Die Wohnung in dem Gründerzeithaus mit seiner dunkelroten Backsteinfassade und den üppigen Stuckverzierungen, mit Blick auf den Flutgraben, gleich in der Nähe des Hauptbahnhofs, dürfte etwas hergemacht haben. Gutbürgerliche Lage, sie hatten es zweifellos zu etwas gebracht, der Kaufmann Siegmund Rehbock und seine Frau Frieda. 1933 konnten sie die neue Wohnung in der Bismarckstraße beziehen.

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Es ist das Jahr, an dem die Nationalsozialisten an die Macht kommen. Vielleicht ahnen Siegmund und Frieda Rehbock bereits, dass ihr Glück nicht von Dauer sein wird. Vielleicht können sie es nicht vorhersehen, wollen es nicht. Sie sind angesehene Bürger der Stadt, Nachbarn, Freunde. Aber sie sind auch Juden.

Sie müssen die geliebte Wohnung verlassen
Als fünf Jahre später die Synagogen brennen, wird Siegmund Rehbock in „Schutzhaft“ genommen, im KZ Buchenwald. So nennen es die Nazis, wenn sie Menschen ohne Gerichtsbeschluss einsperren. Als er wieder freikommt, versuchen die Rehbocks vergeblich, nach Amerika auszuwandern. 1939 müssen sie ihre geliebte Wohnung auf behördliche Anweisung verlassen, bekommen kleinere Unterkünfte zugewiesen. Am 10. Mai 1942 werden sie mit zahlreichen anderen Erfurter Juden deportiert, ins Ghetto Belzyce nahe Lublin in Polen. Dort werden sie ermordet.
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Bis jetzt erinnerte nichts mehr an das Ehepaar
Die Bismarckstraße heißt heute Löberwallgraben. An die Familie Rehbock erinnerte dort seit ihrem erzwungenen Auszug nichts mehr. Zumindest bis jetzt, bis zu diesem Freitag, den 17. Oktober. Vor der Hausnummer 3 sind zwei Messingsteine ins Pflaster eingelassen. Es sind die Stolpersteine 17 und 18, die die noch junge Initiative „Stolpersteine Erfurt“ in der Stadt verlegen ließ.
Seit der Künstler Gunter Demnig 1992 mit dem Stolperstein-Projekt begann, erinnern in ganz Europa mehr also 100.000 dieser unscheinbaren Steine an Nachbarn, die verschwunden sind, an Bürger, die von den Nazis vertrieben, deportiert, ermordet wurden. An ausgelöschtes Leben.
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Es dauert lange bis zum ersten Stolperstein
In Erfurt dauerte es lange, bis auch hier Stolpersteine verlegt wurden. 2009 startete mit den Denknadeln ein eigenes künstlerisches Projekt zur Erinnerung an verschwundene Erfurter. Neun der an Eistüten erinnernden Skulpturen gibt es im Stadtgebiet. Doch das Fehlen der Stolpersteine fiel auf.
„Ich fand das merkwürdig, unangemessen für eine Landeshauptstadt, die zudem so nahe am ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald liegt“, sagt zum Beispiel Jacob Liebig. Der 37-Jährige arbeitet als Lehrer in Erfurt, wuchs in Berlin auf. Er wohnt im Südviertel. Als er in der Zeitung erfuhr, dass an diesem Freitag weitere Stolpersteine verlegt wurden, meldete er sich spontan als Pate für einen der Steine.

Pate zu sein heißt, auf die Steine zu achten
Pate zu sein, das bedeutet, die Steine im Auge zu behalten, auf Beschädigungen zu achten, sie ab und an zu reinigen. Wer will, kann auch die Finanzierung übernehmen, 120 Euro kostet die Verlegung eines Steins. Die Initiative „Stolpersteine Erfurt“ sammelt Spenden. Erst einen Monat zuvor wurden 15 Stolpersteine verlegt, der Künstler Gunter Demnig war selbst vor Ort. An diesem Freitag sind es weitere fünf. Vergangenes Jahr wurde ein erster der Messingsteine in der Trommsdorffstraße ins Pflaster eingelassen.

Es sind rund 40 Menschen, die an diesem Freitagmorgen in den Löberwallgraben gekommen sind. Der Musiker Kai Winkelbauer spielt auf der Gitarre. Milán Andics, Kantor der jüdischen Landesgemeinde, spricht das Kaddisch, das Totengebet. Francisca Friedrich von der Stolperstein-Initiative erzählt aus dem Leben der Familie Rehbock. Mitarbeiter des Erfurter Bauhofs befestigen die Steine im Pflaster, Blumen werden niedergelegt. Dann zieht die Gruppe weiter.
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400 verschwundene Nachbarn
In der Werner-Seelenbinder-Straße 3 nahe dem jüdischen Friedhof werden drei weitere Steine verlegt. Walter, Rosalie und Vera Heynemann lebten hier. Auch sie mussten Deutschland verlassen, konnten in die USA fliehen. Auch an sie wird nun erinnert.
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Es sollen nicht die letzten Stolpersteine in Erfurt sein. Etwa 400 jüdische Einwohner der Stadt, so der Stand der Forschung, wurden von den Nazis aus der Stadt gezwungen, in den Tod geschickt. So viele Häuser, so viele Straßen in der Stadt, aus denen Nachbarn spurlos verschwanden.
„Was hätte ich getan? Hätte ich mich gewundert? Nachgefragt bei den Behörden?“, fragt Francisca Friedrich in ihrer kurzen Rede. Es sind diese Zweifel, warum es der Initiative und vielen Erfurtern wichtig ist, die Erinnerung wachzuhalten.







