Washington. Der US-Präsident navigiert mit 81 Jahren durch einen brutalen Wahlkampf und internationale Krisen von der Ukraine bis Gaza – Respekt!

Unter normalen Umständen hätte Joe Biden den haushohen Auftaktsieg bei den Vorwahlen in South Carolina wohl vor Ort gefeiert. Gemeinsam mit der afro-amerikanischen Community im idyllischen Charleston, die ihm wie 2020 erneut einen Rettungsring hingeworfen hat. Die Umstände ließen das nicht zu.

Bidens Tageskalender ist übervoll. Die Krisen innenpolitisch (Grenz-Chaos/illegale Einwanderung) wie außenpolitisch (, Naher Osten, China/Taiwan) stapeln sich. Im Kongress hat der Demokrat es mit einer republikanischen Opposition zu tun, die nur noch Obstruktion kann. Die öffentliche Meinung sieht Biden trotz beständig guter Wirtschaftslage neun Monaten vor der Präsidentschaftswahl auf einer abschüssigen Bahn. Seine Wiederwahl, daran ändert South Carolina gar nichts, bleibt aus heutiger Sicht fraglich.

Bidens Tagesordnung würde Jüngere an den Rand ihrer Kapazitäten bringen

Bidens strukturell bedingter Nachteil: Er kann sich nicht wie sein mutmaßlicher Herausforderer Donald Trump 24 Stunden am Tag eitel um sich selbst drehen und eine inhaltsleere Fenster-Rede nach der anderen halten.

Dirk Hautkapp ist Korrespondent in Washington.
Dirk Hautkapp ist Korrespondent in Washington. © ZRB | ZRB

Der in Umfragen schlecht gelittene US-Präsident hat neben dem Wahlkampf eine hoch komplexe Tagesordnung vorgegeben bekommen, die entschieden jüngere Staatsmänner an den Rand ihrer Kapazitäten bringen würde.

Dass und wie Joe Biden dieses Pensum mit 81 Jahren bisher bewältigt, nötigt Respekt ab. Biden mag auf öffentlicher Bühne (zu) oft stolpern, wackeln und sich verhaspeln. Hinter den Kulissen ist der älteste Präsident der Vereinigten Staaten selbst nach Angaben seiner Kritiker hellwach, voll funktionsfähig und – siehe seine derbe Wortwahl intern über Trump – unverändert angriffslustig. Die von den Republikanern gelenkte Hass-Erzählung vom früh-dementen Opa, hinter dem längst andere die Strippen zögen, sie war immer „fake news”.

Dass vor der Wahl zum 47. US-Präsidenten Außenpolitisches die US-Agenda dominiert, neben dem Krieg in der Ukraine vor allem Israels Krieg in Gaza und die damit verbundenen Weiterungen im Nahen Osten, ist für Biden Chance und Risiko zugleich. Seine anfangs unmissverständliche Parteinahme für Israel bei der militärischen Antwort auf die Gräueltaten der Hamas hat angesichts von nunmehr 27.000 toten Palästinensern, darunter viele Frauen und Kinder, innenpolitisch Sprengstoff-Qualität.

Umfragen belegen, dass inzwischen die Hälfte der Amerikaner Israels Vorgehen in Gaza nicht mehr gutheißt. Und damit auch nicht mehr die Beistandserklärungen des Weißen Hauses für die Politik von Israels Premierminister Benjamin Netanjahu.

Vor allem junge Wählerschichten, Afro-Amerikaner sowie der links-progressive Teil der Demokratischen Partei fordert eine Kurskorrektur zugunsten der palästinensischen Zivil-Bevölkerung. Biden kann sich nicht erlauben, die Zwischenrufe zu ignorieren. Andernfalls bekommt er in Schlüssel-Bundesstaaten wie Michigan mit seiner starken arabisch-stämmigen Bevölkerung im November die Quittung.

Im Bundesstaat Michigan, hier eine Szene aus Detroit, leben Hunderttausende mit arabischen Wurzeln. Hier ist der Protest gegen Bidens Israel-Politik am größten. Viele wollen den Demokraten nicht mehr wählen.
Im Bundesstaat Michigan, hier eine Szene aus Detroit, leben Hunderttausende mit arabischen Wurzeln. Hier ist der Protest gegen Bidens Israel-Politik am größten. Viele wollen den Demokraten nicht mehr wählen. © AFP | Jeff Kowalsky

Vor diesem Hintergrund sind die enormen Bemühungen Bidens zu verstehen, mit Hilfe von Saudi-Arabien einen baldigen Waffenstillstand in Gaza zu erzielen, der mit der Freilassung sämtlicher israelischer Geiseln einhergehen muss.

'Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Nur dann besteht die Chance, dass die vom Iran lancierten Stellvertreter-Kriege durch die Huthis im Jemen und islamistische Milizen in Syrien wie im Irak aufhören. Nur dann sinkt die Gefahr, dass amerikanische Vergeltungsschläge gegen diese Gruppen die Domino-Steine im Nahen Osten nicht in Richtung Katastrophe kippen lassen.