Weimar, 14. Mai 1955. „Er kommt!“ – die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer, elektrisierte auch 20-Jährige, die in der Uni Jena ein Lotte-in-Weimar-Seminar absolvierten. Dort war ein Kommilitone des Dichters Lockerungen von Wilhelm Bodes behäbig-solider Syntax auf die Spur gekommen, wichtige Dinge fanden wir „buchenswert“, renommierten mit Zitaten aus dem „Siebenten Kapitel“, dessentwegen mein abgrundtief weimarischer Onkel Wolfgang Vulpius den Roman „respektlos“ nannte.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Hoffnungen kamen hinzu: Große Welt im Städtchen, im DDR-Provinzmief, Chancen für Ereignisse, die die Obrigkeit blamieren wie im Goethe-Jahr 1949 die Widmung des Preisgeldes für die Herderkirche. „Doktor Faustus“ stand neben „Glasperlenspiel“ unter den Kultbüchern obenan; dass die Regierenden, die Formel vom Antikommunismus als „Grundtorheit unserer Epoche“ bis zum Erbrechen wiederholend, aus dem Besuch Kapital schlagen würden, gönnten wir ihnen nicht, fanden’s aber unwichtig – schon, weil wir wussten, wie schäbig man drüben mit Thomas Mann umsprang. So weit Störsender es zuließen, kannten wir die Schiller-Rede schon vom 8. Mai in Stuttgart.

Eine als etwas komisch empfundene Triumphfahrt

Die Regulierungswut von Partei und Regierung lief auf Hochtouren, Normalbürger nur als beifallklatschende Kulisse zugelassen. „Bevölkerung, die von allen Seiten herbeiläuft, zeigt wirkliche Freude. Auf Z. deutend: ’Das is er, das is er’ in prächtigem Sächsisch. Keinerlei ‘Potemkinsche Dörfer’. Keinerlei Sprechchöre. Keine Spur von ‘Drill’“ notierte Erika Mann später; „auch ‘Belegschaften’ zur Stelle. Kinder, viele Hunderte, wenn nicht Tausende, im Laufe der Stunden. Rotbackig lustig, zureichend gekleidet, viele auf eigene Faust herbeigesprungen“... Insgesamt hat der Kontrast zu Eindrücken im Westen geholfen, östliche rosarot zu färben. „Natürlich war es eine etwas komische Triumphfahrt von der Zonengrenze nach Weimar“, schrieb Thomas Mann später. „Wenn ich mir das nicht hätte leisten können“, schrieb er später, „so hätte ich umsonst gelebt.“

Seit dem Besuch im Jahr ‘49 hatten sich die Verhältnisse verändert:

– zwei Staaten gegründet, im Osten von irren Hoffnungen inspirierte Gerüchte „die Russen gehen weg“ verebbt; Stalin tot, Diadochenkämpfe vorderhand beendet.

– Den 17. Juni ‘53 hatte Ulbricht zur Konsolidierung seiner Herrschaft genutzt.

Politische DDR-Prominenz war dank einer Geheimabsprache mit Bonn sparsam vertreten, weshalb man „Duldung“ des Thomas-Mann-Besuchs versprach (Adenauer: „Der gehört doch in die DDR“). Die Literaten hingegen waren fast vollständig gekommen, nur Brecht fehlte; Bloch meinte zu Hans Mayer, als Thomas Mann den Saal betrat, der sehe aus „wie ein Landbriefträger“ – alte Empfindlichkeiten weiterhin virulent! In westlichen Diskussionen hatten sich die Schwerpunkte verschoben, kaum noch ging’s um inneres, äußeres Exil, Rückkehr nach Deutschland, vorab um Positionierung im Ost-West-Konflikt.

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Von Kogon kam die Forderung nach einem Buchenwaldbesuch

Erwartungen, man werde dem fast Achtzigjährigen ein Recht auf’s Au-dessus de la mêlée (Über dem Getümmel oder Über der Schlacht, Anm. d. Red.) zugestehen, wurden enttäuscht. Von bösen Unterstellungen (Hans Grimm, Manfred Hausmann, Hans Egon Holthusen) abgesehen – dass Eugen Kogon Thomas Mann öffentlich aufforderte, das Lager Buchenwald aufzusuchen, empörte auch mich, der mit Häftlingen Leichen ausgegraben, später einen ehemaligen Buchenwäldler zum Lehrer hatte.

Ich hatte Glück. Mein Vater, Arzt, fast Freund des Dirigenten Hermann Abendroth, bat ihn um Mithilfe bei der Beschaffung einer Eintrittskarte für den von Lotte und Faustus schwärmenden Sohn. Leicht scheint’s für Abendroth nicht gewesen zu sein; nicht nachprüfbar verlautete, die Neunte Sinfonie hätte als Druckmittel herhalten müssen. Wie immer – ich hatte einen Platz in der dritten Reihe, hielt das Ticket krampfig fest, während ich in der von Polizisten auf dem Theaterplatz gegen Mauern von Menschen frei gehaltenen Gasse Georg Lukács, Hans Mayer, Arnold Zweig und anderen hinterherlief – verdruckst: plötzlich ein Privilegierter! Erschrocken sah ich im Wandelgang, wie mühsam das Ehepaar sich bewegte, tatkräftig abgeschirmt von Erika. Als direkter Begleiter war Johannes R. Becher zur Stelle, den wir als anpasserischen Minister und Partei-Lyriker nicht mochten; seine devote Ehrerbietung gegenüber Thomas Mann hat mich beeindruckt.

Die Bühne war fast anheimelnd hergerichtet. Links befand sich ein Stehpult für die Begrüßung, in der Mitte ein niedriger Tisch, Sessel, Stehlampe und Mikrofon. Die jedoch verschmähte Thomas Mann, trat für die Rede ans Pult, das für Becher bemessen war, einen Peteprê, „von Turmesgröße“. Das Manuskript lag hoch, man sah nur den Kopf des Dichters – komisch, eine Dreiviertelstunde lang! Nach Komik indes war uns nicht zumute, eher feierlich – nicht jedoch bei der Formulierung „das ist ja sozialistischer Materialismus, Gott behüte!“, bei der seine Stimme überschnappte und amüsiertes Raunen durch den Saal ging.

Beim Versuch, den Bericht über dröhnenden Beifall, viele nasse Augen fortzusetzen, müsste ich lügen. Für die Ehrenpromotion im Schloss gab’s keine Karten. Später erfuhren wir durch die akribisch annotierten Tagebücher, wie sehr beide Seiten gewetteifert hatten in unwürdigen Präliminarien zu dem Besuch. Thomas Mann war das Einverständnis des Bundespräsidenten wichtig gewesen – gern gewährt, ergänzt um die Empfehlung, mit der Information diskret umzugehen. So frei war die „freie Welt“ nicht, dass ein Staatsoberhaupt hätte wagen können, einen Teil der dem Dichter zugedachten Skandalisierung auf sich zu ziehen! In Jena hatte ein Mitglied der auf Einstimmigkeit verpflichteten Kommission der Philosophischen Fakultät den doctor honoris causa verweigert, was den Rektor bewog, es der medizinischen Fakultät anheimzustellen. Deren Zustimmung hätte Thomas Mann – so Erika – angesichts der Rolle gefreut, die Krankheit, Psychologie, Sigmund Freud etc. bei ihm spielen. Die DDR-Oberen jedoch fürchteten angesichts des Umwegs eine Blamage; so kam das Ja der Philologen nur auf Druck eines verhassten Regimes zustande

Zeitzeugen gesucht

Peter Gülke, geboren am 29. April 1934 in Weimar, hat sich als Dirigent, Musikwissenschaftler und Musikschriftsteller einen Namen gemacht. Hier meldet er sich als Zeitzeuge zu Wort – und zwar mit Blick auf Thomas Manns Besuch in Weimar 1955. An den Schriftsteller wird in diesem Jahr aus mehreren Gründen erinnert: Manns Geburtstag – 6. Juni 1875 – liegt 150 Jahre zurück, sein Todestag – 12. August 1955 – war vor 70 Jahren.

Peter Gülke war als junger Mann in Weimar im Publikum und hat der TLZ einen Text überlassen, der seine Eindrücke schildert. Dies ist zugleich der Auftakt zu Erinnerungen von Lesern an herausragende Ereignisse während der vergangenen 80 Jahre. Schreiben Sie uns, wie Sie historische Wegmarken und Entwicklungen wahrgenommen oder gar miterlebt haben. Uns interessiert ebenso Ihr Leben abseits großer Schlagzeilen gerade auch zu DDR-Zeiten; schicken Sie Ihre Mail bitte mit Namen und Adresse an: g.sommer@tlz.de