Am 30. März 1990 veröffentlicht die TLZ einen „Aufruf zur Mitarbeit“ der Initiativgruppe Buchenwald 1945–50. „Die Initiativgruppe bejaht eine demokratische Entwicklung in Deutschland und lehnt faschistisches oder rechtsradikales Gedankengut ab. Sie will Aufklärung und Gedenken, aber keine Rache“, heißt es dort. Jedwede Vereinnahmung durch Rechtsradikale wurde abgelehnt und klargestellt, dass das Gedenken an die Verbrechen der Sowjets nicht das Gedenken an die nationalsozialistischen Verbrechen auf dem Ettersberg relativieren soll.

Gedenken an Speziallager 2 in Buchenwald
Überlebende und Angehörige, Politiker sowie Gedenkstättenmitarbeiter erinnern alljährlich bei Treffen der Initiativgruppe Buchenwald an die Opfer des sowjetischen Speziallagers Nr. 2 auf dem Ettersberg. Im Nachkriegslager auf dem Gelände des ehemaligen KZ der Nazis waren insgesamt etwa 28.000 Menschen eingesperrt, rund 7000 starben. Hier ist im Jahr 2022 der Leiter der Gedenkstätte, Jens-Christian Wagner, mit der Gründerin der Initiativgruppe Buchenwald, Heidrun Brauer, zu sehen. Foto: Hanno Müller© Hanno Müller | Hanno Müller

Am 10. März 1990 war die Gruppe von Heidrun und Lothar Brauer gegründet worden. Im Laufe der Zeit fanden weitere ehemalige Internierte und deren Angehörige zusammen.

Sowjetisches Speziallager Buchenwald
Im Wald finden sich solche Stelen. Sie erinnern daran, dass hier zahlreiche Personen, die im Speziallager den Tod gefunden hatten, anonym verscharrt wurden. © Hanno Müller

Hanno Müller, damals Redakteur der Thüringer Allgemeinen, hatte Anfang des Jahres 1990 den Stein ins Rollen gebracht. Am 9. Februar 1990 veröffentlichte er einen aufsehenerregenden Text unter dem Titel „Zumutbare Wahrheiten“. Darin berichtete er über Knochenfunde nördlich des ehemaligen Konzentrationslagers. Dort, wo heute viele Stelen an die Opfer erinnern, waren viele Tote des sowjetischen Speziallagers Buchenwald begraben worden. Andere Thüringer Zeitungen, auch die TLZ, stiegen in die Berichterstattung ein, rüttelten an einem Tabu-Thema, das die Menschen nicht nur in Weimar, sondern in ganz Thüringen bewegte.

Die damalige Direktorin der Gedenkstätte, Irmgard Seidel, schrieb schon im Januar 1990 an den Erfurter Bezirksstaatsanwalt: „Inzwischen geht es längst nicht mehr nur um die Beantwortung entsprechender Fragen meiner Mitarbeiter. Täglich erreichen mich Briefe mit der Forderung nach Aufklärung von Sachverhalten zum sowjetischen Internierungslager. Damit diese Arbeit nicht zusätzlich durch Gerüchte oder Unwahrheiten belastet wird, ist eine baldmögliche Klärung unerlässlich.“ Dieses Schreiben findet sich heute in der Online-Präsentation der Gedenkstätte Buchenwald.

Hunderte von Briefen gingen in den Redaktionen ein. Es waren bewegende Schicksale darunter: Internierte schilderten Details ihrer schlimmen Haftumstände und Angehörige erhofften sich jetzt, nach der Wende, endlich Aufschluss über das Schicksal ihrer Großväter und Großmütter, ihrer Mütter und Väter.

Speziallager Buchenwald
Die Erinnerung an seinen Großvater Carl Schaa, der im Speziallager 2 in Buchenwald Ende September 1945 als unschuldiger Häftling verstarb, pflegt Karl-Volker Blaschke. Dieses Bild entstand im September 2020.© Gerlinde Sommer | Gerlinde Sommer

Aus den Schreiben sprach eine Mischung aus Erleichterung, endlich über die Dinge reden zu können, die so lange unter der Decke gehalten wurden, über die niemand sprechen durfte, einerseits. Und andererseits wurde in den ersten Monaten des Jahres 1990 auch die Angst deutlich, die Wende könnte möglicherweise nicht von Dauer sein. Das macht ein Interview des Fernsehmagazins „Panorama“ aus jener Zeit deutlich. Ja, sie habe immer noch Angst, über das Speziallager öffentlich zu reden, erklärt darin Ursula Wirsing, die selbst dort interniert gewesen war. Sie habe verschiedene ehemalige Insassen angeschrieben, um die Geschehnisse aufzuarbeiten. „Aber die meisten wollen das nicht, die haben auch noch Angst.“

Aber nicht alle ließen sich von dieser Angst überwältigen, wie die Gründung der Initiativgruppe eindrucksvoll belegte.  

Die TLZ hat im Laufe der Jahrzehnte über viele Lebenswege, die ins Speziallager führten, berichtet.
Die TLZ hat im Laufe der Jahrzehnte über viele Lebenswege, die ins Speziallager führten, berichtet.

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