Der Blick über die Altstadtdächer, der Wintergarten hoch oben: „Das ist der Luxus, den ich mir gönne“, sagt Gabriele Woelke-Rebhan. Unter all den kleinen Sammelstücken und Andenken, die sich darin verteilen, ist eines ganz besonders. Es ist das Hochzeitsbild von ihr und ihrem zweiten Mann. Er war Architekt, die kleine Innenstadtwohnung ihr gemeinsamer Traum. Vor 18 Jahren starb Hans-Jürgen Rebhan. Dieses Foto aber, sagt Gabriele Woelke-Rebhan, gibt ihr die Kraft, weiterzumachen. „Ihn kennengelernt zu haben, war ein so großes Glück in meinem Leben. Jemanden zu haben, der so bedingungslos hinter mir steht, bei all meiner Sturheit.“
Informiert sein, um auch mal anecken zu können
Die Wohnung, dieses Foto – und noch etwas ist für Gabriele Woelke-Rebhan unverzichtbar: die tägliche Zeitung. Auch das hat etwas mit ihrer Sturheit, ihrer Beharrlichkeit zu tun. „Wenn ich mich mit Leuten anlege, dann will ich doch informiert sein, angebunden an die Dinge, die in der Stadt und in der Politik laufen“, sagt sie lachend. Und anecken, auch gegen Widerstände die Dinge verändern, sich für die Gesellschaft engagieren, das zieht sich durch das Leben der heute 79-Jährigen.
Die Omas gegen Rechts, die Initiative Stolpersteine, der Kampf um den Denkort Bücherverbrennung auf der Ega, aber auch die Gründung des Citymanagements in den 1990ern: „Ich kann nerven, habe aber offenbar auch das Talent, Menschen mitzureißen. Das will ich nutzen“, sagt Woelke-Rebhan, warum sie es nicht lassen kann, mitzumischen. Dass sie dafür auch manchmal angefeindet wird, damit kann sie leben. „Auch wenn es mich ärgert, dass das manchmal als linke Spinnerei abgetan wird. Dabei geht es gar nicht um rechts oder links“, sagt die einstige Unternehmerin.
Ihr Name hat einen vertrauten Klang in der Stadt
Bei vielen Erfurtern hat der Name Woelke einen vertrauten Klang. 1929 gründete ihr Vater Erich Woelke, Ingenieur bei den Olympia-Werken, einen Vertriebs- und Reparaturservice für die beliebten Schreibmaschinen. Nach dem Krieg blieb „Strüber & Woelke“ der Reparaturservice, ergänzt um Bürobedarf aller Art. Als Erich Woelke 1981 starb, übernahm seine Tochter Gabriele, damals mit Nachnamen Prüwer, das Geschäft samt Werkstätten in der Bahnhofstraße, rettete es über die Wende. 2002 war die Insolvenz unvermeidlich. Mit ihrem zweiten Mann probierte sie einen neuen Anlauf in der Johannesstraße, „Rebhan & Woelke“ hieß der Bürobedarf. 2017 war endgültig Schluss.
In jungen Jahren wollte sie selbst Journalistin werden
Durch die Höhen und Tiefen begleitete sie ihre Störrigkeit. Sie, das Kind aus bürgerlichem Unternehmerhaushalt, das sich nicht damit abfinden will, dass sie eher die gute Partie eines standesgemäßen Gatten sein soll, anstatt eigene Karrierewege zu gehen. Die Mode-Journalistin werden will, über eine Schneiderlehre dann aber doch in der Bekleidungsbranche landet. 1977 wurde ihr Sohn geboren. Für Gabriele Woelke-Rebhan ein Schlüsselmoment. „Da wusste ich plötzlich, dass ich mich auch gesellschaftlich engagieren muss.“
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Vielleicht war es der Traum vom Journalistenberuf, spätestens aber dieser Drang, sich einzubringen, der sie zur leidenschaftlichen Zeitungsleserin macht, zur kritischen. Zu DDR-Zeiten, da hieß die Zeitung noch „Das Volk“, stand das Wichtigste zwischen den Zeilen. „Man muss ja nicht alles richtig finden, was man da liest“, lernte sie. Auch heute ärgert sie sich über manchen Artikel. „Aber ich gehöre zu denen, die fast alles lesen“, sagt sie.
Alles wird teurer, aber die Rente nicht mehr
Zuletzt haderte sie vor allem damit, dass alles immer teurer wird, auch das Zeitungsabonnement. „Das Geld, das ich zur Verfügung habe, wächst ja nicht mit“, sagt Gabriele Woelke-Rebhan. Da bekam sie den Tipp: Probiere es doch mal mit einem E-Paper, das spart Geld. Und ein Tablet gibt’s obendrauf.

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Die Zeitung auf dem Tablet lesen? Gabriele Woelke-Rebhan war skeptisch. Es ist gar nicht so lange her, da haben Bekannte sie zu einem Smartphone überredet. Überall erreichbar zu sein, Verabredungen unterwegs zu treffen, das hatte sie trotz ihres vielfältigen Engagements davor für überflüssig gehalten. Jetzt ein Tablet? Einen Kurs dafür wollte sie nicht belegen. Zusammen mit anderen „Alten“, die alles besser wissen, das ist nichts für die resolute Frau.
Gelesen wird am Frühstückstisch
In der Geschäftsstelle ihrer Zeitung, die jetzt „Medienstore“ heißt, erfuhr sie, dass es auch einzelne Beratungstermine gibt – und sagte zu. Sie trifft auf Mitarbeiter, die mit viel Geduld Einstieg in die neue Technik helfen. „Ich war überrascht, wie einfach das geht“, sagt Gabriele Woelke-Rebhan.
Und jetzt? „Abends um halb acht taucht eine Nachricht auf, dass eine neue Zeitung verfügbar ist, und schon kann es losgehen. Sogar am Sonntag!“ Abends aber, verrät sie, liest sie gar keine Zeitung. Die gehört morgens auf den Frühstückstisch, so hält sie es auch heute. Nur das Ausschneiden von Artikeln vermisst sie, aber dafür findet sich bestimmt auch noch eine Lösung.




