Wie viele Spuren darf ein Haus zeigen, um den Ansprüchen einer guten Sanierung gerecht zu werden, ohne gelebtes Leben zu verschweigen? Diese Frage stellt sich nicht nur in Erfurt bei jedem geschichtsträchtigen Gebäude, das aufwendig restauriert wird. Meistens gibt es einen definierten Urzustand, der wieder rekonstruiert wird. Am Alten Schauspielhaus zeigt sich, dass es auch anders gehen kann. In einer Diskussionsrunde am Sonnabend, 12. September, wird im Rahmen der Denkmaltage laut nachgedacht, wie die Denkmalpflege mit Graffiti und Streetart umgeht.
Wie erhaltungswürdig sind Graffiti in Erfurt?
Vier Graffiti stehen im Kulturquartier im Klostergang im Mittelpunkt der beispielhaften Debatte. Fünf Experten aus Denkmalpflege, Architektur, Wissenschaft und urbaner Kunstszene kommen zusammen, um über den Erhalt der künstlerischen Spuren zu sprechen. Die Rolle der Graffiti zwischen Erhalt und Veränderung ist es, die das Podium gemeinsam mit dem Publikum ausloten möchte.
Graffiti am Erfurter Schauspielhaus sind unverzichtbare Zeitschichten

Doch wer denkt, bei der Debatte ginge es darum, eine Art Kunstwert-Diskussion zu führen, liegt daneben: „Wir schauen uns die Graffiti vor allem als Zeitschichten an, die zur Geschichte des Hauses gehören. Die wollen wir auch zeigen“, so Björn Schorr als Mitarbeiter des Kulturquartiers. Die Bilder als Kunst zu bewerten, stehe hier außen vor, da sich die Urheber aus ihrem Naturell heraus einer künstlerischen Ebene entziehen.
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Erfurt mangelt es an Graffiti-Erfahrung
Der Zeugnis- und Erinnerungswert ist es, der Schriftzüge wie „FK“ und „Welt“ an der Kulturquartier-Fassade besonders macht. Und um den gehe es auch im Denkmalschutz. Der hat sich in Erfurt mangels großen Aufkommens an Streetart bisher noch nicht klar positionieren können.
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„Tatsächlich sind ganz vereinzelt auch Graffitis auf Denkmallisten verzeichnet, in Aachen und Berlin – Stichworte: Banksy und East Side Gallery. In Erfurt haben wir das nicht und sind auch ansonsten noch nicht so weit. In der Altstadt sind Graffiti, Tags und Co. ganz klar ein Ärgernis, ja oft Straftatbestand. Außerhalb dessen tasten wir uns erst ganz langsam heran, wo tatsächlich das Denkmalsiegel angemessen erscheinen könnte. Da müssten wir uns erst einmal einen Überblick verschaffen“, so Stadtdenkmalpfleger Mark Escherich, der seine Fachperspektive ebenfalls bei der Diskussionsrunde einbringen wird.
Der Blick auf das Baudenkmal bleibt nahezu unangetastet

Obschon die Graffiti sicher einst als Störfaktor geschaffen wurden, sieht Schorr in der Umsetzung der Schauspielhaussanierung und im Erhalt der vier Graffiti heute kein Ärgernispotential mehr. „Die Blickachse spielt hier die entscheidende Rolle“, sagt er und zeigt dabei vom Klostergang auf die momentan noch eingerüstete Fassade, die sich in zartem Rosa und mit feinen Stuckdekorationen zeigt. „Vom typischen Blick, der auch auf fast allen historischen Postkarten überliefert ist, sieht man den Zustand von 1897. Eine Neobarockfassade. Erst wenn wir ein Stück herumgehen, sehen wir die Graffiti“.

Eben diese gehören für ihn und seine Kulturquartierkollegen zur Kontinuität des Hauses. „Ohne den Leerstand wäre es zu diesem Projekt, das Baudenkmal als Kulturort neu einzurichten, gar nicht gekommen. Der Leerstand gehört dazu und soll nicht versteckt werden“, so formuliert Schorr eines seiner Denkangebote für den Denkmaldiskurs.
Peng in Erfurt bleibt erhalten

Dass die Graffitis am Haus aus den Nullerjahren, also aus der ambivalenten Transformationszeit im Osten, zur deutschen Geschichte dazugehören, von der das Schauspielhaus ganz konkret geprägt ist, erkennt auch Denkmalpfleger und Bauhistoriker Escherich an. Jedoch sei die Forschung eben noch nicht soweit.
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Eben diese will Schorr mit den vier Graffiti ankurbeln und hat dazu ganz unterschiedliche Konservierungsansätze erprobt. Vom Erhalt der Farbe und sogar deren Ablösung bis hin zum Lösen und nachhaltigen Bewahren von Farbschichten gibt es einige Ansätze, über die er am Sonnabend referieren kann. Dabei wird auch der Peng an der Fassade der Lilienstraße nicht vergessen, um den beim neuen Farbanstrich des Hauses drumherum gemalt wurde.
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Wie die Erfurter den Umgang mit dem Schauspielhaus und seinen Graffiti finden, wird sich ebenfalls im Gespräch des von der Stiftung Baukultur Thüringen und der Stiftung Wissensart unterstützten Fachpodiums herausstellen. „Ich könnte mir vorstellen, dass solche Werke zunehmend mehr von Kulturgeschichte eingeordnet werden, wenn der Zeitabstand noch etwas wächst“, weist zumindest Mark Escherich etwas über seine Fachperspektive voraus.
„Denkmal.Schutz.Graffiti – Lebendiges Baudenkmal“, Podiumsrunde am Sonnabend, 12.September, um 15 Uhr im 1. Obergeschoss im Kulturquartier Schauspielhaus, Klostergang 4, mit KP Flügel (Stiftung Wissensart), Mark Escherich (Denkmalschutzbehörde), Andreas von Chrzanowski (Künstler und und Restaurator) sowie Thomas Schmidt und Björn Schorr (Kulturquartier). Es moderiert Lisa Hilpert.








