Die ehemalige TLZ-Redakteurin Barbara Glasser hat sich zum 75. Jubiläum der Thüringischen Landeszeitung (TLZ) im Jahr 2020 an eine Auseinandersetzung in der Stadt Jena erinnert, die auch sie persönlich betroffen hat.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Der Austausch von Meinungen der Leserschaft ist gewollte. Meinungsvielfalt kommt nicht nur in der Berichterstattung über kontroverse Auffassungen in unserer Gesellschaft zum Ausdruck, wenn es um bestimmte Ereignisse geht, sondern auch in den mitunter sehr verschiedenen Kommentaren oder Rezensionen von Journalisten in der Bewertung solcher Vorgänge.

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Leserbriefe sind Ausdruck von Meinungsvielfalt in der Öffentlichkeit. Allerdings innerhalb gewisser Grenzen, damit nicht Persönlichkeitsrechte oder Gesetze verletzt werden. Manchmal erhitzt ein Meinungsstreit so sehr die Gemüter, dass er eine ganze Stadt spaltet oder sogar Gericht beschäftigt.

Barbara Glasser, ehemalige TLZ-Redakteurin in Jena, erinnert sich ganz besonders an einen Fall, der gleich nach der Jahrtausendwende die Öffentlichkeit der Universitätsstadt nicht nur in Aufregung versetzte, sondern teilweise einen regelrechten Volkszorn entfachte und sogar Drohgebärden auslöste. Die Jenaer Medizinhistorikerin Susanne Zimmermann hatte sich 1993 in ihrer Habilitationsarbeit mit der Medizinischen Fakultät der Universitätsstadt Jena während der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt.

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Im März 2000 wurde die Arbeit als Buch veröffentlicht. Ein Vortrag der Medizinhistorikerin Ende Januar dazu in der Jenenser Rathausdiele versetzte – so schrieb die ZEIT kurz danach – „die Zuhörer in eine Schreckstarre“. Denn gemeinsam mit dem Euthanasieforscher und „Zeit“-Autor Ernst Klee hatte Susanne Zimmermann öffentlich gemacht, was zuvor nur ein eher kleines Fachpublikum in Jena wusste: Der bis dahin beliebte, verehrte und berühmteste Kinderarzt Jenas, Professor Jussuf Ibrahim, seit 1947 Ehrenbürger der Stadt, Ehrendoktor der Uni, sogar Namensgeber für Kinderklinik, eine Straße und einen Kindergarten – eben dieser Ibrahim war in die „Kinder-Euthanasie“ der Nationalsozialisten verstrickt.

Die Veröffentlichungen dazu lösten einen teils sehr leidenschaftlichen Meinungsstreit in der Öffentlichkeit aus, einen regelrechten Kampf um die Meinungshoheit. Die ehemalige TLZ-Redakteurin Barbara Glasser erinnert sich: „Der Fall wurde im Jahr 2000 brisant. Die Universität hatte eine Untersuchungskommission gebildet. In der Konsequenz ging es um die Umbenennung der KInderklinik, um die Umbenennung einer Straße und die Aberkennung der Ehrenbürgerwürde für Jussuf Ibrahim.“

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„Das Thema wurde sehr emotional diskutiert, weil Ibrahim bis dahin als ‚Retter der Kinder‘ galt, die von ihm ausgebildeten Schwestern als ‚Ibrahim-Schwestern‘ wertschätzend bezeichnet wurden. Eine ‚Zeitzeugin‘, die Steiftochter Ibrahims, hat zudem versichert, dass es keine Schuld Ibrahims geben könne. Und es gab viele Menschen in unserer Stadt, die die Beteiligung Ibrahims an Euthanasie-Verbrechen bestritten oder infrage stellen. Am Ende ‚rettet‘ sich die Stadt beziehungsweise der Stadtrat mit der Rechtsauskunft, dass die Ehrenbürgerschaft mit dem Tode erlischt.“ Straße und Kindergarten wurden umbenannt. Sogar der Sozialausschuss des Landtags befasste sich mit dem Thema.

TLZ-Redakteurin Glasser hatte zuvor schon überschäumender Zorn getroffen. Weil die Journalistin einen Ibrahim belastenden Brief im Berliner Bundesarchiv aufgestöbert, diesen sogar abgedruckt und dann in einem Kommentar auch noch von Schuld gesprochen hatte, gipfelte Leser-Wut gegen sachlich aufklärenden Journalismus sogar in einem anonymen Brief an die couragierte TLZ-Redakteurin: Leichen in ihrem Keller werde man auch schon noch finden, wurde gedroht. Und ganz oben auf dem A4-Computerausdruck war eine Bombe gemalt...