Wie turmreich Erfurt ist, stellt die Stadt am Samstag, 12. September, unter Beweis: „Erfordia turrita“ lädt von 13 bis 17 Uhr dazu ein, von neun verschiedenen Türmen den Blick auf die Altstadt zu genießen. Mit dabei: Ägidienkirche, Barfüßerkirche, Dom St. Marien, Christuskirche, Johannesturm, Kaufmannskirche, Predigerkirche, Wigbertikirche und nicht zuletzt der Bartholomäusturm, der zudem eine musikalische Begegnung verspricht.

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Fünf Oktaven lassen sich dem wohl schwersten Instrument der Stadt entlocken. Und es gibt kaum einen Song, den Seidel nicht schon auf dem Carillon im Bartholomäusturm ausprobiert hätte: Rocknummern wie „Smoke on the Water“ von Deep Purple sind ebenso darunter, wie die Titelmelodie der Kindersendung „Löwenzahn“. Mit „Tubular Bells“ von Mike Oldfield überrascht er das Publikum ebenso gern, wie mit einem Geburtstagsständchen. Schlager, Operette, Klassik – beim Genre gibt es für Seidel keine Grenzen.
Ulrich Seidel hat in all den Jahren die Freude an diesem besonderen Instrument nicht verloren: So lange er die 133 Stufen im Bartholomäusturm bei bester Gesundheit bewältigt, um an den Spieltisch in 28 Metern Höhe zu gelangen, möchte er unbedingt weitermachen und die 60 Bronzeglocken des Erfurter Carillons zum Klingen bringen.

„Weniger ist da einfach mehr“
Respekt aber hat er vor Johann Sebastian Bachs Toccata und Fuge: Ein Carillonneur-Kollege hat sich daran gewagt und hastete mit Fäusten und Füßen gekonnt über die Stocken genannten Tasten und Pedale. Seidel wagt sich selbst lieber nicht daran. Er weiß aus Erfahrung, dass sich auf dem Carillon zwar alles spielen, sich aber nicht alles gut anhören lässt. Schon allein deshalb, weil die Glocken lang klingen: Wenn ein neuer Ton gespielt wird, klingt der vorherige noch nach und eine Up-Tempo-Nummer gerät rasch zu einem Brei aus Glockentönen. „Weniger ist da einfach mehr“, sagt Seidel.

Immer wenn die Turm-Nachbarn oder Passanten nur Einzeltöne oder auch mal „Alle meine Entchen“ zu hören bekommen, wissen Eingeweihte: Es gibt wieder Führungen für Carillon-Neugierige. Bis zu zehn Personen nimmt Seidel mit an den Spieltisch, eben auch zum einmal selbst Ausprobieren. Besonders jüngere Besucher staunen dann auch vor dem metallenen Wahlscheibentelefon an der Wand. Darauf ist mit Kugelschreiber die Telefonnummer des Stadtmuseums verzeichnet, zu dem das Carillon gehört. Der einst direkte Draht vom Turm ist längst gekappt, doch jüngere Generationen bringt der seltsame, an die Wand geschraubte Apparat ganz ohne Nummernspeicher und Wahlwiederholung fast ebenso zum Staunen, wie das Carillon, wie Seidel schmunzelnd berichtet.
Kurbeln an der Sitzbank Marke Eigenbau
Insgesamt 13.626 Kilogramm schwer ist Seidels Instrument. Rechnet man die gesamten Einbauten des Turms hinzu, kommt man auf ein Gewicht von 22 Tonnen – inklusive Sitzbank. Die ist eine echte Spezialität und Marke Eigenbau. Zwei Autos der Marke Wartburg in der Welt sollten besser keinen Reifenschaden haben, schließlich fehlt ihnen etwas im Kofferraum, sagt Seidel lachend. Denn um die Höhe der massiven Sitzbank aus Metall und Holz auf die richtige für den jeweiligen Carillonneur zu kurbeln, je nach Größe und Beinlänge, kommen die erwähnten Wartburg-Wagenheber zum Einsatz.
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Eine trickreiche Konstruktion, die Ulrich Seidel vor etlichen Jahren nur ein einziges Mal im Stich gelassen hat: Mitten im Carillonkonzert senkte der defekte Mechanismus die Bank von Takt zu Takt immer tiefer und tiefer. Die Knie fast neben den Ohren, habe er dennoch das Stück mit Ach und Krach mit Händen und Füßen zu Ende gebracht – in verrenkter Sitzhaltung und fürs auf dem Anger lauschende Publikum unbemerkt.

Appelle für den Frieden blieben ungehört
Wenn zwischen 10 und 20 Uhr das Carillon unter Einhaltung aller Lärmschutzwerte erklingt, klettert Ulrich Seidel natürlich nicht jedes Mal auf den Turm. Etwa 200 Melodien hat er eingespielt. Vorprogrammiert wird monatsweise im sogenannten Midi-Format. Nur die Mittagsmelodie ist Standard: Seit Oktober 2023, dem Überfall auf Israel, erklingt punkt 12 Uhr „Verleih uns Frieden“. Zuvor war es die ukrainische Nationalhymne. Dass beide musikalischen Appelle für ein friedliches Miteinander bislang unerfüllt blieben, bedauert Seidel sehr. Zur 15., 30. und 45. Minute erklingt ein-, zwei-, dreimal ein D, zur vollen Stunde gibt es ein G auf die Ohren.
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Klang und Klangfülle – beides macht für Ulrich Seidel die Besonderheit seines Instruments aus. Das hat er selbst 2007 erst entdeckt. Damals schaute er als Drehbuchautor für einen Tourismusfilm dem damaligen Carillonneur Franz Ludwig über die Schulter und war seither fasziniert. „Das will ich machen!“, stand für ihn fest, und er startete mit Klavierunterricht, besuchte ab 2012 die Königliche Glockenspielschule im belgischen Mechelen – und wurde Ludwigs Nachfolger. Inzwischen bildet Seidel mit Tamara Bourvé und Julia Osintseva das Erfurter Carillon-Trio, das hier kostenlose Konzerte gibt, wenn nicht Gäste aus aller Welt im Konzertspielplan stehen. Zwei Niederländer und ein Ire sind dieses Jahr noch mit Faust und Fuß in der Reihe zu erleben.
Wer die 60 Glocken, Wagenheber und Wahlscheibentelefon einmal selbst in Augenschein nehmen will, der hat am 8. und 9. September um 10, 12 und 14 Uhr Gelegenheit dazu. Nur ohne Anmeldung unter denkmaltage@erfurt.de geht es nicht: maximal zehn Personen können mit auf den Turm und mit Ulrich Seidel die 133 Stufen hinauf.









