Die Rede von Gerlinde Sommer, Chefredakteurin der Thüringische Landeszeitung (TLZ), zu 80 Jahre TLZ vom 24. September in der Sendehalle in Weimar.

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80 Jahre TLZ: Eine Zeitung als Spiegel Thüringens
Tacheles Thüringen
 

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

so grüßte ich in meiner Kolumne „Unter uns gesagt“ seit März 1998 diejenigen, die die wichtigsten Personen für uns sind. Und so will ich Sie heute alle gemeinsam grüßen: liebe Leserinnen, liebe Leser. Wobei: Heutzutage haben wir neben Leserinnen und Lesern auch Zuhörerinnen und Zuhörer. Und beim Streaming immer mehr Personen, die zuschauen.

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Das ist der Wandel, für den wir stehen. Wir gehen mutig voran. Und bleiben uns dabei treu: TLZ steht für Klartext, die drei Buchstaben -- T L Z -- stehen im Zusammenhang mit dem Jubiläum für: Tradition, Leidenschaft und Zukunft. Wir sind unabhängig, weltoffen und heimatverbunden.

Das betone ich an dieser Stelle besonders, weil ich nun Ihren Blick auf unsere Gründungsgeschichte und hier vor allem auf Hermann Becker lenken will. Und es ist mir, es ist uns, in diesem Zusammenhang eine besondere Ehre, Nachfahren von Hermann Becker begrüßen zu dürfen: Seine Tochter Ruth Strauß und die Becker-Enkelin Jutta Strauß sowie ihren Mann Erwin Handke. Schön, dass Sie unserer Einladung nach Weimar Folge leisten konnten. Und wie sehr Sie uns hier in Thüringen willkommen sind, liebe Frau Strauß, ist auch daran zu sehen, dass Sie sich morgen ins Goldene Buch der Stadt Weimar eintragen dürfen.

TLZ Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Weimar
Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Weimar (von links nach rechts): Julia Miehe, Stadtkulturdirektorin, Stadt Weimar Gerlinde Sommer, Chefredakteurin Thüringische Landeszeitung Ruth Strauß, Tochter von TLZ-Gründer Hermann Becker Nora Marx, Gesellschafterin der Funke Mediengruppe Andy Faupel, Medienbeauftragter der Stadt Weimar.© FMG | Bülend Ürük 

Bei der TLZ-Gründung im September 1945 waren die politischen und wirtschaftlichen Bedingungen zur Herausgabe einer Tageszeitung mit einem liberalen Profil alles andere als einfach.

Hermann Becker, 1905 in Plauen geboren, später dann mit Familie in Erfurt ansässig, hatte im Bankenwesen gearbeitet und sich am Ende der Weimarer Republik für linksliberale Politik engagiert. Er wurde 1933, als schon die Nazis an der Macht waren, kurzzeitig verhaftet – und lebte daraufhin zurückgezogen. Es muss für ihn wie überwintern gewesen sei. Als bürgerlich-demokratisches Engagement wieder möglich war, fühlte er sich in die Pflicht genommen: Hermann Becker gehörte zu denen, die im Sommer 1945 die Liberaldemokratische Partei für Thüringen gründeten.

Zudem erlaubte ihnen die sowjetische Militäradministration die Veröffentlichung einer TLZ-Sondernummer, die heute vor 80 Jahren – am 24. September 1945 – unter dem Titel Thüringische Landeszeitung (TLZ) mit einer Auflage von 50.000 Exemplaren erschien. „Zum ersten Mal seit 12 Jahren, nach harten Zeiten der Unterdrückung und der Knebelung der Gewissensfreiheit, nach fast sechsjährigem Krieg, erscheint heute wieder eine demokratische Zeitung für Thüringen.“ Mit diesen Worten beginnt am 24. September 1945 der zentrale Text auf der Titelseite.

TLZ Urkunde
Die Urkunde der Stadt Weimar zur Erinnerung an TLZ-Gründer Hermann Becker.© Funke Medien Thüringen | Gerlinde Sommer

Nach der Gründung der SED setzte die Besatzungsmacht der bürgerlichen Parteipresse verstärkt zu – durch eine Herabsetzung der lizenzierten Auflage. Ende Mai 1947 erreichte die TLZ mit nur noch 17.000 Exemplaren ihren niedrigsten Stand. Zudem wurde der Zeitung, die zunächst mit Ausgaben in Altenburg, Eisenach, Erfurt, Gera, Saalfeld und Weimar erschienen war, bereits im Mai 1946 die weitere Herausgabe von Bezirksausgaben untersagt. Sie war als Feigenblatt gedacht.

Nun kommen wir zum 23. Juli 1948: Es geschah in einer Sitzungspause des Thüringer Landtages, im Hotel Kaiserin Augusta am Hauptbahnhof. Dort wird der LDP-Abgeordnete und Gründungsverleger der TLZ, Hermann Becker, vom sowjetischen Geheimdienst in der Landeshauptstadt Weimar in Gewahrsam genommen. Zuvor hatte er sich im Plenarsaal unter anderem für die Stärkung der Jugendämter eingesetzt. In der TLZ hatte er sich für Meinungs- und Religionsfreiheit starkgemacht und Texte veröffentlichen lassen, die der auf SED-Politik ausgerichteten Obrigkeit missfielen.

Hermann Becker wurde 1948 zunächst in die zentrale Stasi-Untersuchungshaftanstalt nach Hohenschönhausen gebracht und später nach Workuta verbannt. 25 Jahre lautete das Urteil, das aus Moskau übermittelt worden war. „Das politische Engagement des Liberalen verdient eine besondere Anerkennung“, würdigte Anfang der Zehnerjahre die damalige Landtagspräsidentin Birgit Diezel (CDU) Beckers Verdienste.

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Man muss sich das vorstellen: Insgesamt sieben Jahre, zwei Monate und 26 Tage war Hermann Becker gefangen und in der Verbannung. Die Familie sollte ihn für tot erklären, weigerte sich aber. Die Beckers erlebten in Erfurt Sippenhaft, vor allem die Kinder fühlen sich ausgegrenzt. Dass Frau Becker mit ihren beiden Kindern überhaupt über die Runden kam, verdankte sie auch der TLZ: Sie arbeitete in Erfurt für diese Zeitung, die ihr Mann mitgegründet hatte.

Erst dank Konrad Adenauers Moskaureise 1955 konnte Hermann Becker nach West-Berlin ausreisen – und die Familie folgte ihm. Die Kapitel Politik und Zeitung waren abgeschlossen. Uns ist das Opfer, das Hermann Becker für seine TLZ gebracht hat, Verpflichtung. Wenn die Zeiten schwierig werden, knicken wir nicht ein und nehmen nicht Reißaus. Standhaftigkeit ist ein hohes Gut. 

Liebe Familie Strauß, Ihnen gilt unsere Hochachtung. Und richten Sie, liebe Frau Strauß, bitte Ihrem Bruder, Lutz Becker, unsere besten Genesungswünsche aus. 

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Und nun darf ich unsere Festrednerin ankündigen:

Frau Dr. Ulrike Lorenz ist seit 2019 Präsidentin der Klassik Stiftung Weimar und ein Kind dieses Landes. Sie stammt aus Gera, hat in den 1980ern in Leipzig studiert und wurde 1999 in Weimar promoviert. Sie hat sich als Direktorin der Kunsthalle Mannheim einen Namen gemacht – und steht in Weimar vor einer Vielfalt von Herausforderungen, die den unseren gar nicht so unähnlich sind.

Als ich sie fragte, was ich Ihnen, liebes Publikum, vorab verraten darf, sagte sie: Lassen Sie sich überraschen … Klar ist, dass es persönlich wird und dass sich die Rede um den Gesellschaftsumbruch beim Beitritt der DDR zur Bundesrepublik rankt. Was vor 35 Jahren geschah, wirkt nach. Auf ganz vielfältige Weise. Wir dürfen also gespannt sein auf Zeiten der Veränderung.