Arbeitskampf

Warum immer häufiger gestreikt wird, aber keiner es merkt

Berlin  Wenn nicht Bahnen oder Flugzeuge stillstehen, schaffen es Streiks kaum in die Öffentlichkeit. Dafür gibt es hauptsächlich drei Gründe.

Ein Plakat mit einem Streikaufruf zum Kita-Streik in Dresden wurden offensichtlich wenig beachtet.

Ein Plakat mit einem Streikaufruf zum Kita-Streik in Dresden wurden offensichtlich wenig beachtet.

Foto: imago stock&people / imago/Sven Ellger

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In der vergangenen Woche drohte wegen eines Streiks, das Bargeld in Deutschland knapp zu werden. Doch am Ende bereiteten sich die Banken auf den Ausstand der Geldboten so gut vor, dass die Kunden am Automaten davon nichts mitbekamen. Dass Streiks derart verpuffen und in der Öffentlichkeit kaum Erwähnung finden, ist keine Seltenheit – dabei wird seit Jahren immer mehr gestreikt.

Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung erfasst Kennzahlen zu den Arbeitskämpfen in Deutschland. Demnach hat es in den Jahren 2010-2015 (mindestens 145) weit mehr Arbeitskämpfe gegeben als etwa von 1975-1980 (Höchstwert 1979: 118). Auch die Zahl der ausgefallenen Arbeitstage ist laut Agentur für Arbeit von 24.501 (2010) auf 1.092.121 (2015) angestiegen.

Warum Streiks in Vergessenheit geraten

Doch während in den vergangenen Jahren auf den ersten Blick mehr gestreikt wurde, blieben die einzelnen Ausstände kaum in Erinnerung. Kein Vergleich zu dem so genannten Türkenstreik bei Ford im Jahr 1973, der mit Polizeigewalt beendet werden musste. Auch sind heutige Streiks kaum mit der Besetzung einer Rheinbrücke durch Zehntausende Stahlarbeiter in Duisburg 1987 zu vergleichen.

Wer an das Streikjahr 2015 denkt, erinnert sich gerade noch an die Arbeitsniederlegungen der Piloten und Lokführer. Die übrigen gut 200 Streiks 2015 bleiben vor allem aus drei Gründen in Vergessenheit:

Die Einstellung zur Arbeit: Die Einstellung der Generationen zur Arbeit hat sich verändert. Die so genannten Millennials (Jahrgänge 1981-1999) etwa lösen laut einer Studie der Wayne Universityin den USA Probleme auf der Arbeit direkt mit ihren Chefs. Klappt dies nicht, wechseln sie Strukturen wie den Arbeitsplatz, so das Ergebnis der Studie vom Herbst 2016. Die Generation der Baby-Boomer (1946-1964) hingegen war eher zu Demonstrationen und Streiks bereit, scheute aber den einzelnen Konflikt im Büro. Die Baby-Boomer gingen für Themen wie die 35-Stunden-Woche, das Ende des Vietnam-Krieges oder das Ende der Atomenergie auf die Straße, ihrem direkten Vorgesetzten gehorchten sie aber.

Die Größe der Streiks: Das WSI der Hans-Böckler-Stiftung wertet seit 2005 die Anzahl der Streiks nach einer neuen Methodik aus. Zwischen 1981 und 2005 gibt es nach Angaben des Instituts zwar eine Datenlücke. Trends bei der Anzahl der Arbeitskämpfe lassen sich dennoch ablesen, doch was ist schon ein Arbeitskampf?

„Als Arbeitskampf wird jeder Tarifkonflikt gezählt, in dem es mindestens zu einer Arbeitsniederlegung oder Aussperrung kam“, sagt Heiner Dribbusch vom WSI. Die Größe des Betriebs spiele keine Rolle, so Dribbusch, „so dass die großen Warnstreiks im Rahmen der Metall-Tarifrunde ebenso als ein Arbeitskampf zählen, wie der Kampf um einen Haustarif, in einer kleinen Brauerei mit weniger als 20 Beschäftigten“. Laut WSI hat sich 2015 der Großteil der Streiks- um Haus- und Firmentarife gedreht. Von diesen Ausständen haben maximal die Betroffenen etwas mitbekommen. Oder erinnern Sie sich an den zweistündigen Streik bei der Lübzer-Brauerei mit 50 Teilnehmern im Juni 2015?

Die Konkurrenz der Gewerkschaften führt dazu, dass Arbeitskämpfe längst nicht nur zur Verbesserung von Arbeitsbedingungen geführt werden. Die Gewerkschaft Verdi stehe laut einer Studie des arbeitsgebernahen Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) etwa in der Luftfahrtbranche in einem Wettbewerb mit den Gewerkschaften Ufo und Cockpit. Öffentlichkeitswirksame Streiks würden hier auch genutzt, um Mitglieder von der Konkurrenz abzuwerben. Eine endgültige Einigung in der gesamten Branche steht seit längerem aus.

(mit dpa)

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