2015 kamen in wenigen Monaten Hunderttausende Schutzsuchende, bis heute leben drei Millionen Geflüchtete im Land. Für die Regierung, vor allem aber für Nachbarschaften vor Ort, ist das eine Herausforderung. „Quartiersmanagement ist gerade an den Orten wichtig, wo Asylsuchende neu ankommen. Diese Ankunftsorte leisten Integrationsarbeit für die Gesamtstadt“, sagt Heike Hanhörster. Sie ist Stadtplanerin und Professorin an der Technischen Universität in Berlin.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Im Gespräch mit unserer Redaktion sagt die Forscherin: „Wir sollten uns mehr darauf konzentrieren, Armut entgegenzuwirken, statt eine Migrationskrise herbeizurufen.“ Städte in Deutschland bräuchten in den Vierteln mit durchschnittlich niedrigen Einkommen und Bildungsabschlüssen „bedarfsorientiert ausgestattete Schul- und Kitaplätze für alle Bewohnerinnen und Bewohner“. Heißt: Investitionen vor allem dort, wo die Ärmsten leben.
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Zehn Jahre ist es her, da sagte die damalige Kanzlerin Angela Merkel ihren berühmten Satz: „Wir schaffen das.“ Was hat Deutschland in zehn Jahren tatsächlich geschafft? Und was nicht? In einer Serie in Gesprächen mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gehen wir den wichtigsten Fragen auf die Spur.
Vor zehn Jahren sagte Angela Merkel ihren berühmten Satz: „Wir schaffen das“. Was denken Sie heute, wenn Sie diesen Satz hören?
Heike Hanhörster: Merkels Äußerung ist auch heute noch ein wichtiger Gegenpol zu den populistischen Aussagen. Migrationsdebatten werden emotional geführt, oft schüren Politikerinnen und Politiker Ängste gegen Geflüchtete. Merkels Satz von damals verstehe ich vor allem als Symbol für eine offene Gesellschaft. Zugleich höre ich in den vielen Gesprächen, die ich für unsere Forschung etwa mit Wohnungsgesellschaften, mit Kommunen und Bewohnerinnen und Bewohnern führe, dass die Herausforderungen groß sind. Die Ressourcen am Wohnungsmarkt sind ist angespannt, das gilt schon ohne Asylsuchende. Viele erleben eine Konkurrenz zwischen deutschen und nicht-deutschen Wohnungssuchenden, aber auch migrantische Gruppen selbst konkurrieren um günstigen Wohnraum.

Heute beklagen manche in der Politik, dass sich in Städten wie Berlin, Hamburg oder Duisburg „Parallelgesellschaften“ bilden.
Hanhörster: Ich lehne diesen Begriff der Parallelgesellschaft ab. Wir sind wieder an einem Punkt, bei dem wir über „Ghettos“ und Quoten sprechen. Das ist gefährlich. In Dänemark sortiert die Politik Menschen aus Quartieren aus, die angeblich nicht in die ethnischen Quoten für das jeweilige Viertel passen, wenn recht willkürlich festgelegte ethnische Quoten eines Viertels überschritten werden. Teils wird sogar bezahlbarer Wohnraum abgerissen. Hier wird Wohnungspolitik auf Kosten der Schwächsten gemacht – und ein Wohnungsmarkt wird entlang von ethnischen Kriterien reguliert. Das ist ausgrenzend, denn es betrifft in der Regel die Zugewanderten, die ein Viertel verlassen müssen und verdrängt werden. Politik und Wohnungswirtschaft laufen dem Leitbild einer mutmaßlich gesunden Mischung nach. Dabei gibt es keine Forschung, die belegt, dass es zwangsläufig ein Nachteil ist, wenn viele geflüchtete Menschen unterschiedlicher Herkunft nebeneinander leben.

Und dennoch sammelt sich in diesen Viertel oftmals Armut, die Kriminalität wächst. Die Probleme sind da – darüber klagen auch zugewanderte Mieter.
Hanhörster: Wir sollten uns mehr darauf konzentrieren, Armut entgegenzuwirken, statt eine Migrationskrise herbeizurufen. Wir brauchen in den Vierteln mit durchschnittlich niedrigen Einkommen und Bildungsabschlüssen bedarfsorientiert ausgestattete Schul- und Kitaplätze für alle Bewohnerinnen und Bewohner. Überhaupt einen Schulplatz für das eigene Kind zu haben, ist übrigens keine Selbstverständlichkeit mehr: Gerade in den von Migration geprägten Quartieren gib es einen akuten Mangel an Schulplätzen. In einigen der von uns beforschten Quartieren werden Hunderte Kinder nicht beschult, da es an Ressourcen wie Personal und Räumlichkeiten mangelt. Quartiersmanagement ist gerade an den Orten wichtig, wo Asylsuchende neu ankommen. Diese Ankunftsorte leisten Integrationsarbeit für die Gesamtstadt. Genau hier sind Investitionen wichtig – in Orte der Gemeinschaft und der Begegnung, wie Spielplätze, Jugendtreffs oder Nachbarschaftsinitiativen, um Konflikte zwischen neuen und alten Anwohner*innen zu lösen. Wichtig sind auch Hilfen für Geflüchtete mit psychischen Erkrankungen vor Ort in den Quartieren, aber auch Räume für Sprachunterricht und Kinderbetreuung. Genauso wie Zugänge dieser Menschen zum Arbeitsmarkt. Eine gut bezahlte Arbeit stärkt die Chancengleichheit auf dem Wohnungsmarkt. Das alles könnten Ankunftsquartiere leisten, wenn sie Mittel und Personal dafür bekommen.
Afghanen suchen sich oft Stadtviertel mit anderen Afghanen, Syrer suchen die syrische Community. Geflüchtete zieht es in die Metropolen. Das erschwert eine Steuerung durch die Politik.
Hanhörster: Wir haben es immer mit Menschen, ihren Hoffnungen und Bedürfnissen zu tun. Aus einem Forschungsprojekt in der Dortmunder Nordstadt sehen wir, wie wichtig die informellen Netzwerke bei der Ankunft sind. Der syrische Gemüsehändler an der Ecke hilft beim Gang zum Amt, bei der Wohnungssuche, vermittelt Arbeit. Diese Netzwerke leisten oft mehr Integration als manche Ämter.
Vieles passiert informell. Ist das ein Risiko oder eine Chance?
Hanhörster: Tatsächlich belegen Untersuchungen, dass Informalität zunimmt. Menschen organisieren sich nach ihrer Ankunft selbst. Manche zahlen 8000 Euro an eine Vermittlerin, die ihnen eine Wohnung besorgt. Andere kommen bei Freundinnen im Zimmer unter, wieder andere leben für kurze Zeit bei ihrem Arbeitgeber. All das ist belastend, zugleich aber immer noch besser als ein Leben auf der Straße.
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Kommt ein Schutzsuchender in Deutschland an, wohnt er zunächst in einer Erstaufnahmeeinrichtung, wechselt oftmals in eine Gemeinschaftsunterkunft. Vor allem dort leben Geflüchtete oftmals Monate und Jahre, bis sie eine Wohnung auf dem freien Markt finden. Was muss verbessert werden?
Hanhörster: Der Wohnungsmarkt ist angespannt. In erster Linie muss die Politik Wege finden, um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen – ganz losgelöst von der Frage, was mit Geflüchteten passiert. Eine Stellschraube ist auch die bessere Zusammenarbeit vor Ort. Stadtverwaltung, Wohnungsgesellschaften, Sozialarbeiterinnen müssen einen klaren Blick für die Bedarfe der Personen bekommen, die in den Aufnahmeeinrichtungen leben. Das hilft auch bei der Vermittlung von Wohnungen in bestimmten Quartieren. Zum anderen gilt: Der Wohnungsmarkt ist ausgrenzend. Menschen mit dunkler Hautfarbe oder einem syrischen Namen werden bei der Vergabe benachteiligt. Das zeigen viele Studien. Berlin hat eine eigene Fachstelle gegen Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt. Das ist ein erster guter Schritt.







