Wer eine Nahtod-Erfahrung macht, der hat das Ende vor Augen. Nahtod-Erfahrung: Dieses Wort fällt am Donnerstag in den Katakomben des Brüsseler EU-Ratsgebäudes. Es ist wuchtig und beschreibt doch relativ gut den empfindlichen Seelenzustand, in dem sich die Europäer nach dem Wahnsinn der vergangenen Tage befinden.

US-Präsident: Der nächste Ärger kommt bestimmt

Ein enthemmter US-Präsident, der nach dem Territorium eines Nato-Verbündeten greift und andere Alliierte mit Strafzöllen überziehen will. Ein drohender Handelskrieg zwischen der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten. Das Verteidigungsbündnis, das kurz vor der Implosion zu stehen scheint. Und dann der Rückzieher, zumindest bis auf Weiteres: War alles nicht so gemeint, wir verhandeln erst einmal.

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In Brüssel kamen am Donnerstagabend die Staats- und Regierungschefs der EU zu einem Sondergipfel zusammen. Eigentlich war er einberufen worden, um eine kraftvolle Antwort zu formulieren auf Donald Trumps jüngste Übergriffigkeiten. Da der US-Präsident in Sachen Grönland aber erst einmal beigedreht hat, ging es vorrangig darum, den Blick nach vorn zu richten und zu erörtern, welche Konsequenzen Europa aus dem zerrütteten Verhältnis zu den USA ziehen sollte.

Europa und die USA: Die alte Partnerschaft gibt es nicht mehr

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sagte in Brüssel, man müsse gemeinsam für zwei Dinge sorgen: „Die Europäische Union, der europäische Teil der Nato, muss in der Lage sein, sich selbst zu verteidigen. Auf dem Weg sind wir, auch wenn wir noch längst nicht alles erreicht haben, was wir erreichen müssen.“ Und: „Wir wollen eben eine wettbewerbsfähige Volkswirtschaft in Europa haben.“ Auch daran arbeite man.

Die alte transatlantische Partnerschaft gibt es nicht mehr, da macht sich spätestens seit dieser Woche niemand in Europa Illusionen. Trumps Amerika schert sich nicht um Bündnisse und Recht, es vertritt seine Interessen rücksichtslos wie Russland oder China. Von einer „neuen Realität“ war am Donnerstag im Umfeld von EU-Ratspräsident António Costa die Rede.

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Frankreichs Präsident Emmanuel Macron forderte in Brüssel „Respekt“ für die Europäer ein. Er sagte, nach dem Rückzieher Trumps seien die Dinge in Bezug auf Grönland wieder in einigermaßen geordneten Bahnen. Aber: „Wir bleiben wachsam.“

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Denn das ist das eigentliche Problem: Trump ist unberechenbar. Momentan entspannen sich die Dinge. Aber das kann in einer Woche schon wieder ganz anders sein. Der Mann hat offenkundig Freude daran, die ganze Welt in Aufregung zu versetzen. Im Falle der Ukraine hat man das bereits mehrfach gesehen.

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Trumps Kehrtwenden und Merz neue Freundin
Rambo Zambo – Der Merz-Podcast
 

Richtig ist aber auch: Die Europäer haben gerade erneut die Erfahrung gemacht, dass sie die Dinge in ihrem Sinne beeinflussen können. Und zwar dann, wenn sie zusammenstehen und bereit sind, ihre gemeinsame Kraft einzusetzen. Die großen EU-Staaten Deutschland, Frankreich und das Ex-Mitglied Großbritannien arbeiteten in der Grönland-Krise eng mit der Brüsseler Kommission und der Nato-Führung zusammen. Später reifte dann auch bei Trump die Erkenntnis, dass ein Handelskrieg und ein plötzliches Ende der Nato nicht im Interesse der USA sein können. Darauf, dass diese Erkenntnis von Dauer sein wird, mag in Brüssel aber niemand wetten.