• Ute Heimann erschafft einzigartige Puppen und erweckt sie in ihren Stop-Motion-Filmen zum Leben.
  • Zur Zeit arbeiten sie an der Adaption eines Märchens von Rafik Schami. Es ist ihre bisher aufwendigste Produktion.
  • Die Weimarerin zeigt mit ihren Figuren, die für sie schon während des Entstehens ein Eigenleben entwickeln, warum gerade extreme Langsamkeit und Hingabe noch immer faszinieren.

Warum sind alte Kultfilme so beliebt? Warum begeistern sie Jahrzehnte später noch Generationen, während so mancher hochglanzpolierte Streifen von heute schnell wieder vergessen ist? Und warum widmet sich heutzutage, da man Videos und Bilder mit einem einzigen Klick erstellen kann, immer noch jemand dieser Entschleunigung in ihrer extremsten Form – dem Stop-Motion-Film?

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Ute Heimann, ist Stop-Motion-Künstlerin. Für ihre Animationsfilme werkelt sie manchmal monatelang an einem einzigen Detail. In ihrem Studio in Weimar – der Stadt, in der sie geboren wurde, und die sie mit 18 Jahren verließ, um später doch zurückzukehren – herrscht eine ganz eigene Ordnung. Hier und da sieht man in ihrem Studio moderne Technik: teure Computer, Lampen, ein paar Kameras. Eine der Kameras hat sie von ihrem Vater geerbt, der Fotograf war und früher das Geschehen in Weimar dokumentiert hat. Das Herzstück der Arbeit bleibt jedoch analog: die Puppen.

Faszination für Puppen schon zu DDR-Zeiten

Ihre erste Puppe baute die Weimarerin im Alter von fünf Jahren. Damit begann eine lebenslange Mission. Zu DDR-Zeiten fand sie eine Festanstellung an einem professionellen Puppentheater – ein „feines Leben mit einem richtigen Gehalt“. Später in der Schweiz eine Ausbildung für therapeutisches Puppenspiel und noch später ließ sie sich zur Sozialarbeiterin ausbilden.

Stop-Motion-Künstlerin Ute Heimann
„Sobald ich die Augen einsetze, fangen sie an zu denken, selbstständig zu sein“, sagt Ute Heimann über ihre Puppen.© Funke Medien Thüringen | Albina Akhmedova

Ute Heimann kreiert ihre Puppen nicht nach präzisen Skizzen, sie entstehen aus dem Unbewussten. Eine Prinzessin kann zunächst wie ein Teufelchen aussehen. Ute nimmt das gelassen: „Prinzessin kannst du ja nächstes Mal werden.“ Die Figuren haben eine Seele: „Beim Machen reden die Figuren sofort mit mir“, beschreibt die Künstlerin den Schöpfungsprozess. „Sobald ich die Augen einsetze, fangen sie an zu denken, selbstständig zu sein.“

Mit 59 Jahren saß Ute Heimann wieder im Hörsaal. An der Bauhaus-Universität Weimar studierte sie nicht für ein Diplom, sondern aus Neugier. Sie wollte das Handwerk des Animationsfilms von Grund auf lernen. Zusammen mit deutlich jüngeren Kommilitoninnen und Kommilitonen übte sie die Grundlagen.

Syrische Künstler als Inspiration für neuen Film

Derzeit arbeitet Ute Heimann an ihrem neuen Film: einer Adaption des Märchens „Die Macht der Musik“ des syrischen Schriftstellers Rafik Schami. Es ist das erste Mal, dass die Künstlerin auf der Grundlage einer lizenzierten literarischen Vorlage arbeitet. Für die Rechte hat sie erheblich investiert. Aus Schamis Erzählung entwickelte sie nun selbst das Drehbuch für ihren Stop-Motion-Film. Früher ließ sie den Dingen freien Lauf, beobachtete, was die Puppen machen, und schrieb den Text erst im Nachhinein.

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Die Geschichte erzählt von einem Fischersohn, der schon mit zehn Jahren nicht besonders hübsch war, dessen Flötenspiel aber die Welt bewegte. Für den Soundtrack holte Heimann den syrischen Musiker Ahmed Hajar ins Boot. Für die visuelle Umsetzung mobilisierte die Künstlerin ein ganzes Netzwerk. Zusammen mit sieben engen Freunden hat sie einen Unterstützerverein. Eine Textilgestalterin kümmert sich um die Kostüme, eine Waldorf-Erzieherin filzte an einem langen Nachmittag zwanzig Hasen – die Vorlage verlangt eigentlich vierzig, aber Kompromisse gehören dazu.

Mit fünf Jahren verstehen die Menschen schon unheimlich viel

Ute Heimann

Für wen schafft die Weimarer Künstlerin im Zeitalter von CGI, also computergenerierten Bildern, und künstlicher Intelligenz ihre Filme? Ihre Zielgruppe liegt jenseits der üblichen Marketing-Kategorien. Es sind Geschichten für Kinder, aber keine reinen Kindergeschichten. In Schamis Erzählung blitzt durchaus Erotik auf – die Prinzessin zeigt ihren Busen.

Das absolute Lieblingspublikum von Ute Heimann sind Fünfjährige. „Mit fünf Jahren verstehen die Menschen schon unheimlich viel. Sie philosophieren über Leben und Tod. Aber sie nehmen das Wunder noch als gegeben hin. Sie beschweren sich nicht, wenn eine Fee kommt oder ein Tier spricht. Erst mit sechs oder sieben fangen sie an zu rufen: ‚Ein Fuchs kann doch gar nicht reden!‘“

Trotz Möglichkeiten mit CGI bleibt sie Stop Motion treu

Genau diese Haltung erklärt auch, warum Ute Heimann dem Stop-Motion treu bleibt. In den alten Produktionen entstanden die Kulissen noch größtenteils von Hand. Handwerker und Bühnenbildner bauten Raumschiffe und Wüstenplaneten aus Holz, Kunststoff, Farbe und viel Fantasie – nicht am Computer generiert, sondern als Puppen animiert. Jede Bewegung, jedes Zucken war das Ergebnis akribischer Handarbeit.

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Es ist etwas Echtes, Haptisches, mit all seinen kleinen Unvollkommenheiten. Diese kleinen „Fehler“ – ein leichtes Wackeln der Kamera, der sichtbare Faden einer Marionette – erzeugen Authentizität. Das Publikum soll die Liebe und den Aufwand spüren, die in jede Szene gesteckt wurden. Und genau das ist es, was alte Kultfilme so langlebig macht und warum Ute Heimanns filigrane, analoge Arbeit auch heute noch berührt.