„Der Bewohner ist schwerhörig und dement“, sagt Anja Kuriat. Als wir durch die Glastür in den Flur der Station hineinsehen, liegt Herr S. auf seinem Lieblingssessel und schläft. „Manchmal bleibe ich nur zehn Minuten, manchmal auch länger. Dann lese ich aus seinem Lebenslauf vor, den ich für ihn aufgeschrieben habe. Manchmal gibt es ein Lächeln. Das sind kostbare Momente.“

Sonntag
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Anja Kuriat ist Koordinatorin für ambulanten Hospizdienst und palliative Beratung, so die offizielle Bezeichnung. Zusammen mit ihrer Kollegin Christine Mosbach betreut und koordiniert sie die Einsätze bei Sterbenden, unheilbar Kranken und ihren Familien von mittlerweile fast siebzig ehrenamtlichen MitarbeiterInnen. Beide kommen als gelernte Krankenschwestern aus der Palliativpflege und bringen viel Erfahrung für diese so besondere Tätigkeit mit.
„Warum schieben wir das Sterben noch immer beiseite?“
Wenn telefonisch eine Anfrage eingeht, ob von Hilfe suchenden Angehörigen, ob aus Pflegeheimen, der Klinik oder der Häuslichkeit, sind sie zuerst vor Ort, machen sich ein Bild von der Situation und den Betroffenen und entscheiden: Wer passt für die Begleitung, wer hat Kapazität? Bisweilen sind es nur Stunden oder Tage bis zum Abschied, die Betreuung kann aber auch Wochen und Monate dauern. Niemand weiß im Voraus, wie ein Sterbeprozess verläuft.
Herr L. ist erst seit einer Woche eingezogen, ein sonniges Einzelzimmer mit Balkon, die Markise ist heruntergelassen. Er war lange im Krankenhaus. „Ich wollte nur mal schauen, wie es Ihnen geht!“ Der Patient freut sich über den Besuch. Seine Augen sind wach und funkeln, der Kopf ist kahl. „Tja, auf die Haare kommt es jetzt nicht mehr an“, meint er. Da sein. Zuhören. Einfühlen. „Warum schieben wir in unserer Gesellschaft das Sterben noch immer beiseite?“, frage ich. „Warum gehört es nicht zu unserem Leben wie Geborenwerden, wie Ausgang zu Eingang?“
„Um Menschen aus verschiedensten Lebensaltern für dieses Thema zu sensibilisieren, wurde eine Fülle von Angeboten entwickelt“, antwortet Christine Mosbach. „Kids and Teens“ wendet sich an Acht- bis Sechzehnjährige, interaktiv und spielerisch lernen sie hier das „kleine Einmaleins“ der Sterbebegleitung. Für Pflegeheime und ihre Mitarbeiter gibt es die „In house“-Schulung, Tagesseminare oder Kurse in „Letzter Hilfe“ wie an der Volkshochschule sollen informieren und Orientierung bieten. Zu DDR-Zeiten war der Tod ein Tabu. Nicht selten wurden in den Kliniken die Betten mit Sterbenden einfach im Badezimmer abgestellt. In Erfurt lag damals am Rand des Steigerwaldes eine Einrichtung für unheilbare Fälle, Schwerstkranke, Demente, ein Ort, der gemieden wurde. Der leitende Arzt war der Einzige, der sich als Mensch verantwortlich fühlte.
Authentisch bleiben, wenn Sterbende besucht werden
Ich frage Christine Mosbach, was ihre Beweggründe sind, in diesem Beruf zu arbeiten. „Zwei frühe Erfahrungen mit dem Sterben haben mich geprägt“, sagt sie. „Da blieb so vieles offen, gab es keine gute Versorgung. Das geht auch anders!“ Über viele Jahre war sie in Göttingen leitend in einer Palliativstation tätig und hat Pflegende in Palliative Care ausgebildet. Als 2018 eine Koordinatorenstelle beim Trägerwerk Soziale Dienste frei wurde, war schnell klar: „Hier bin ich am richtigen Platz, kann gestalten, beraten, vermitteln, anleiten!“
Für die regelmäßigen Weiterbildungen der Begleiterinnen und das Trauercafé steht in der Schwanseestraße die Begegnungsstätte zur Verfügung, ein großer, lichtdurchfluteter Raum. Die Stühle sind im Kreis gestellt, die Mitte ist geschmückt: violette Herbstastern und eine hellgelbe, leuchtende Kerze. Heute geht es darum, wie es gelingen kann, authentisch zu bleiben, wenn Sterbende besucht werden. Das, was wir als Menschen sind, was wir an Zeit und Einfühlung schenken, reicht aus. Da sein. Zuhören. Trotzdem, ohne intensive Schulung geht es nicht. Wie ist das eigene Verhältnis zum Thema Tod? Wie grundlegend das Wissen über Sterbephasen, über Formen der Bestattung, Aspekte von Selbstfürsorge, Nähe und Distanz?
Gedicht
In der Achselhöhle Gottes / sagt sie auf meine Frage, /
wo sie sich jetzt / befinde. //
Der Kalender sortiert vergeblich / die schwimmenden / Tage. //
Wir blättern / in losen Seiten, / lauschen der Singdrossel / nach. //
Es gibt Junge, / soviel / ist sicher
Anmerkungen: Das unveröffentlichte Gedicht „In der Achselhöhle Gottes“ ist der 2020 in Tiefurt verstorbenen Dichterin und Musikwissenschaftlerin Ingeborg Stein gewidmet. Die Titelzeile stammt von ihr. Das Zitat „Am Ende ist es nicht wichtig …“ ist von Christine Mosbach.
Jedes Frühjahr beginnt eine neue, einjährige Ausbildung, „Sterbende begleiten lernen“, die von Christine Mosbach und Anja Kuriat geleitet wird. So wächst der Kreis der Ehrenamtlichen stetig an. Das Trauercafé wird mittwochs und donnerstags angeboten, alle vier Wochen. Zwei Besucherinnen sind gekommen, beide haben ihre Mütter vor einiger Zeit verloren. Familiengeschichten blättern sich auf, ein ganzes Jahrhundert wird durchschritten, zwei Weltkriege, Nachkriegswirren, Großmütter, Mütter, Töchter werden lebendig. Wie bin ich geworden, die ich heute bin? Darf ich die Trauer zulassen, hören, was sie mir sagen will? Hier hat alles Platz, Reden und Schweigen, Lachen und Weinen. Miteinander Sein. „Jeder Mensch hat seine Geschichte“, sagt Anja Kuriat. Von klein auf interessiert sie sich für Lebenserzählungen, ist das Bedürfnis, anderen beizustehen, ein Grundimpuls. Über Stationen in der Kinderonkologie und im Stationären Weimarer Hospiz gelangt sie 2021 als Koordinatorin an die Seite von Christine Mosbach. „Nicht zu urteilen, wertschätzend mit Sterbenden umzugehen, ist mir wichtig. Man lernt Demut und Dankbarkeit in dieser Arbeit.“
Frau B. lebt schon lange im Heim. An der Wand hängen Fotos ihrer Enkelkinder. Aber die Familie ist überfordert mit der Demenz der Großmutter. Frau B. spricht nicht mehr. Sie sitzt vor ihrem Kuchenteller und weiß nicht, wie man isst. Leise wird ein Volkslied angestimmt. „Kommt ein Vogel geflogen“. Ihre Miene hellt sich auf, die Lippen bewegen sich. Einige Zeilen singt sie ohne zu stocken, mit zarter, brüchiger Stimme. „Am Ende ist es nicht wichtig, was man sein Leben lang getan oder wie viel Geld man verdient hat. Am Ende ist eigentlich nur wichtig, wie viel Mensch man war.“
Weitere Infos: Tel. 03643/853663, twsd-wohnenplus.de/hospiz/ hospizdienst-weimar

Zur Serie
2025 bat der Thüringer Literaturrat 18 Autorinnen und Autoren, für die Reihe „Mittendrin – literarische Perspektiven auf unsere Gesellschaft“ über Personen oder Situationen zu schreiben, die mitten in unserer Gesellschaft stehen und doch nicht immer im Mittelpunkt. Die Thüringische Landeszeitung veröffentlicht diese Texte jetzt in gekürzter Form.
Die vollständigen Fassungen lassen sich auf literaturland-thueringen.de nachlesen. Die TLZ dankt dem Thüringer Literaturrat für die gute Zuarbeit – und allen Mitwirkenden für ihre Arbeit und ihr Vertrauen. Der Thüringer Literaturrat dankt der Kulturstiftung Thüringen für die Förderung des Projekts. red





