre Aktion geplant und strukturiert durchführen und hohe Summen veruntreuen.

Auf der Suche nach Täterprofilen hat der Leipziger Strafrechtsprofessor Hendrik Schneider alle Urteile der drei Berliner Wirtschaftsstrafkammern im Jahr 2007 ausgewertet. Sein Ergebnis: Die kriminellen Kollegen sind fast alle männlich, gerade einmal in sechs Prozent der von Schneider untersuchten Fällen fügte eine Frau dem Unternehmen Schaden zu. „Entweder werden Frauen nicht entdeckt, sie werden nicht straffällig oder aber sie verbergen ihre Taten cleverer“, sagte Schneider.

Oft ist eine persönliche Krise der Auslöser

Anhand der Daten ermittelte der Strafrechtler verschiedene Charakteristika der Täter: Zum einen gebe es die Gelegenheitsergreifer. Diese zeichneten sich durch gebrochene Berufsbiographien aus, oft fehle die Kontrolle durch das persönliche Umfeld. Sie würden sich kurzfristige bietende Gelegenheiten nutzen, ohne dabei das langfristige Risiko, entdeckt zu werden, abzuwiegen.

Zum anderen gebe es aber auch Krisentäter, die beispielsweise gerade eine Scheidung hinter sich hätten. Dabei handele es sich laut Schneider meist um aufstiegsorientierte Männer über 40 Jahre, die auch zum Top-Management gehören können. Sie machen 40 Prozent der Tätertypen aus.

Hinzu kommen noch Abhängige, die von einem Haupttäter mit ins Boot geholt würden und sich der Situation nicht widersetzen könnten und Unauffällige. Letztere Gruppe sei am schwersten zu erkennen, da sie keinerlei Risikofaktoren aufweise, aber immerhin ein Fünftel aller Täter ausmache.

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Mittelständische Unternehmen sind besonders gefährdet

Besonders gefährdet seien kleine und mittelständische Unternehmen (KMU), bei denen viel mit Bargeld gehandelt werde, sagt Rechtsanwalt Jesko Trahms.

Während es bei großen Konzernen meist ein sogenanntes Compliance-Management-System (CMS) gebe, das Risikobereiche absichere und ein Hinweisgeber-System aufbaue, würde bei KMUs das gegenseitige Vertrauen eine große Rolle spielen. Auch würden sich Kollegen eher decken. „In Deutschland ist es weit verbreitet, dass es als Verstoß gegen einen Ehrenkodex gilt, jemanden zu denunzieren“, sagte Trahms.

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Anzeige bedarf gewisser Abwägungen

Aber selbst wenn es einer Firma gelänge, einen kriminellen Mitarbeiter ausfindig zu machen, bliebe sie oft auf dem Schaden sitzen: „Das Geld ist durch den Schornstein, da holen sie nichts wieder“, sagte der Rechtsanwalt.

Für Unternehmen sei es zudem oft eine Abwägung, ob man den Fall überhaupt zur Anzeige bringt. „Dem Mitarbeiter droht Gefängnis, zudem rückt das Unternehmen in das Blickfeld der Öffentlichkeit. Bei einem Anfangsverdacht spricht daher viel für eine interne Untersuchung“, empfahl Thrams.

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