Als Karen Shimada zum ersten Mal davon hörte, dass in ihrer Stadt bald eine zeitliche Begrenzung für die Handynutzung eingeführt werden sollte, vermutete sie einen Scherz. „Nur noch zwei Stunden pro Tag?!“, fragte die 18-Jährige ungläubig. „Wie soll das gehen? Wenn ich aus der Schule komme, hab‘ ich vom Hin- und Rückweg schon drei Stunden intus.“

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Seit Anfang Oktober ist die neue Regel Realität. In Toyoake, einer Stadt mit 68.000 Einwohnern im Zentrum Japans, dürfen die Menschen pro Tag während ihrer Freizeit nur noch zwei Stunden lang das Smartphone nutzen. Doch wie kann das funktionieren?
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Laut einer im akademischen Journal „Computers in Human Behavior“ veröffentlichten Studie sei Japan stark von globaler Smartphonesucht betroffen. Die durchschnittliche Nutzungsdauer liegt bei rund drei Stunden pro Tag. Wobei beachtet werden muss, dass in dem rapide alternden Land der Anteil der Menschen, die mindestens 65 Jahre alt sind, besonders hoch ist. Da viele der Älteren kein Smartphone nutzen, kommen jüngere Menschen damit auf viel mehr Stunden pro Tag. Die hohe Bildschirmzeit gehe mit einem höheren Einsamkeitsrisiko und schlechterem Schlaf einher, so das Ergebnis einer von der Regierung in Auftrag gegebenen Studie. Und dagegen will Toyoake vorgehen.

Am Bahnhof in Toyoake, hinter den Kontrollschranken, durch die sie sich mit ihrem Smartphone getappt hat, lacht Karen Shimada verlegen. „Täglich bin ich so ungefähr sechs Stunden am Smartphone.“ Sie zocke Games, schaue Videos auf Tiktok oder Youtube, schreibe mit Freunden über die in Japan dominierende Messenger-App Line, suche im Store nach neuen Apps. „Ich lerne aber auch für die Schule per Smartphone. Englischvokabeln zum Beispiel.“

Dennoch findet sie: „Es ist schon gut, dass etwas getan wird. Wir verschwenden ja wirklich oft unsere Zeit mit dem Smartphone.“ Eine Drosselung auf zwei Stunden wiederum findet sie unrealistisch: „Wenn es doppelt so viel Zeit wäre, könnte ich damit noch leben.“ Stattdessen bricht die Schülerin nun einfach die Regeln und ist länger am Handy als offiziell erlaubt. Aber hat das Konsequenzen?
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Bürgermeister von Toyoake: „Wir alle nutzen Smartphones viel zu viel“
Zwei Kilometer westlich der Bahnstation, von der Karen Shimada nun auf ihr Smartphone blickend nach Hause geht, sitzt Masafumi Kouki in seinem Besprechungszimmer und nickt verständnisvoll. „Es werden ja gar keine Strafen verhängt“, beruhigt er. „Ich will nur, dass die Leute, und zwar alle, anfangen, über ihr Verhältnis zu all den Geräten nachzudenken.“
Masafumi Kouki ist seit mehr als zehn Jahren Bürgermeister von Toyoake. Die Idee, übermäßige Smartphonenutzung einfach zu verbieten, kam ihm in diesem Jahr. „Ich habe zwei Kinder, sieben- und zehnjährig. Sie wollen jetzt ein Smartphone haben. Meine Frau und ich machen uns Sorgen, dass sie kaum einen gesunden Umgang damit finden werden. Wir alle nutzen sie ja viel zu viel.“

Als Masafumi Kouki seine Verbotsidee im Sommer dem Gemeinderat vorstellte, stieß er zunächst vor allem auf Skepsis. Politischer Selbstmord, hieß es. Je mehr der Bürgermeister aber betonte, dass er nur die Nutzung in der Freizeit begrenzen wolle, außerdem keine Bestrafungsmechanismen anstrebe, entstand ein Dialog. Ergebnis: Von 19 Stimmen votierten zwölf für das Verbot. „Aus dem ganzen Land haben wir Zusendungen erhalten!“, erzählt Kouki. „60 Prozent waren gegen unsere Maßnahme. Aber viele davon hatten die Regel offenbar nicht richtig verstanden.“ Sie seien davon ausgegangen, dass die Nutzung während der Arbeitszeit mitgezählt würde.
Toyoake: Halten die Menschen sich an die Bildschirmzeit?
Doch was halten die Menschen von der freiwilligen Zeitbegrenzung? Der 19-jährige Vietnamese Tony Nguyen ist für einen Japanisch-Intensivkurs hergezogen, um später hier zu studieren. „Zwei Stunden pro Tag dürfen kein Problem sein“, findet er. „Die älteren Leute lesen Zeitung, das können wir doch auch! Und gelernt haben sie mit Zettel und Stift. Das funktioniert sogar besser!“ Tony Nguyen hat sich vorgenommen, die Regelung einzuhalten.

Die meisten Menschen im Ort scheinen es jedoch eher wie Karen Shimada zu machen und die neue Regel zu missachten. In der Bahn, die zwei Haltestellen innerhalb von Toyoake mit dem großen Nagoya verbindet, halten in einem Abteil von zwölf Passagieren neun ihr Handy in der Hand, sechs davon schauen drauf. Für die 84-jährige Betreiberin eines traditionellen japanischen Teehauses, die selbst kein Smartphone besitzt, ist klar: „Ohne Strafen funktionieren solche Regeln nicht.“






