Wandern ist in Thüringen angesiedelt zwischen inoffizieller Nationalsportart und Nationalfreizeitbeschäftigung. Die organisierten Wanderfreunde im Freistaat, durch den der Rennsteig läuft, haben auch deshalb einigen politischen Einfluss in Thüringen – und 35 Jahre nach der Gründung des Wanderverbandes einige Ideen. Das liegt auch an Personen wie Christine Lieberknecht.

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Sie war schon einiges in Thüringen: Ministerin, Landtagspräsidentin, Ministerpräsidentin. Diese Ämter hat sie längst an andere Menschen weitergegeben. Aber Präsidentin des Thüringer Wanderverbandes ist Christine Lieberknecht mittlerweile schon 31 Jahre lang, seit 1995.
Es gibt Kritik am Umgang der Politik mit dem Freizeittrend
„Neben Kirche und CDU ist das mein längstes Ehrenamt“, sagt Lieberknecht, die inzwischen 68 Jahre alt ist und sich seit ihrem Abschied aus dem Amt der Ministerpräsidentin im Jahr 2014 aus der Tagespolitik völlig heraushält. Sie hat weder die Arbeit ihres Nachfolgers – des Linken Bodo Ramelow – kommentiert, noch bewertet öffentlich sie die Arbeit ihres Nachnachfolgers, Mario Voigt (CDU).
Es sei denn, es geht ums Wandern. Dann sagen Lieberknecht und andere aus dem Vorstand des Wanderverbandes ziemlich deutlich, was sie davon halten, wie die Landesregierung oder die Abgeordneten des Landtages mit dieser für viele Thüringer so wichtigen Freizeitbeschäftigung umgehen. Denn Wandern ist für das Land viel mehr als Freizeit und Hobby Einzelner. Es ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, viele Millionen Euro werden damit jedes Jahr umgesetzt.

Die Stimme des 1991 gegründeten Verbandes ist nicht zuletzt wegen dieser – über Lieberknecht personifizierten – engen Verbindungen zur Landespolitik eigentlich immer gehört worden.
In der Mitte der 2020er-Jahre fällt der Blick des Verbandes auf das Wandern in Thüringen allerdings durchwachsen aus. Einerseits freuen sich Lieberknecht und Vizepräsident Jürgen Worms darüber, dass Wandern nach wie vor fest zum Leben vieler Menschen in Thüringen dazugehört. Der Boom, den alles, was mit Draußensein und frischer Luft zu tun hat, während der Corona-Pandemie erfahren hatte, halte noch immer an, sagt Worms. Das Wandern habe sogar vom Corona-Digitalisierungsschub profitiert.
Experten fordern moderne Inhalte für das „Grüne Herz“
Außerdem spüre der Verband bei der Landesregierung ein ehrliches Bemühen darum, die Wandervereine zu unterstützen und die Verbandsmeinung einzubeziehen, sagen Lieberknecht und Worms. Dass Thüringen sich unter Voigt wieder als das „Grüne Herz“ Deutschlands versteht und auch so vermarktet wird, findet die ausdrückliche Zustimmung der beiden.
Es seien in den vergangenen Jahrzehnten immerhin Wandersleute gewesen, die diese Idee popularisiert und groß gemacht hätten, sagt Lieberknecht. „Wir sind da die Experten.“ Wichtig sei allerdings, diese Marke auch mit modernen und zukunftsgewandten Inhalten zu füllen. „Das darf nicht in Volkstümelei ausarten.“

Andererseits ist der Verband in gewisser Weise ein Opfer der Tatsache, dass Wandern so einfach zu erlernen und auszuführen ist, dass es dafür – jedenfalls für den einzelnen Wanderer – eigentlich keinen Verein braucht. Schuhe an, Rucksack auf, loswandern. Wer dagegen Spaß am Geräteturnen hat, der kommt um einen Turnverein kaum herum. Bei aller Zugewandtheit der Menschen in Thüringen dem Wandern gegenüber sei es deshalb ausgesprochen schwer, sie in Wandervereine zu bekommen, sagt Worms. Diese Vereine sind aber ganz entscheidend dafür, Wanderwege zu pflegen oder größere Wanderveranstaltungen zu organisieren, mit denen sich nicht zuletzt im Tourismus Geld verdienen lässt.
Durchschnittsalter im Verein steigt auf über 70 Jahre
Verstärkt wird dieses Problem durch die demografische Entwicklung. Zwar sagt Lieberknecht, die Mitgliederzahlen der im Wanderverband zusammengeschlossenen Vereine hätten sich inzwischen bei etwa 7000 Männern und Frauen stabilisiert. Doch das Durchschnittsalter nimmt deutlich zu. Viele derer, die als „Jungmitglieder“ in die Vereine kommen, sind nach Angaben von Worms auch schon in ihren Fünfzigern oder Sechzigern. Beim Durchschnittsalter der Mitglieder in den Wandervereinen dürfte eine Sieben die erste Ziffer sein, sagt Worms.

Der Wanderverband unter Lieberknecht versucht, sich attraktiver für wirklich junge Menschen und junge Familien zu machen und das Wandern in Thüringen weiter aufzuwerten. Und das bringt ihn aktuell in einen zumindest kleinen, verbalen Konflikt mit der Landesregierung.

So hat der Verband eine bundesweit einzigartige Kooperation mit der Krankenkasse Barmer begonnen und dabei ist eine eigene „Thüringen Collection“ in der Wander-App komoot entstanden: Acht Wanderrouten im Freistaat werden Nutzern vorgeschlagen, zum Beispiel der etwa zwölf Kilometer lange „Doktor-Wald-Weg“ in der Nähe von Schmiedefeld am Rennsteig. „Wenn Sitzen das neue Rauchen ist, dann ist Wandern das Fitness-Studio für den Alltag“, sagt der Landesgeschäftsführer der Barmer in Thüringen, Robert Büssow.
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Lieberknecht unterstreicht, diese Form des „Gesundheitswanderns“ sei eine große Chance, gerade auch Familien für das Wandern und vielleicht auch für Wandervereine zu begeistern. Zudem will der Verband mehr Touristen gerade aus Westdeutschland auf die Thüringer Wanderwege locken. Beispielsweise sei er, hebt Worms hervor, in Gesprächen darüber, einen Abzweig der Deutschen Märchenstraße an die Saalfelder Feengrotten heranzuführen. Auch mit der Bier- und Burgenstraße strebe der Verband eine Kooperation an.
Externe Beratung bei Tourismusstrategie hinterfragt
Dabei sehen sich Worms und der Verband deutlich professioneller vorgehen als die Landesregierung bei der Erarbeitung der aktuellen Tourismusstrategie, die zwar vor wenigen Wochen endlich das Kabinett passiert hat, aber später fertig geworden ist als geplant. Insbesondere, dass eine externe Agentur an der Erarbeitung des Papiers beteiligt worden sei, hält Worms für „unnötig“ und „rausgeschmissenes Steuergeld“. Er selbst habe an mehreren Sitzungen dazu teilgenommen – und sich dabei immer wieder gefragt, was für einem Schauspiel er da eigentlich beiwohne.

Wenn sich die Thüringer Wanderfreunde im Mai 2027 zum 35. Mal zum Thüringer Wandertag treffen – dann rund um den Dolmar bei Kühndorf beziehungsweise Meiningen –, werden sie also einiges mit den Vertretern der Landesregierung zu besprechen haben, die Lieberknecht ohnehin alle gut kennt.
Mehr Infos unter https://www.wanderverband-thueringen.de/







