„Wenn der Name ‚Blumenstadt‘ fällt – ob im Rundfunk, in der Presse, beim Sport oder sonstwo im Gespräch –, weiß man: unser schönes Erfurt ist gemeint.“ So vollmundig formuliert es eine Frühjahrsausgabe des „Volk“ aus dem Jahr 1961. Allein dem VEB Saatzucht Erfurt wird im gleichen Artikel bescheinigt, so viele Petunien exportiert zu haben, dass die 83.000 Pflanzen in botanisch ordnungsgemäßem Abstand gereiht die Strecke von der Landeshauptstadt bis nach Wladiwostok und wieder zurück einnehmen würden. Und das waren wohlgemerkt Petunien.

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Vom Pflanzensamenexport der vergangenen Jahrhunderte ist bis auf alte Broschüren und Werbemittel nur ein Bruchteil geblieben. Doch was den Gartenbau angeht, hat Erfurt durch den Egapark heute in Deutschland und Europa immer noch ein Wörtchen mitzureden.

Schon vor der Eröffnung von Erfolgen gekrönt

Der Aufbau der Gartenbauausstellung 1961 war eine große Gemeinschaftsleistung der Erfurter.
Der Aufbau der Gartenbauausstellung 1961 war eine große Gemeinschaftsleistung der Erfurter.© Peter Grimm

Als Internationale Gartenbauausstellung war die riesige Schau in Form eines neuen Landschaftsparks schon Stadtgespräch, bevor überhaupt ein Löwenzahn auf einem Bauschutthaufen hätte wurzeln können: Bereits 1960 wagt Redakteur Karl Sippel in einem ganzseitigen Beitrag „Internationale der Blumen“ wilde Prognosen über den Erfolg, den die Eröffnung verspreche. Traumwandlerisch malt er den Erfurter Lesern ein Bild von einem Parkplatz mit „unzähligen parkenden Wagen aus aller Herren Länder“, alles werde (natürlich) „großzügig, reibungslos und formlos“ ablaufen. Mindestens genauso, wenn nicht gar besser als bei der Leipziger Messe.

Schließlich geht es nicht nur um einen Erholungsraum für die Stadtbürger, sondern vor allem um einen „Beweis der Aufbaufreudigkeit an den Einrichtungen des Arbeiter- und Bauernstaats“ und der „erfolgreichen Zusammenarbeit der sozialistischen Länder im Weltsystem“.

Erfurt historisch

Die Thüringer Landeshauptstadt hat eine bunte Geschichte. Das Mittelalter, die Zeit der Festung und die Moderne haben Spuren in Erfurt hinterlassen, die wir für unsere Leser entdecken. Hier lesen Sie mehr.

Sowjetunion, Ungarn & Co. präsentieren sich in großen Pavillons

Eröffnung der IGA 1961 in Erfurt
In den Ausstellungshallen gab es viel zu entdecken. Auch die „sozialistischen Bruderländer“ präsentierten sich.© Monika Nakel

Auch Iga-Direktor Helmuth Lehmann lässt sich standesgemäß nicht lumpen und spart nicht mit Vorschusslorbeeren. „Was kürzlich noch in fantasievollen Zeichnungen an dieser Stelle dargestellt wurde, hält heute schon dem unbestechlichen Objektiv der Kamera stand“, stellt er mit einem lässigen Blick auf den Baufortschritt und den Zeitplan für das Eröffnungsziel des 29. April 1961 fest.

Jede Volksrepublik gestaltet einen 600-Quadratmeter-Pavillon, die Sowjetunion sogar 1000 Quadratmeter. Zwischen einem besonderen tschechischen Steppengarten, rumänischen Dahlien und ungarischen Baumschulen freut sich Lehmann auf den „mustergültigen Zustand“ der Schau, der den „Beweis der Überlegenheit der sozialistischen Produktionsweise über die kapitalistische“ bringen soll.

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Abertausende Arbeitsstunden in der Mondlandschaft

Eröffnung der IGA 1961 in Erfurt
Die Glashalle in vollem Lichtglanz. Das moderne Gebäude etabliert sich in den Jahren nach der Eröffnung als populärer Veranstaltungsort.© Monika Nakel

Bei so einem prestigeträchtigen Projekt wird nicht nur viel geplant, gesagt und geschrieben, sondern auch fotografiert. Im „Volk“ finden sich zahlreiche Aufnahmen von Baggern, Erdbergen und Rohbauten der Pavillons und Hallen. Ende 1958 hat auf dem Gelände der Cyriaksburg noch alles ausgesehen, wie eine Mondlandschaft.

Tausende Erfurter sind auf dieser gigantischen Baustelle als Arbeiter im Einsatz. Als Studenten des Gartenbaus, NAW-Einsatzkräfte, Stahlbauer aus Gispersleben, Soldaten der NVA, Kollektive aus den sozialistischen Freundesländern, Arbeiter von Funkwerk & Co. Auch die Heldengeschichte eines 78-jährigen Aufbauhelfers ist überliefert, der samt Schäferhund an seiner Seite mehr als 1100 Stunden Arbeit geleistet hat – obwohl er durch eine Gasvergiftung im Ersten Weltkrieg schon kein Augenlicht mehr hatte.

Woher stammen die Bilder?

Neben Aufnahmen aus dem Volk-Archiv stammt ein Großteil der Fotos aus dem privaten Bestand unserer Leserin Monika Nakel aus Ingersleben. Die Bilder entstanden im Eröffnungsjahr 1961 und sind aus dem Blick eines Gastes in Erfurt aufgenommen. Die Farbdias wurden durch unsere Redaktion digitalisiert und wurden auch dem Deutschen Gartenbaumuseum für eine Ausstellung zum Ega-Jubiläum zur Verfügung gestellt. Die Ausstellung ist ab jetzt geöffnet.

Sonderzüge und Busse voller internationaler Touristen

Eröffnung der IGA 1961 in Erfurt
Blick über die weiten, offenen Flächen. Neben dem bis in die heutige Zeit bekannten großen Blumenbeet gibt es auch Rasenflächen, die zum Ausruhen einladen.© Monika Nakel

Die buntesten Fotos entstanden freilich, als die Iga nach so viel Schippen, Graben, Ausheben, Umwuchten und Bauen endlich Eröffnung feierte. Die Liste der Politgäste und Regierungsdelegationen ist lang und wird von den Erfurtern eher beiläufig hingenommen. Auch ein Sonderzug mit 300 ungarischen Touristen ist mit von der Partie und die Gäste dürfen sich über Hunderte fliegende Tauben und Orchestermusik freuen.

In den ersten Wochen der neuen Attraktion der DDR haben sich auch 180 Omnibusse voller Besucher aus der ČSSR angekündigt. Auch Interesse aus Westdeutschland wird (natürlich) wahrgenommen. Dass auch aus der eigenen Republik etwa 10.000 Besucher erwartet werden, scheint in diesem Gemenge nur eine kleine Randnotiz wert.

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Ein Erholungspark mit besonderer Ausstattung

Eröffnung der IGA 1961 in Erfurt
Zu einem so weitläufigen Parkgelände gehören natürlich auch Wegweiser, die zu den Attraktionen leiten.© Monika Nakel

Und was gab es zu sehen? Vieles, was die Iga zur Eröffnung geboten hat, lässt sich heute durch den gut bewahrten Zustand des Schaugeländes nachempfinden. Betrachtet der aufmerksame Erfurter das Aufgebot auf den Lageplänen, ist aus vielen überdimensioniert wirkenden Vorhaben tatsächlich Wirklichkeit geworden: Das große Blumenbeet, die 14 Ausstellungshallen, die aufwendige Brunnenanlage, Restaurants, die stattliche Rendezvousbrücke, eine Kinderbar, eine Maschinenausstellung, Rosenschauen, Staudengärten, das Freilicht-Kino, der Lesegarten, Tanzplätze, Kinderspielplätze, Obst-Musteranlagen und sieben Jugend-Pavillons sind nur die größeren Anlaufpunkte auf historischen Iga-Plänen.

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Erfurts größter Park vermeldet 40.000 Besucher an einem Sonntag

Eröffnung der IGA 1961 in Erfurt
Nicht zu vergessen: Die Internationale Garten Ausstellung in Erfurt war stets eine Leistungsschau der Landwirtschaft der sozialistischen Länder. Traktoren gehörten zum Bild.© Monika Nakel

Am 30. April 1961 vermeldet „Das Volk“ die stattlichen Zahlen des ersten Besucher-Sonntags im Park: Etwa 40.000 Gäste hatten sich trotz mäßigen Wetters auf das Freigelände begeben, um sich die vielerwartete Blumenpracht und die neu entstandene Architektur anzuschauen. Und „an den polizeilichen Kennzeichen auf dem dicht bestandenen Parkplatz vor dem Empfangsgebäude konnte man erkennen, dass sich auch viele Besucher aus Westdeutschland die Iga nicht entgehen lassen wollten“.

Am 1. Mai sollen auch afrikanische Staatsgäste in der Gartenbauausstellung gewandelt sein – Vertreter der Freundesländer haben zur Kundgebung auf dem Domplatz gesprochen und eine Stippvisite in Erfurts neuestem Park avanciert zum Nummer-eins-Tipp für Einheimische und Kurzzeitgäste.

Die Skulptur auf der Iga inspirierte 1964 einen Leser der Zeitung „Das Volk“ dazu, ein Gedicht einzusenden.
Die Skulptur auf der Iga inspirierte 1964 einen Leser der Zeitung „Das Volk“ dazu, ein Gedicht einzusenden. © Funke Medien Thüringen | Das Volk 1964

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Auf die Touristen ist die Blumenstadt, die ihren floralen Status mit der Iga-Eröffnung neu auflegen kann, natürlich besonders stolz. Doch die Erfurter lassen sich davon nicht abschrecken und machen sich den Park mehr und mehr zu eigen. Zu DDR-typischen, erschwinglichen Preisen verbringen Paare, Rentner und Familien hier ganze Sonntage. Hunderte Fotos von Kindern auf dem Bronze-Shetlandpony werden auf Rollfilmen verewigt und später in Alben eingeklebt.

Dass hier viele Jahre später eine Bundesgartenschau stattfinden würde, hätte angesichts des Selbstbewusstseins der aufstrebenden 1960er Jahre und im brandneuen Tumult der neuen Anlage wohl niemanden gewundert. Und die Eröffnung war erst der Anfang.