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Gesundheits-Apps: Was man vor dem Download beachten sollte

Berlin.  Unzählige Gesundheits-Apps sind auf dem Markt. Ab 2020 können Ärzte sie verschreiben. Worauf Verbraucher bei der Auswahl achten können.

Nutzen Patienten eine Gesundheits-App, etwa um regelmäßig medizinische Daten zu erfassen, kann das Ärzten bei der Bewertung einer Erkrankung helfen.

Nutzen Patienten eine Gesundheits-App, etwa um regelmäßig medizinische Daten zu erfassen, kann das Ärzten bei der Bewertung einer Erkrankung helfen.

Foto: istock / iStock

Vorbei sind die Zeiten, als allein der Arzt wusste, wie es seinem Patienten geht. Die Menschen fragen Dr. Google im Internet um Rat, bevor sie sich ins Wartezimmer setzen – und sie laden Apps herunter: um ihre Schritte zu zählen, ihren Herzrhythmus zu kontrollierenund ihren Blutzucker zu bestimmen. Tausende dieser Anwendungen gibt es, die sich irgendwo zwischen Gesundheit, Lifestyle und Medizin bewegen. Die Grenzen sind fließend, oft ist kaum zu erkennen, wie seriös eine App tatsächlich ist.

Auch die App auf Rezept, die ab 2020 von den Kassen bezahlt wird, kann daran nur bedingt etwas ändern. Denn die Hürden für eine Zertifizierung sind nach jetzigem Stand gerade für junge Unternehmen hoch. Deswegen wird es wohl auch künftig mehr digitale Anwendungen auf dem freien Markt geben als geprüfte Medizin-Apps. Worauf Verbraucher achten können:

Wie erkennen Verbraucher eine seriöse Gesundheits-App?

Eine fachlich fundierte Beurteilung sei für die meisten Menschen schwierig, sagt Dr. Urs-Vito Albrecht von der Medizinischen Hochschule Hannover. „Es gibt aber eine Reihe von Indizien, die auch ohne tiefgreifende Kenntnisse für oder gegen eine App sprechen.“

Dazu gehöre zunächst einmal die Informationspolitik. Berichtet der Hersteller transparent über Sinn und Zweck der App? Auch über mögliche Risiken, die aus ihrer Nutzung erwachsen können? Wer hat die App finanziert? „Diese Informationen können Hinweise liefern, um das Erkennen von potenziellen Interessenkonflikten zu ermöglichen“, sagt Albrecht.

Auch die Information, wer an der Entwicklung beteiligt war, sei relevant, sagt Sabine Wolter von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. „Also wer hat den geeigneten Hintergrund, um etwa eine App für Rückenübungen zu programmieren? Sonst habe ich mehr Schaden als Nutzen.“ Besonders wichtig sei das bei Apps, die erste Einschätzungen zu möglichen Diagnosen geben. Dabei sei eine Aussage wie „Mediziner und Physiotherapeuten“ oder „erfahrene Fitnesstrainer“ zu unspezifisch.

Worauf müssen Verbraucher beim Datenschutz achten?

Auch hier geht es vor allem um Transparenz. „In der Datenschutzerklärung sollte genau beschrieben werden, was mit den der App anvertrauten Daten geschieht“, sagt Albrecht. Werden sie nur auf dem jeweiligen Gerät gespeichert und verarbeitet? Oder eventuell zu einem Server des Anbieters oder dritter Parteien übertragen?

Fehlten entsprechende Angaben oder seien sie offensichtlich unvollständig, rät er von einer Nutzung ab. Denn es gehe um sensible Daten. „Kritisch wäre ich auch dann, wenn es um stigmatisierende oder seltene Erkrankungen geht und die App eine Auswertung von erfassten Daten auf einem Server des Anbieters oder Dritter vorsieht oder auch einen Austausch von ‚Gleichgesinnten‘ über Social-Media-Kanäle bereitstellt“, sagt Albrecht. „Hier wäre mir das Risiko einer Identifikation zu hoch, die bei Verknüpfung mit anderen Datenquellen selbst bei anonymer Nutzung nicht undenkbar ist.“

Genau hinsehen sollten Nutzer bei kostenfreien Apps – denn der Hersteller muss sich finanzieren. „Das bedeutet häufig Werbung, oder Sie bezahlen mit Daten“, sagt Verbraucherschützerin Wolter. Albrecht bestätigt das: „Eventuell erkaufen sich die Nutzer die hilfreichen Funktionen der App durch Weitergabe ihrer Daten zu unterschiedlichsten Zwecken.“ Daten seien hier durchaus als eine Art Währung anzusehen.

Per se muss eine Weiterverarbeitung der Daten jedoch nicht schlecht sein, sie muss nur klar kommuniziert werden. „Die anonymisierten Daten unserer Nutzer stellen wir zum Beispiel wissenschaftlichen Institutionen für die Forschung zur Verfügung“, sagt etwa Felix Frauendorf. Er hat die App Moodpath entwickelt, die Menschen dabei helfen soll, eine Depression zu erkennen und auch von Psychotherapeuten eingesetzt wird. So könnten Betroffene in der Zukunft von den verarbeiteten Daten profitieren, sagt Frauendorf.

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• Auch für Menschen mit Migräne gibt es eine App. Sie soll die Therapie bei Kopfschmerzerkrankungen unterstützen.

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Gibt es ein Qualitätssiegel?

Es gibt viele unterschiedliche Siegel. „Ihre Aussagekraft ist aber sehr variabel“, sagt Albrecht, „man sollte sie nicht als alleiniges Argument für oder gegen eine App heranziehen.“ Auch ein Bericht der Verbraucherzentrale NRW aus dem Jahr 2017 kommt zu dem Schluss, dass sich die einzelnen Qualitätsinstrumente stark hinsichtlich der Kriterien unterscheiden, die sie in den Fokus stellen. „Eine gute Möglichkeit, eine App zu überprüfen oder nach einer geeigneten zu suchen, ist die Plattform Healthon (healthon.de)“, rät Sabine Wolter.

Wichtig ist, zwischen Medizin- oder Gesundheits-Apps zu unterscheiden. Erstere müssen als ein sogenanntes Medizinprodukt zertifiziert sein, also ein CE-Zeichen tragen. Sie dienen der Diagnose oder der Therapie einer Erkrankung und „sollten im Behandlungsablauf eingesetzt werden“, sagt Wolter. Ihre Zahl ist bislang noch überschaubar. Gesundheits- oder auch Lifestyle-Anwendungen stellen den größten Teil der Apps. Sie sollen zum Beispiel zu einem gesünderen Lebensstil animieren. Doch die Grenzen sind fließend.

Für wen eignen sich die Apps?

Gesundheits-Apps eignen sich nach Ansicht von Experten, um etwa eine chronische Erkrankung wie Diabetes oder die Einnahme von Medikamenten zu organisieren. „Apps können hier an Messungen oder Medikamentengaben erinnern oder bei der Erfassung und Auswertung von Messdaten helfen“, sagt Albrecht.

Auch bei der Diagnose von Herz-Kreislauf-Erkrankungen kann eine digitale Anwendung helfen, die zum Beispiel den Herzrhythmus aufzeichnet und dem Arzt so eine gute Datenbasis liefert. Und sie kann Versorgungslücken füllen: „Es gibt zum Beispiel viel zu wenige Psychotherapeuten“, sagt Gründer Felix Frauendorf. So würden 50 Prozent der an einer Depression Erkrankten gar nicht diagnostiziert. „Wir wollen einen Beitrag leisten, damit Menschen ihre Krankheit erkennen.“

Was sagen Ärzte?

Das deutsche Gesundheitssystem ist in vielen Bereichen noch ein analoges. „Aber ich denke, in zehn Jahren sind die Apps nicht mehr wegzudenken“, sagt die Psychotherapeutin Professorin Harriet Salbach. Vor allem ihre jungen Patienten nutzen digitale Anwendungen, auch Moodpath – und das habe Vorteile: „Psychotherapie findet vor allem in der Zeit zwischen den Sitzungen statt. Die Stimmungen der Patienten verändern sich zum Beispiel, ohne dass ich das mitbekomme.“

Früher habe man dafür Tagebuch geschrieben, „aber das vergessen die Leute. Die App erinnert sie.“ Kritisch sei es, wenn die Menschen kränker seien als sie denken. „Jemand, der eigentlich stationär aufgenommen werden müsste, sollte nicht mit einer Präventions-App arbeiten“, sagt Salbach.

Deswegen sei in jeder App der Hinweis wichtig, immer auch einen Arzt aufzusuchen, betont Sabine Wolter von der Verbraucherzentrale. „Und jeder sollte sich bewusst sein: Auch wenn Experten hinter der Erarbeitung einer App stehen – am Ende ist es ein Algorithmus, der da arbeitet“, sagt Salbach. Eines könne eine App deswegen nicht: eine Diagnose stellen.

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