Dr. Maximilian Gertler kennt das Ebolavirus gut. 2014 war der Charité-Mediziner für die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen in Guinea, als das Virus die westafrikanische Region im Griff hatte. Auch während der Epidemie im Osten der Demokratischen Republik Kongo 2019 war er vor Ort. Bald will er wieder in das Krisengebiet reisen. Im Gespräch mit unserer Redaktion berichtet er, was ihn damals am meisten mitgenommen hat und warum der aktuelle Ausbruch in seinen Augen außergewöhnlich ist.

Herr Gertler, wie blicken Sie mit Ihrer Erfahrung auf die gegenwärtige Ebola-Epidemie in der Demokratischen Republik Kongo und in Uganda?

Maximilian Gertler: Die Zahlen, über 500 Fälle und über 130 Verstorbene, sind außergewöhnlich und aus mehreren Gründen besorgniserregend. Dass es nach so kurzem Bekanntwerden schon Hunderte Fälle gibt, deutet darauf hin, dass das Geschehen schon länger unerkannt fortgeschritten ist. Diese Zahlen müssen zwar nun verifiziert werden. Dennoch: Ein Ausbruch, der mit 500 Fällen bestätigt wird, ist eine Katastrophe.

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Sie waren schon mehrmals vor Ort, um Ebola zu bekämpfen. Wie waren die Behandlungsbedingungen?

Beim Ausbruch 2014 war Ärzte ohne Grenzen in den ersten Monaten die einzige Organisation vor Ort mit Erfahrung in der Behandlung und Isolierung der Ebola-Patienten. Die schwer kranken Menschen müssen isoliert werden. Dazu ist das Arbeiten in den Schutzanzügen auch belastend, sodass das Personal in der Hochsicherheitszone häufig getauscht werden muss. Unser Personal arbeitet mit Schutzausrüstung, damit es hier nicht zu Infektionen kommt. Das hat sich viele Tausend Male bewährt. Momentan zieht Ärzte ohne Grenzen überall Personal zusammen, um rasch helfen zu können. Wir entsenden internationale Mitarbeitende in die betroffenen Regionen, wo Hunderte lokale Mitarbeitende bereits im Einsatz sind. Es werden außerdem tonnenweise Hilfsgüter aus Kinshasa, Uganda und aus Europa zusammengetragen, um dort Behandlungszentren einzurichten.

Es ist natürlich schrecklich, mit einer Familie konfrontiert zu werden, wo nur ein Kind von sechs überlebt und auch die Eltern sterben.

Dr. Maximilian Gertler, Epidemiologe an der Charité
Maximilian Gertler bei seinem Einsatz im Ebola-Gebiet.
Epidemiologe Maximilian Gertler bei seinem Einsatz im Ebola-Gebiet 2014. © Ärzte ohne Grenzen | Ärzte ohne Grenzen

Welche Schicksale von damals sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Das Erschütternde ist, dass das Virus oft durch die Familien geht. Es ist natürlich schrecklich, mit einer Familie konfrontiert zu werden, wo nur ein Kind von sechs überlebt und auch die Eltern sterben. Solche Schicksale trifft man bei größeren Ausbrüchen leider oft.

Was begünstigt die Ausbreitung vor Ort?

Die schlecht funktionierende Gesundheitsversorgung und ‑überwachung. Es gibt außerdem wenig Vertrauen in öffentliche Gesundheitseinrichtungen und öffentliche Stellen überhaupt, weil sich die lokalen Machtverhältnisse immer wieder ändern können. Weiterhin ist die Region durch die militärischen und paramilitärischen Auseinandersetzungen ohnehin kompliziert und gefährlich. Wir haben es mit Millionen von Vertriebenen zu tun, neue kommen immer wieder dazu. Die Menschen leben in großer Unsicherheit. Das Gesundheitssystem ist geschwächt und der Zugang zur Versorgung kaum vorhanden. Das ist der perfekte Nährboden für Epidemien, weswegen wir auch jedes Jahr Cholera-, Masern- und Malaria-Epidemien dort sehen. Man muss an vielen Stellen ansetzen, wobei jede Intervention logistisch sehr aufwendig ist.

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Hinzu kommt, dass es keinen wirksamen Impfstoff und keine Therapie gegen die Bundibugyo-Variante gibt, die derzeit im Umlauf ist.

Es gibt zwei, drei kleine Studien aus dem Laborkontext, wo sich andeutet, dass der Impfstoff gegen den häufiger vorkommenden Zaire-Stamm vielleicht die Sterblichkeit bei der Bundibugyo-Variante reduzieren könnte. Das muss man jetzt aber erst zügig weiter erforschen. Wir prangern schon lange an, dass für Erkrankungen, die wirtschaftlich uninteressant sind, keine Medikamente und Impfstoffe entwickelt werden.

Welchen Einfluss haben Ihrer Einschätzung zufolge die Kürzungen der US-Entwicklungshilfeorganisation USAID im vergangenen Jahr auf den jetzigen Ausbruch und die Verbreitung des Ebolavirus?

Wir wissen, dass ein großer Teil der Gesundheitsversorgung im Osten der Demokratischen Republik Kongo auf die US-amerikanischen Mittel angewiesen ist. Fast über Nacht sind ihnen diese Mittel weggebrochen, und kaum jemand ist dafür in die Bresche gesprungen. Wir hören seit einem Jahr, dass in der Demokratischen Republik Kongo Gesundheitsprojekte geschlossen werden. Partnerorganisationen werden die Mittel gekürzt. Mehr Patienten kommen deshalb zu unseren Einrichtungen in der Region. Ich wäre trotzdem vorsichtig, einen Zusammenhang mit der aktuellen Entwicklung in der Region herzustellen.