Auch wenn die Grönland-Krise vorerst abgewendet scheint, hat sie den Europäern eines vor Augen geführt: Die Welt hat sich verändert und ist komplizierter und gewaltvoller geworden. Einer, der sich in dieser neuen Welt exzellent auskennt, ist der Geopolitik-Experte Herfried Münkler, der am Donnerstagabend in dem ZDF-Talk von Maybrit Illner zu Gast war.
Münkler beschreibt bei Illner die drei Imperien, die aktuell die Welt dominieren und darauf aus sind, ihre Macht auszubauen: „China mit Geld und Wirtschaftskraft, Russland, das wirtschaftlich schwach ist, aber deshalb auf militärische Gewalt setzt, und die USA, die über alle möglichen Machtsorten verfügen.“
Die Frage, die nach dieser Erklärung offenkundig ist, lautet: Wie kann Europa inmitten dieser Imperien bestehen? Und genau dem widmet sich die Runde bei Maybrit Illner wohltuend ausführlich und sachlich.
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Expertin bei „Illner“: Europa muss zusammenwachsen, um zu bestehen
Das liegt auch an der guten Zusammensetzung der Runde. So ist zum Beispiel die Ökonomin Stormy-Annika Mildner eingeladen. Sie drängt darauf, dass Europa wirtschaftlich stärker zusammenwachsen muss: „Wenn wir die Barrieren im eigenen Markt angehen würden, hätten wir einen unglaublichen Wachstumsimpuls.“
Das würde zugleich auch die Position in einem möglichen Handelskrieg stärken, wie er mit den USA drohe. Aktuell sieht sie Europa dafür noch nicht gewappnet: „Jede Maßnahme, die wir ergreifen, schadet auch uns selbst. Das macht es schwer, zu manövrieren.“
Münkler ergänzt, dass Drohungen wie Strafzölle bereits wirken können, ohne dass man sie umsetzen muss und sich damit selbst schadet: „Wenn man von vornherein schon denkt: Das könnte mir aber auch wehtun – dann hat man das Spiel schon verloren.“ Und so konnte die EU ja tatsächlich einen Punktsieg gegen Donald Trump einfahren. In Davos verkündete der US-Präsident, dass die Strafzölle jetzt erst einmal vom Tisch seien. Das lag zwar nicht nur an den europäischen Gegendrohungen, sondern auch an innenpolitischem Druck gegen Trump, aber geschadet hat das starke Auftreten offenbar nicht.
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Münkler fordert rein europäischen Generalstab und EU-Truppen
Ganz anders sind die Kräfteverhältnisse weiterhin in militärischer Hinsicht, wo Europa stark abhängig von den USA ist. Doch auch hier zeigt die Runde Wege aus dem Dilemma. Die Sicherheitsexpertin Sarah Pagung plädiert für eine Doppelstrategie: „Wir müssen den US-Schutz noch so lange erhalten, bis wir alleine handlungsfähig sind.“
Auch das ist ein Grund, warum die europäischen Staatschefs mit Ausnahme von Macron Trump gegenüber so vorsichtig auftreten. Man will verhindern, dass die USA zu früh komplett aus dem Bündnis aussteigen, bevor in Europa wichtige Schritte gegangen sind.
Münkler benennt hier klar, was es braucht: einen rein europäischen Generalstab und einen europäischen Oberkommandierenden, der über die EU-Truppen verfügt, aber auch über eine gemeinsame nukleare Abschreckung. „Wenn das geschafft ist, dann laufen viele Dinge quasi von selber“, schließt Münkler ausgesprochen optimistisch.
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Frankreich wolle Unabhängigkeit von USA – Polen und Osteuropäer skeptisch
Nur, der Weg dahin ist noch lang und Europa ist gespalten. Pagung erklärt, dass es aktuell drei Lager in der EU gebe. Da wären die Franzosen, die traditionell eine stärkere Unabhängigkeit der EU von den USA anstreben.
Dem stünden allerdings die Osteuropäer wie Polen oder die baltischen Staaten entgegen. Diese seien aufgrund der akuten Bedrohungslage durch Russland noch stärker auf US-Sicherheitsgarantien angewiesen. Das Vertrauen in eine europäische Verteidigung ist dort nicht sonderlich groß.
Deutschland sei zwischen diesen Blöcken. Illner fragt Armin Laschet als einzigen Politiker in der Runde: „Muss Deutschland mehr Führung übernehmen?“ Der Beinahe-Kanzler antwortet: „Ja, aber mindestens genauso wichtig sind die europäischen Institutionen.“
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Laschet überrascht mit Russland-Vorschlag
Und diese Institutionen schafften es aktuell nicht, ihrer Rolle gerecht zu werden. Laschet kritisiert etwa das EU-Parlament für die Verzögerung des Mercosur-Abkommens. Und die Kommission dafür, dass sie es nicht schaffe, in den Ukraine-Verhandlungen eine Rolle zu spielen.
Um das zu erreichen, macht er einen Vorschlag, für den man vor Kurzem noch von vielen aus der CDU gescholten worden wäre: „Wir müssen auch wieder mit Russland reden, sonst sind wir bei den Ukraine-Verhandlungen auf amerikanische Geschäftsleute wie Steve Witkoff angewiesen.“
Und diese könnten nun Fahrt aufnehmen. Der Journalist Klaus Kleber raunt: „In Moskau tut sich was, Putin drückt jetzt aufs Tempo. Die Stunde der Wahrheit könnte näher rücken.“ Schon am Freitag sollen sich Vertreter der Ukraine, Russlands und der USA in Abu Dhabi treffen, um über ein Ende des Ukraine-Kriegs zu verhandeln. Die Europäer sitzen da bislang nicht am Verhandlungstisch. Doch die Runde bei Maybrit Illner hat den Zuschauern gezeigt, dass sich das in Zukunft ändern könnte.





