Eigentlich war es zuletzt vergleichsweise ruhig geworden um Prinz Andrew, den skandalgeschüttelten jüngeren Bruder von Großbritanniens König Charles III. Sechs Jahre nach seinem desaströsen Interview mit der BBC-Journalistin Emily Maitlis lebte Andrew, gemeinsam mit seiner Ex-Frau Sarah Ferguson, abgeschirmt vom kritischen Blick der Öffentlichkeit in der Royal Lodge, einem stattlichen, 30 Räume umfassenden Anwesen unweit des Schlosses Windsor westlich von London.

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Doch in diesem Sommer setzte ein neuer Strom an Enthüllungen und Vorwürfen ein, der nicht mehr abriss. Die meisten von ihnen befassen sich mit Andrews Freundschaft zu dem verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein. König Charles III. hat nun ganz offensichtlich beschlossen, dass es reicht.

Buckingham-Palast: Prinz Andrew gibt alle royalen Titel ab

Am Freitag gab der Buckingham-Palast ein Statement Andrews heraus, in dem dieser erklärt, dass er seine königlichen Titel und Ehrungen de facto abgibt. Nach Gesprächen mit König Charles III. und der weiteren Familie sei man „zu dem Schluss gekommen, dass die fortdauernden Anschuldigungen gegen mich von der Arbeit Seiner Majestät und der Königlichen Familie ablenken“, heißt es in der Erklärung.

Andrew habe sich entschieden, seine „Pflicht gegenüber meiner Familie und meinem Land an die erste Stelle zu setzen.“ Er halte an seiner früheren Entscheidung fest, sich aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen. Doch nun sei klar, „dass ich einen Schritt weiter gehen muss. Daher werde ich künftig meinen Titel sowie alle mir verliehenen Auszeichnungen nicht mehr verwenden.“ Die Erklärung endet mit der Feststellung, dass Andrew auch weiterhin „die gegen mich erhobenen Anschuldigungen entschieden“ zurückweise.

Prinz Andrew gibt wegen Epstein-Affäre Titel und Ehren auf
Erklärung des Buckingham-Palastes: Prinz Andrew kündigte an, dass er alle seine Titel und Ehrentitel, einschließlich des Herzogs von York, abtritt. © Buckingham Palace/PA Media/dpa | Buckingham Palace

Demütigung für Andrew: Kein Herzog von York, Graf von Inverness und Baron Killyleagh mehr

Technisch verliert Andrew seine Titel nicht, er lässt sie nur ruhen. Für eine Aberkennung des „Duke of York“-Titels etwa wäre ein Parlamentsbeschluss notwendig gewesen. Die begleitende Berichterstattung hätte den Ruf des Königshauses wohl vermutlich noch mehr ramponiert. Das letzte Mal, dass einem führenden Mitglied der königlichen Familie auf diese Weise ein Titel aberkannt wurde, liegt mehr als 100 Jahre zurück: 1919 verlor Prince Charles Edward, einer von Königin Victorias Enkeln, den Titel „Duke of Albany“. Der Grund: Er hatte während des Ersten Weltkrieges auf der Seite der Deutschen gekämpft.

So oder so dürfte der bekanntermaßen prestigehungrige Andrew den Verlust seiner Titel und Ehrungen als eine schwere Demütigung erleben. Sein Fall in Ungnade, der sich seit Jahren hinzieht, ist damit vollendet.

Epstein-Skandal: Virginia Giuffre warf Andrew sexuellen Missbrauch vor, als sie 17 war

Zu den Titeln, die Andrew in Zukunft nicht mehr nutzen wird, zählen unter anderem „Herzog von York“, „Graf von Inverness“ und „Baron Killyleagh“ und eine Reihe von Ordens-Auszeichungnen. Seine militärischen Titel und Wohltätigkeits-Schirmherrschaften hat ihm Königin Elisabeth II. bereits Anfang 2022 entzogen. Auch seine Anrede „His Royal Highness“ durfte er seitdem nicht mehr verwenden.

Ein Gericht in den USA hatte damals entschieden, eine Zivilklage von Virginia Giuffre gegen Andrew zuzulassen. Giuffre warf Andrew vor, er habe sie 2001 in einem Haus von Epsteins Freundin Ghislaine Maxwell in London sexuell missbraucht, als sie gerade einmal 17 Jahre alt war. Andrew weist sämtliche diesbezüglichen Vorwürfe zurück.

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Missbrauchsvorwurf: Andrew spendete 12 Millionen Pfund an Giuffres Organisation

Beide Parteien kamen damals kurze Zeit später zu einer außergerichtlichen Einigung. Andrew leistete eine Spende an Giuffres Wohltätigkeitsorganisation, die sich Schätzung zufolge auf bis zu 12 Millionen Pfund belaufen haben könnte. Woher das Geld stammt, ist bis heute Gegenstand von Spekulationen.

Giuffre hat sich im April mit 41 Jahren das Leben genommen, sorgt jetzt aber auch nach ihrem Tod noch einmal für Aufsehen: Ihre posthum veröffentlichte Autobiografie „Nobody’s Girl: A Memoir of Surviving Abuse and Fighting for Justice“ geht am Dienstag in den Handel. Die erwartete negative Berichterstattung könnte durchaus zu der Entscheidung des Buckingham-Palasts beigetragen haben, Andrew fallen zu lassen.

Missbraucht mit 17? In einem Buch beschreibt Andrews mutmaßliches Opfer sexuelle Ausbeutung

In einem Auszug, den der Guardian vor wenigen Tagen exklusiv veröffentlicht hat, schreibt Giuffre, Andrew habe es als sein „Geburtsrecht“ angesehen, mit ihr Sex zu haben. Virginia Giuffre schildert, wie sie mit 16 Jahren angefangen hat, in Donald Trumps Mar-a-Lago-Ressort zu arbeiten. Wenige Wochen vor ihren 17. Geburtstag habe sie Ghislaine Maxwell dort rekrutiert, um als Masseurin für „einen wohlhabenden Mann“ zu arbeiten.

Giuffre beschreibt, wie Epstein und Maxwell ein Netzwerk aufbauten, in dem junge Mädchen, häufig aus schwierigen Verhältnissen, rekrutiert, trainiert und sexuell ausgebeutet wurden. Andrew habe mindestens dreimal mit ihr Sex gehabt, schreibt Giuffre weiter, ein Mal auf Epsteins privater Insel. 

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Andrew sagte, er könne sich nicht an Giuffre erinnern

Andrew sagte über Giuffre einmal, das er sich nicht erinnern könne, sie je getroffen zu haben. Das weltberühmte Foto, das die beiden zusammen zeigt, könne „manipuliert“ sein, fügte er hinzu.

Eine bereits im Sommer erschienene Biografie über die (nun ehemaligen) Yorks dürfte den Palast bereits in reichlich Unruhe versetzt haben. In „Entitled: The Rise and Fall of the House of York“ beschreibt der Historiker Andrew Lownie das enge Verhältnis zwischen Prince Andrew und Epstein. Andrew sei für Epstein „ein nützlicher Idiot“ gewesen, der Epstein Respektabilität verliehen und ihm Zugang zu politischen Führungspersonen und Geschäftsmöglichkeiten verschafft habe. Lownie gibt dabei ein längeres Epstein-Zitat wieder, das nahelegt, dass der Sexualstraftäter mit den sexuellen Vorlieben des Prinzen intim vertraut war.

Prinz Andrew
Ein Foto zeigt Prinz Andrew, Virginia Giuffre aus den USA und Ghislaine Maxwell. Giuffre hatte Andrew vorgeworfen, sie als Minderjährige mehrfach missbraucht zu haben. © Us Department Of Justice/PA Media/dpa | Us Department Of Justice

Andrew an Epstein: „Wir werden bald wieder ein bisschen zusammen spielen!!!!“

Nicht wenige Kommentatoren kamen nach dem Erscheinen des Buchs zu dem Schluss, dass Andrew keine Aussicht auf eine Rückkehr zu seiner früheren Rolle mehr hatte. „Dieses Buch scheint das Schicksal von Andrew zu besiegeln – falls er jemals hoffte, wieder offiziell ins königliche Leben eingebunden zu werden“, sagte die Adelsexpertin Pauline Maclaran der BBC.

Vergangene Woche berichtete die „Mail on Sunday“ über eine geleakte E-Mail Andrews an Epstein. So soll Andrew seinem Freund im Jahr 2011 einen Tag nach der erstmaligen Veröffentlichung seines Fotos mit Giuffre geschrieben haben: „Ich mache mir Sorgen um dich! Mach dir um mich keine Gedanken! Es scheint, als stecken wir da gemeinsam drin – und wir müssen darüber stehen.“ Anschließend habe Andrew nahegelegt, „in Verbindung zu bleiben“, gefolgt von: „Wir werden bald wieder ein bisschen zusammen spielen!!!!“

Andrew und Epstein hielten offenbar länger Kontakt als angegeben

Ein Problem mit dieser E-Mail: In seinem BBC-Interview im Jahr 2019 hatte Andrew beteuert, dass er den Kontakt zu Epstein im Dezember 2010 abgebrochen habe. Er hielt den Kontakt also länger aufrecht, als er der Öffentlichkeit glauben machen wollte.

Und ein weiteres Buch, das im November erscheinen soll, könnte für Andrew ebenfalls unangenehm werden: In „Blue Butterfly“ legt die Autorin Sarah McCarthy nahe, dass Epstein und Maxwell nicht allein gehandelt haben, sondern Teil eines größeren Netzwerks gewesen seien. Bei ihren Recherchen sei sie auf weitere Details zu Andrew und anderen hochrangigen Persönlichkeiten gestoßen.

Bruder von Giuffre: Entscheidung des Buckingham-Palasts habe seine Schwester „rehabilitiert“

Giuffres Familie reagiert wohlwollend auf die Nachricht, dass Andrew seine Titel und Ehrungen ruhen lassen wird. Ihr Bruder Sky Giuffre sagte der Tageszeitung „The Times“, die Entscheidung habe seine verstorbene Schwester „rehabilitiert“. Andrew solle sich aber nicht länger Prinz nennen dürfen, damit „wahre Gerechtigkeit“ herrschen könne.

Anmerkung der Redaktion

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