Der 14. Oktober 1990 ist für Thüringens SPD ein bitterer Tag. Mit 22,8 Prozent der Stimmen landet sie auf Platz zwei in der Wählergunst – und dies in einem einstigen Stammland der Sozialdemokratie. Die Thüringer CDU dagegen verfehlt die absolute Mehrheit der Sitze im Landtag mit 43,4 Prozent um ein Mandat. Ministerpräsident wird am 25. Oktober 1990 CDU-Spitzenkandidat Josef Duchac in einer Koalition mit den Freien Demokraten (FDP).

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Der Grund für das Debakel der Thüringer SPD lag auch in der Person des Spitzenkandidaten, Friedhelm Farthmann (1930–2024). Der Ostwestfale wurde mit Thüringen nie recht warm und die Thüringerinnen und Thüringer konnten sich mit dem als ruppig-robusten Politiker nicht anfreunden. Farthmann zog nach der Wahlschlappe wieder gen Westen und ließ seine Thüringer Genossen im Stich.

Landesparteitag der SPD am 25. August 1990 in Jena mit Friedhelm Farthmann, Johannes Rau und Peter Laskowski.
Landesparteitag der SPD am 25. August 1990 in Jena mit Friedhelm Farthmann, Johannes Rau und Peter Laskowski.© Jens König

Dabei hatte es für die Thüringer SPD gut begonnen. In ihren Reihen waren viele Bürgerbewegte, die die friedliche Revolution vorangetrieben hatten. Am 27. Januar 1990 wurde an historischer Stätte, im Gothaer Tivoli, der Landesverband der SPD neu gegründet. Mit dabei: SPD-Ikone Willy Brandt (1913–1992) und der als Vater der Entspannungspolitik geltende und aus Treffurt stammende Egon Bahr (1922–2015). Zuvor hatte Brandt auf dem Gothaer Hauptmarkt mehr als 100.000 Menschen mit einer Rede begeistert. Die sozialdemokratische Parteizeitung „Vorwärts“ titelte euphorisch: „Ein neuer Anfang für die SPD – und wieder in Gotha“.  Im Tivoli war 1875 die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) gegründet worden, der unmittelbare Vorläufer der SPD.

Undatiert: Die soziale Kraft
Unter dem Schriftzug „Die soziale Kraft" sind Friedhelm Farthmann, Willy Brandt und Johannes Rau zu sehen.© WAZ FotoPool | OTTO, INGO

Die neue Partei stürzte gleich in große Turbulenzen und verschliss mit Wilfried Machalett und Bernd Brösdorf in den ersten acht Monaten gleich zwei Vorsitzende, bis dann Peter Laskowski übernahm und die Partei bis zum Januar 1991 führte.

Farthmann galt bei vielen Politikerinnen und Politikern im Westen 1990 bereits als Auslaufmodell. Und in Thüringen kannte er sich überhaupt nicht aus. Er räumte im TLZ-Gespräch ein, bis zu seiner Spitzenkandidatur nur einmal die Wartburg besucht zu haben. Was ihm vor allem fehlte, war das richtige politische Gespür für die ostdeutsche Sozialdemokratie. Denn die blickte auf eine stolze Wende-Tradition zurück. Viele ihrer Protagonisten hatten, so wie beispielsweise Christoph Matschie aus Jena und Harald Seidel (1945–2023) aus Greiz, aktiv die Proteste unterstützt und waren bei der Neuorganisation der Ost-SPD aktiv gewesen.

Wahl zum Thüringer Landtag 1990
Am 14. Oktober 1990 warten Zuschauer vor dem Fernseher auf die ersten Hochrechnungen zur Landtagswahl.© Sascha Fromm | Sascha Fromm

Der Landtagswahlkampf 1990 wurde ein regelrechtes Fiasko. „Ich musste denen erst mal klarmachen, dass man die Macht auch wollen muss“, sagte Farthmann. Und im „Spiegel“ jammerte er über die Lage 1990: „Es gibt keine Gebäude, keine Administration, keinen Staatssekretär, nicht einmal eine Sekretärin.“ Das Wahlprogramm der Thüringer SPD bestehe nur aus Allgemeinplätzen, meckerte Farthmann. Kein Wunder, dass die Genossen in Thüringen wenig Lust hatten, für ihn Wahlkampf zu machen. Die Quittung erteilten dann die Wähler an jenem 14. Oktober 1990. Von den damals enttäuschenden 22,8 Prozent kann die heutige SPD im Land aber nur träumen …

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