Songwriter-Duo Milliarden feiert Chaos und Anarchie

Jena  Das Songwriter-Duo Milliarden begeistert zur Kulturarena in Jena mit rebellischen Texten und rotzigem Beat.

Milliarden in der Kulturarena Jena 2019.

Milliarden in der Kulturarena Jena 2019.

Foto: Marcus Schulze

„Ich will alles für immer“ – diese größenwahnsinnige Forderung stammt aus dem Song „Kokain und Himbeereis“ und markiert den Aufbruch von Sänger Ben Hartmann und Keyboarder Johannes Aue in die nicht gerade spärlich besetzte deutsche Singersongwriter-Szene.

Mit „Kokain und Himbeereis“ begann 2014 die Karriere der Milliarden. Das ist gar nicht lange her. Mit dem Namen Milliarden hatte das Duo klargestellt – auf der einen Seite halten sie nichts von Maßhalten, was das Rocken und Reimen betrifft, auf der anderen Seite sind sie eben nicht anders als Milliarden andere Menschen. Aus dem Duo wurde eine Band, die Sympathiepunkte in Film und Fernsehen gesammelt, einen Bandcontest durchgestanden, Vorgruppe für Ton Steine Scherben war, in Jena vor 300 Leuten im Kassablanca sang und mit „Betrüger“ und „Berlin“ zwei erfolgreiche Alben hat. Am Samstag nun gab es zum zweiten Mal Milliarden-Musik in Jena, diesmal vor rund 1000 Zuhörern in der Kulturarena.

Heiser-rauchige Stimme von Ben Hartmann Markenkern der Band

Noch immer ist die heiser-rauchige Rio-Reiser-Stimme von Ben Hartmann Markenkern der Band. Noch immer beseelt die Texte der Wunsch nach allem für immer, getragen vom Wunsch, jeden Einzelnen und zugleich die ganze Welt in den Arm zu nehmen. Als wolle man den Typen toppen, der einst neben dem Arenagelände ein Gartenhäuschen und mit 26 gedichtet hatte: „Seid umschlungen Millionen, diesen Kuss der ganzen Welt.“ Ob Songs wie „Betrüger“ oder „Berlin“, „Freiheit ist eine Hure“ oder „Die Toten vom Rosenthaler Platz“ – es geht ums eigene Leben, um Liebe und Versagen, Sehnsucht und Scheitern. Das ist gefühlig bis zum Anschlag, aber genau und schonungslos beobachtet und hat genau die richtige Dosis schrägen Punk und Selbstironie, um meilenweit von ödem Pop entfernt zu sein.

Irgendwie schön und sympathisch, dass Pannen zum Milliarden-Programm gehören. Am Samstag schweigt mal die Gitarre, mal das Keyboard, mal fällt das Licht aus. Hartmann erzählt Scherzchen, während der Techniker über die Bühne wuselt. Das killt die Stimmung nicht, schon gar nicht bei den Fans, die verschnaufen können. Wer kann schon zwei Stunden durchhüpfen.

Doch Hartmann kalauert nicht nur, er nutzt die Gelegenheit mehrfach zum Appell an die Damen und Herren, bei den anstehenden Landtagswahlen gegen die AfD zu stimmen. Dass Milliarden Position beziehen gegen rechts, gegen Nationalisten, Rassisten und Homophobe, gegen Menschenverächter und Leute, die anderen vorschreiben wollen, wie sie zu leben haben – dafür stehen ihre rebellischen Texte und der rotzige Beat. An diesem intensiven Abend werden in Jena auf lässig-disziplinierte Art Chaos und Anarchie gefeiert.

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