Ohne ein richtiges Gefühl für Tag und Nacht fällt uns kaum auf, dass bereits eine ganze Woche seit unserer Ankunft auf der Insel aus Feuer und Eis vergangen ist. Inzwischen hat sich eine Routine entwickelt. Die Abende verbringen wir gemeinsam als Gruppe und teilen nicht nur unser Essen geschwisterlich, sondern auch Geschirr und Besteck, um den Abwasch möglichst gering zu halten.

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Bei einer durchschnittlichen Wegstrecke von mehr als zehn Kilometern pro Tag bleibt selbstverständlich kein einziger Rest im Kochtopf zurück. Auch die streng rationierte Nachspeise, ein Stück Schokolade pro Person, verschwindet in Windeseile in unseren Bäuchen. Anschließend vertreiben wir uns die Zeit mit Gesellschaftsspielen oder einer Runde Volleyball. Andere Gruppenmitglieder ziehen es dagegen vor, ihre sportlichen Kenntnisse eher theoretisch zu vertiefen, und verfolgen gebannt die Spiele der laufenden Weltmeisterschaft. An die Besonderheiten von Gemeinschaftsbadezimmern hat man sich inzwischen ebenso gewöhnt wie an den Schwefelgeruch des isländischen Leitungswassers.

Doch sobald wir am Morgen wieder in die vollgepackten Reisemobile steigen, beginnt ein neuer Tag und keiner gleicht dem anderen. Unsere Route führt uns zum Hengifoss, dem vierthöchsten Wasserfall Islands, eingerahmt von gewaltigen Basaltsäulen. Nicht minder gewaltig ist der Aufstieg mit rund 450 Höhenmetern, der sich angesichts des tosenden Wasserfalls jedoch mehr als lohnt.
Eisberge und Wind: Jökulsárlón zeigt Islands raue Seite
Dank der hohen Niederschlagsmengen, der gewaltigen Gletscher als Schmelzwasserlieferanten und der vulkanischen Geologie besitzt Island mehrere Tausend Wasserfälle, und dennoch sind wir jedes Mal aufs Neue fasziniert, wenn wir einen weiteren entdecken.

So halten wir an einer ruckeligen Piste an und stellen unsere Athletik unter Beweis, um die Schönheit eines weiteren Exemplars aus nächster Nähe bewundern zu können. Das liebevoll nach unserem Exkursionsleiter benannte Hoch „Siggi“, das uns seit Reisebeginn begleitet, sorgt an diesem Nachmittag für beinahe mediterrane Temperaturen. Einige Mutige nutzen die Gelegenheit und kühlen ihre Beine im eiskalten Wasser ab.
Wie vielseitig und zugleich ambivalent Island ist, erleben wir nur drei Stunden später an der Gletscherlagune Jökulsárlón. An der Zunge des Vatnajökull weht ein eisiger Wind, und die Mützen werden augenblicklich wieder hervorgeholt. Was wir dort beobachten können, lässt jedoch sowohl die Temperaturen als auch die Touristenmassen in den Hintergrund treten: Vor uns treiben tatsächlich Eisberge. Die Farben und Formen der gewaltigen Eisformationen sind für uns alle etwas Außergewöhnliches, und so manch einer kann sich eine Referenz zum romantischen Filmdrama Titanic nicht verkneifen.

Die Gletscher lassen uns einfach nicht los. Deshalb brechen wir am nächsten Morgen zu einer ganz besonderen Wanderung auf. Mit festem Schuhwerk ausgestattet, gelangen wir so nah an den Vatnajökull heran, wie es möglich ist, und werden dabei ganz nebenbei über Grund- und Endmoränen sowie Spaltenverläufe unterrichtet.

Doch nicht nur körperlich, sondern auch geistig bleibt die Gruppe in Bewegung. Während der gesamten zehntägigen Reise begleiten uns Schülervorträge zu verschiedenen geografischen Themen. In Zweierteams bereiten wir Präsentationen über Vulkanismus, Geothermie und weitere spannende Aspekte Islands vor und tragen damit unter außergewöhnlichen Bedingungen zum wissenschaftlichen Charakter unserer Exkursion bei.
Nach neun Tagen nahezu perfekten Sommerwetters holt uns schließlich das „echte“ Island ein. Sturm und Regen ziehen am Nachmittag auf, doch unsere gute Laune lassen wir uns davon nicht nehmen. Am schwarzen Strand von Vík hinterlassen wir ein kleines Kunstwerk für die nachfolgenden Besucher und haben dabei keinerlei Skrupel vor nassen Socken.
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Letztes Frühstück und Abschiedsstimmung in Reykjavík
Am Abend erreichen wir Reykjavík. Zum ersten Mal wird der Gruppe bewusst, dass dies bereits eine der letzten gemeinsamen Fahrten ist. Tag für Tag haben Musikhören bei voller Lautstärke und spontane Karaokeeinlagen für beste Stimmung gesorgt. Eine undichte Zeltplane und ein schlammiger Campingplatz wären unter normalen Umständen wohl kaum Anlass zur Freude gewesen. Doch weil es unsere letzte Nacht ist, stört sich niemand daran. Vielmehr wissen wir die vielen trockenen Nächte und diese wundervolle Reise nun umso mehr zu schätzen und verstauen feuchte Handtücher und nasse Kleidung unbeschwert in unseren Koffern.

Das letzte gemeinsame Frühstück lässt sich nur als kaiserlich beschreiben. Sämtliche Vorräte sollen aufgebraucht werden, und so haben wir die Wahl zwischen verschiedenen Käse- und Wurstsorten, Aufstrichen und Säften. Lediglich der Schokoladenaufstrich ist schon seit Tagen restlos verschwunden…
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Es folgt das klassische Kulturprogramm im Siedlungsschwerpunkt Reykjavík. Nach einem Besuch des Naturkundemuseums besichtigen wir das Rathaus, das eine riesige topografische Karte Islands beherbergt. Gemeinsam rekapitulieren wir unsere Reiseroute und vervollständigen die Skizze auf unserer kleinen Islandkarte.
Nach einem Besuch der Hallgrímskirkja wird die minderjährige Schülergruppe zur selbstständigen Erkundung der Stadt losgeschickt. Diese Entscheidung treffen unsere Betreuer völlig sorglos, denn Reykjavík wirkt im Vergleich zu unserer Bundeshauptstadt beinahe dörflich. Außerdem darf Alkohol in Island erst ab 20 Jahren ausgeschenkt werden – und ist für Schüler ohnehin kaum bezahlbar.

Den feierlichen Abschluss unserer Reise bildet ein gemeinsames Abendessen im Hard Rock Café. Möglich wird dies nur, weil wir unser Budget nicht vollständig ausgeschöpft und heldenhaft im Regen gecampt haben, anstatt in ein Hostel umzuziehen. Wir sind glücklich. Die Erlebnisse, die wir sammeln durften, sind unbeschreiblich. Die Exkursion ist – im wahrsten Sinne des Wortes – nicht ins Wasser gefallen. Zu Hause warten unsere Familien und ein weiches Bett, und nach zehn Tagen voller Nudeln, Reis und Toastbrot freut sich jeder auf eine andere Kohlenhydratquelle.
Rückflug nach Hause beendet unvergessliche Island-Reise
Mit dieser beschwingten Stimmung und pappsatt machen wir uns auf den Weg zum Flughafen Keflavík. Nach den Sicherheitskontrollen finden wir unser Gate in Lichtgeschwindigkeit. Der Flughafen ist schließlich deutlich kleiner und übersichtlicher als sein Frankfurter Pendant. Ein letztes Mal werden Karten gespielt, ein letztes Mal wird eine Tafel Schokolade geteilt, bevor wir unsere Boeing 737 Richtung Heimat besteigen. Um 6.15 Uhr deutscher Zeit landen wir wieder in vertrauter Umgebung, schließen unser Empfangskomitee überglücklich in die Arme und genießen den ersten Bissen echtes Eichsfelder Brot, das uns mitgebracht wurde.
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Voller Demut kehren wir zurück. In den vergangenen Tagen haben wir rund 120 Kilometer zu Fuß und mehr als 2000 Kilometer mit dem Auto zurückgelegt. Das Wort, das diese Exkursion wohl am treffendsten beschreibt, lautet: unglaublich. Unglaublich lehrreich, unglaublich spaßig und unglaublich prägend. Und so geht sie zu Ende – unsere letzte gemeinsame Reise vor dem Abitur. Auf Wiedersehen, Island.
Marlene Schulze ist Schülerin des Heiligenstädter Lingemann-Gymnasiums und sowohl Teil des Geografie-Leistungskurses als auch der Expedition nach Island.









