In einer konventionellen Präsidentschaft würden die in elf Interviews über mehrere Monate gemachten Äußerungen, die Susie Wiles, die wichtigste Frau im Orbit Donald Trumps, dem Hochglanz-Magazin „Vanity Fair“ ins Aufnahmegerät gesprochen hat, wohl zu ihrer Entlassung oder ihrem Rücktritt führen. 

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Die Stabchefin des Weißen Hauses attestierte ihrem seit Jahrzehnten abstinent lebenden Boss die „Persönlichkeit eines Alkoholikers“, der mit der Einstellung agiere, „dass es nichts gibt, was er nicht tun kann“. „Nichts, null, gar nichts.“

Sie sagt Vizepräsident JD Vance nach, er sei „seit einem Jahrzehnt ein Verschwörungstheoretiker“. Sein Wechsel vom Trump-Kritiker zum Trump-Bewunderer sei „politisch motiviert“ gewesen. Bei Russell Vought, christlich-nationalistischer Haushaltsdirektor der Regierung und Schlüsselfigur des Staatsumbaus, handele es sich um einen „absoluten Fanatiker der Rechten“. Justizministerin Pam Bondi habe die Bewältigung der Jeffrey-Epstein-Affäre anfänglich „komplett vermasselt“. Elon Musks unberechenbaren Stil bei der Entlassungswelle in Ministerien und Bundesbehörden führt Wiles auf seinen „bekennenden Ketamin-Konsum“ zurück und nennt ihn einen „seltsamen, seltsamen Kauz“. 

Trumps Stabschefin attestiert ihm "Persönlichkeit eines Alkoholikers"

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    Damit nicht genug der Generalabrechnung. Wiles diktierte dem bekannten Reporter Chris Whipple in den Block, dass Trump ihren Rat ignoriert habe, die gewalttätigsten Randalierer des Sturms aufs Kapitol in Washington am 6. Januar 2021 nicht zu begnadigen. Dass sie ihn vergeblich bedrängt haben will, sein Strafzollregime zurückzuhalten, das innerhalb des engsten Mitarbeiterkreises sehr umstritten sei.

    Wiles: Trump will Maduro stürzen

    Dass sie die von Musk, seinerzeit Chef der Abteilung für Regierungseffizienz (Doge), autorisierte de-facto-Auflösung der Entwicklungshilfebehörde USAID bestürzt habe. Dass Strafverfolgungsmaßnahmen des Justizministeriums ursächlich auf Trumps Rachegelüste zurückgingen. Dass manche Abschiebungen von Einwanderern durch die ICE-Behörde kritikwürdig gewesen seien. Dass Trumps wahres Ziel bei den Angriffen gegen Drogenkurierboote in der Karibik der Abgang des Maduro-Regimes in Venezuela sei.

    Die Substanz ihrer Aussagen, wüteten republikanische Stimmen in Washington, „markiert einen Affront gegen den Präsidenten und sein Team” und ziehe einen Rattenschwanz von Fragen nach sich: „Will sie angesichts der abstürzenden Popularität Trumps ihren Abgang vorbereiten?”

    President Trump Meets With Visiting Israeli PM Netanyahu At The White House
    JD Vance kriegt es besonders dick ab: Susie Wiles (im Hintergrund im Oval Office) hält den Vize-Präsidenten für einen ausgemachten Verschwörungstheoretiker.© Getty Images via AFP | Anna Moneymaker

    Als die Geschichte in der „Vanity Fair“ erschien, schaltete Wiles umgehend in den Modus Schadensbegrenzung. In Gesprächen mit Kabinettsmitgliedern pochte sie darauf, dass ihre Zitate bewusst aus dem Zusammenhang gerissen worden seien, um eine „unaufrichtig formulierte Verleumdungskampagne“ gegen Trump und die Regierung zu starten. Im Detail bestritt sie, etwa die Aussagen über Musks Drogenkonsum überhaupt gemacht zu haben. Autor Whipple konnte gegenüber der „New York Times“ per Mitschnitt das Gegenteil nachweisen.

    Wiles ist die Schleusenwärterin für Trump

    Um die Fallhöhe dieses Skandals zu erfassen, muss man kurz das Amt betrachten, das Wiles als erste Frau ausfüllt. Der „Chief of Staff”, in diesem Fall die Stabschefin, ist die wichtigste Person in der Regierung unterhalb des Präsidenten. Über den Schreibtisch der 68-Jährigen laufen alle Gesetze und Erlasse. Sie bestimmt, wer Zugang zu Trump bekommt, ist immer im Raum, wenn wichtige Entscheidungen fallen, steuert den Informationsfluss, regelt den Terminkalender und entscheidet, welche Themen überhaupt auf dem Resolute Desk des Chefs landen.

    Susie Wiles hält den reichsten Mann der Welt für einen seltsamen Kauz und Drogenkonsumenten. Hier ist sie mit Elon Musk und Wirtschaftsminister Howard Lutnick (re.) zu sehen.
    Susie Wiles hält den reichsten Mann der Welt für einen seltsamen Kauz und Drogenkonsumenten. Hier ist sie mit Elon Musk und Wirtschaftsminister Howard Lutnick (re.) zu sehen.© AFP | JIM WATSON

    In dieser Funktion hat sich die geschiedene Mutter zweier erwachsener Kinder, die bereits in den 1980er Jahren für Ronald Reagan arbeitete, den Ruf einer effizienten Managerin erworben, die sich ihr eigentliches Kapital – Vertrauen – bei Trump bereits vorher erworben hatte. Wiles war es, die Trump trotz Gerichtsverfahren und einer Verurteilung wegen sexuellen Missbrauchs durch das politische Unterholz navigierte und ihm die republikanische Präsidentschaftsnominierung sicherte. Im Wahlkampf warb sie Spenden in dreistelliger Millionenhöhe für ihn ein und wurde zur Architektin seines Sieges am 5. November 2024. Trump nennt sie seine „Eisjungfrau” (ice maiden). Bei ihrer Vorstellung als Stabschefin lobte er sie als „hart, klug, innovativ, allgemein bewundert und respektiert“.

    Nachdem Wiles die Todsünde beging und sich selbst in die Schlagzeilen bugsierte, sollte man meinen, dass der auf Absetzbewegungen chronisch allergisch reagierende Trump seine schützende Hand über der kleinen Frau mit dem eisgrauen Föhn-Bob zurückzieht.

    President Trump Makes An Announcement At The Kennedy Center
    In der Epstein-Affäre wirft Susie Wiles Justizministerin Pam Bondi (links neben ihr) ziemliches Versagen vor.© Getty Images via AFP | Andrew Harnik

    Aber nichts da. Die Reaktion verlief komplett antizyklisch. Wie auf Bestellung prasselten schon am Dienstagabend Solidaritätsbekundungen für Wiles ein. Trump selber, Vizepräsident Vance, Justizministerin Bondi, Regierungssprecherin Leavitt und viele andere aus der ersten Reihe überboten sich gerade mit Lobgesängen auf die Stabschefin. Beispiel: „Als jemand, der tatsächlich eng mit Susie zusammenarbeitet, kann ich bezeugen, dass sie brillant und hart wie Stahl ist und sich zu 100 Prozent für Präsident Trump und Amerika einsetzt“, schrieb Verkehrsminister Sean Duffy auf „X“. Trumps ältester Sohn Donald Jr. nannte Wiles „die mit Abstand effektivste und vertrauenswürdigste Stabschefin, die mein Vater je hatte“.

    Daraus eine Arbeitsplatzgarantie abzuleiten, wäre jedoch verfrüht, sagen Insider. Susie Wiles mag im Moment für den Präsidenten unverzichtbar sein. Ihren Auftritt bei der „Vanity Fair“ werde Trump aber „nie vergessen“.