Vor 75 Jahren Auftakt zum Völkermord: Jenaer Polizeibataillon 311 begann mit Ausbildung

Jena  Vor 75 Jahren begann in Jena die Ausbildung einer Polizeieinheit, die sich im Zweiten Weltkrieg als ein verlässliches Glied im Vernichtungskrieg gegen die Juden Europas bewährte.

Razzien und Deportationen: Einheit des Jenaer Polizeibataillons 311 vor einen Einsatz im Winter 1940/41 in Polen.Foto: Sammlung Frank Döbert

Razzien und Deportationen: Einheit des Jenaer Polizeibataillons 311 vor einen Einsatz im Winter 1940/41 in Polen.Foto: Sammlung Frank Döbert

Foto: zgt

Geistig und körperlich voll leistungsfähig sollten sie sein, einen einwandfreien Charakter haben und bedingungslos die nationalsozialistische Weltanschauung bejahen. Wer dies vorweisen konnte und in den Jahren 1909 bis 1912 geboren wurde, dem winkte eine lebensläng­liche Anstellung in der Schutzpolizei, der Kripo oder Gestapo. 26 000 Männer meldeten sich deutschlandweit freiwillig. Am Anfang ihrer verheißungsvollen Karriere stand ab April 1940 zum Beispiel in Jena eine Ausbildung in der Polizeikaserne am Westbahnhof. Mit Ende der Ausbildung wurden am 1. Oktober 1940 500 Anwärter, unter ihnen Jenaer, Thüringer und Männer aus vielen Teilen des Reiches, zum Jenaer Polizeibataillon 311 versetzt. Wenn es „bis jetzt noch harmlos“ war, wurde daraus schon zwei Wochen später blutiger Ernst. Das Bataillon kam mit anderen Einheiten in Krakau zum Einsatz: Razzien gegen die polnische und jüdische Bevölkerung, Verhaftungen und Deportationen, „Gewährleistung der Ordnung und Sicherheit“ im Ghetto waren an der Tagesordnung.

Krakau sollte „judenfrei“ werden

Die Stadt sollte „judenfrei“ gemacht werden, frei von 70 000 jüdischen Einwohnern. Allein im Dezember 1940 wurden nach Razzien 20 000 Juden der Stadt „umgesiedelt“. Der Transport in Lager oblag dem SS-Totenkopfregiment; Arbeitsfähige wurden nach Deutschland zur Zwangsarbeit deportiert. Es war dies der Auftakt zum Völkermord an den Juden Europas. Seinen Anfang nahm er vor nunmehr 75 Jahren mit „ganz gewöhnlichen Männern“, geformt zu „Hitlers willigen Vollstreckern“. Auf sie warteten jetzt noch größere Aufgaben, zuerst in der Ukraine. In Lemberg wurden Pogrome inszeniert, in denen nationalistische Ukrainer zur „Selbstreinigung“ instrumentalisiert wurden. Juden wurden auf offener Straße schwer misshandelt, verschleppt, erschlagen. Die 1. Kompanie des Bataillons war unter anderem zur Räumung des jüdischen Viertels eingesetzt. Die Menschen wurden zum Güterbahnhof getrieben, dort verladen und wenige Kilometer entfernt im Wald erschossen. In der 1. Kompanie gab es zwei Exekutionskommandos, die in den Panzergräben vor der Stadt Massen-Exekutionen vollzogen. Einer der Beteiligten sagte 1982 aus, er würde das als „Völkermord“ bezeichnen: „Täglich wurden dort massenhaft jüdische Menschen erschossen. Die Einheitsangehörigen, welche die Erschießungen durchführen mussten, waren darüber sehr erschüttert und konnten danach kaum etwas essen. Jeden Morgen rückte ein Teil der Kompanie zu den Erschießungen aus. Erschossen wurden Männer, Frauen und Kinder.“ „Wenn ich geschossen habe, dann nur auf Befehl“, ­erklärte ein anderer. Insgesamt sollen so unter der Regie der SS-Einsatzgruppe C 7000 Juden getötet worden sein. Im September 1941 inspizierte die Einheit in Nikolajew, wo ähnlich wie in vielen anderen Orten Juden erschossen wurden. Historiker gehen davon aus, dass dieser Besuch eine weitere Radikalisierung beim Massenmord bewirkte. Kriegsgefangene, unter ihnen viele jüdische, fielen dem Rassenwahn ebenso zum Opfer wie Partisanen und der Partisanenunterstützung verdächtigte Bewohner in der Ukraine, in Russland und in Weißrussland. Der General Hermann Hoth, Befehlshaber der 17. Armee (der auch das Polizeibataillon 311 unterstand), zuletzt Stadtkommandant von Jena, erließ den unmissverständlichen Befehl: „Kommissare sind der Sonderbehandlung zuzuführen.“

Die Blutspur des Bataillons zog sich durch viele Regionen Osteuropas, sie endete am 13. April in Jena, dem Tag der Befreiung durch US-Truppen. Kaum einer der Täter wurde auf rechtsstaatlicher Basis juristisch belangt, auch nicht der Kommandeur der Einheit, der Jenaer Walter Danz. Im NS-Gedenkkonzept der Stadt haben das Polizeibataillon und seine Verbrechen bis heute keinen Platz.

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