In einem Video auf TikTok kündigt eine kokette Banane an, gleich einige Herzen zu brechen. Im Hintergrund streitet eine Ananas mit einer Wassermelone um den muskulösen „Bananito“ – beide finden ihn gleichermaßen „hot“. Was absurd klingt, begeistert aktuell Millionen Menschen in den sozialen Medien: Willkommen bei „Fruit Love Island“, der ersten Reality-Show, die komplett von KI mit Obst besetzt wurde. Das Internet bekommt gerade nicht genug davon. Gleichgültig lässt der Trend kaum jemanden.

Auch interessant

KI-Schrott überschwemmt TikTok – und sorgt für Millionen Aufrufe

In wenigen Minuten entstehen aktuell auf TikTok, Instagram und YouTube witzige Mini-Serien. Animierte Bananen, Melonen, Kiwis und Ananas übernehmen die Rollen von schillernden Reality-Stars. Möglich machen das neue KI-Tools, mit denen selbst Laien ganze Szenen inklusive Stimme und Dialogen am Rechner basteln können. Viele der kurzen Clips sammeln Millionen Klicks. Die 15. Episode von „Fruit Love Island“ auf TikTok dürfte bald die 40-Millionen-Marke knacken.

Jeden 2. Sonntag

Ein FUNKE Liebe

Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Qualität sucht man hier vergeblich. „KI-Schrott“ ist ein Begriff, der im Netz kursiert und Inhalte beschreibt, die von Künstlicher Intelligenz generiert wurden, aber voller offensichtlicher Fehler stecken. Stimmen, die nicht zum Mund der Figur passen, Charaktere, die von einer Sekunde auf die andere plötzlich komplett anders aussehen, oder Texte, die keinen Sinn ergeben. Die KI produziert schnell und viel, aber eben noch lange nicht gut.

Auch interessant

KI-Früchte: Animierte Clips zeigen sexistische und verstörende Szenen

Doch was macht diesen KI-Content so unwiderstehlich? Vielleicht liegt es an der Mischung aus Absurdität, Tempo und grenzenloser Skurrilität. Die Clips sind perfekt auf unser Belohnungssystem zugeschnitten: kurzweilig, bunt, witzig, kompakt. Außerdem beinhalten sie starke emotionale Erlebnisse, denn schnell wird von Trauer über Fremdgehen bis hin zu Rache gewechselt. All das führt zu einer schnellen Dopaminausschüttung im Gehirn: Es fühlt sich gut an. Auch die typische Social-Media-Dynamik wird hier gut bedient – kaum ist eine Folge vorbei, wartet schon die nächste. Und der Algorithmus spielt fleißig mit.

Doch Lachen allein greift zu kurz. Hinter der grotesken Fassade stecken häufig Inhalte, die alles andere als harmlos sind. In mehreren KI-Clips tauchen misogyne, rassistische oder homophobe Darstellungen auf. Überhaupt ist die animierte „Love Island“-Show auch längst nicht die einzige KI-Produktion dieser Art. Gibt man auf TikTok „KI-Früchte“ als Suchbegriff ein, findet man zahllose Clips von unterschiedlichsten Accounts. Nach grenzwertigen Videos muss man nicht lange suchen.

In einem Video mit über 300.000 Likes entführen zwei extrem muskulöse, männlich gelesene Auberginen eine weiblich gelesene Erdbeere in einen Wohnwagen und nehmen offenbar ungewollte sexuelle Handlungen an ihr vor. „Das war episch“, sagen die Auberginen, als sie sich anschließend wieder zeigen. Die Erdbeere verlässt kurz darauf weinend den Wohnwagen. Sie kann kaum laufen. Während die Auberginen auf ihre „Beute“ mit Bier anstoßen, sitzt die Erdbeere auf der Toilette – in der Hand ein positiver Schwangerschaftstest. Sie ist verzweifelt und völlig überfordert.

Screenshot_Fruit_AI_Serie1.jpeg
Ein Beispiel für ein KI-generiertes Video auf TikTok© Screenshot / TikTok @apolina085 | Screenshot / TikTok @apolina085

KI-Serien: Warum wir uns problematische Inhalte gerne anschauen

Die fragwürdigen Inhalte werden subtil in animierte Früchte verpackt, entfalten aber trotzdem ihre Wirkung. Gerade die bunte Zeichentrick-Optik kann dazu führen, dass wir nicht gleich wegklicken – auch wenn die Inhalte eigentlich unseren Werten widersprechen. Sie schafft eine gewisse Distanz.

Auch die Forschung belegt: Menschen hinterfragen problematische Inhalte bei abstrakten Darstellungen seltener. Wissenschaftler sprechen hier von „moralischer Abkopplung“. In anderen Formaten würden solche Klischees und Stereotype längst nicht mehr durchgehen. Einige der bedenklichen Clips aus der „Fruit Love Island“-Show wurden inzwischen von den Plattformen entfernt, offenbar nachdem Nutzer sie gemeldet hatten. Dem Erfolg des Accounts dahinter hat das kaum geschadet. ai.cinema021 zählt bereits 2,7 Millionen Follower auf TikTok. Insgesamt haben seine Inhalte mehr als 22 Millionen Likes erhalten.

TikTok, Netflix und Co.: Wie schnelle Clips die Medienwelt verändern

Der Boom der Obst-Soap ist wohl nur ein Symptom für einen größeren Wandel in der Medienwelt. TikTok-Reels, extrem kompakte Serien auf Netflix oder die nächste Meme-Welle – alles ist darauf ausgelegt, möglichst schnell Aufmerksamkeit zu gewinnen. Und sie genauso schnell wieder zu verlieren. Sogar Serienmacher bei Netflix geben zu, dass sie Handlungen stark verdichten und Wiederholungen einbauen. Der Grund dahinter: Viele schauen nebenbei aufs Handy, während eigentlich die Banane oder Bridgerton im Mittelpunkt stehen sollte.

Die Grenzen zwischen Trash-TV, viralen Netzphänomenen und KI-generiertem Unsinn verschwimmen immer mehr. Es zählt oft nur noch das nächste schnelle Glücksgefühl, der nächste Like. Nicht zu vergessen ist auch der finanzielle Aspekt. Wer auf TikTok oder YouTube Millionen Klicks sammelt, verdient daran. Ganz unabhängig davon, ob der Inhalt problematisch ist oder nicht. Der Algorithmus belohnt oft Aufmerksamkeit, nicht Qualität.