Sie machen alle mit: Es sind die jungen Frauen der Gen Z, die frei und ohne Kleidungsvorschriften gleichberechtigt leben wollen. Es sind die eigentlich konservativen Händler auf den Basaren. Es sind auch viele religiöse Menschen, die ihrem Regime vorwerfen, den Islam zu missbrauchen, um die Bevölkerung zu unterdrücken. Es sind Royalisten und Sozialisten. Umweltschützerinnen und vor allem Studierende. Dazu viele Rentnerinnen und Rentner, die nach einem langen, arbeitsreichen Leben zu wenig Geld haben, um bei den horrenden Lebensmittelpreisen über die Runden zu kommen: Die Protestwelle, die derzeit durch viele Städte und Regionen im Iran zieht, hat die breite Bevölkerung erfasst. „Die Menschen sind bereit. Diesmal könnten die Proteste wirklich das Ende des Regimes der Islamischen Republik bedeuten“, sagt die Menschenrechtsaktivistin und Iran-Expertin Düzen Tekkal dieser Redaktion.
Proteste im Iran: „Es geht weiter. Und es gibt immer mehr Tote“
Überall im Land mache sich ziviler Ungehorsam breit, und damit setzten sich die Menschen großen Gefahren aus. „Es geht weiter, es wird stärker. Und leider gibt es immer mehr Tote“, so Tekkal. Doch der Drang nach Freiheit und der Hass auf die Machthaber seien größer als die Angst. In der Stadt Abdanan im Westen des Landes sei quasi die gesamte Bevölkerung auf der Straße. „Es gibt Bilder, wonach Menschen die Überwachungskameras auf den Straßen abmontiert haben, mit denen die Revolutionsgarden Frauen ohne Kopftuch ausspähen“, so die Expertin. „Sie machen dort Selfies mit Victory-Zeichen, das ist der beste Teil der Proteste.“ Es gebe immer mehr Hinweise darauf, dass der Staatsapparat bröckelt. „Polizisten solidarisieren sich, das ist ein echter Hoffnungsschimmer.“ Obendrein haben sich inzwischen sieben kurdische Parteien offiziell den Protesten angeschlossen. Für diesen Donnerstag rufen sie zum Generalstreik auf.

Trotz dieser Mut machenden Bilder und Aktionen: Die Lage bleibt brandgefährlich. Obendrein gibt es laut Menschenrechtsnetzwerk HRANA 2000 Festnahmen und 34 tote Demonstranten.
Doch es kann noch schlimmer kommen. Wie brutal das Regime reagieren kann, zeigte sich bei den Protesten im Jahr 2022/2023: Damals löste der Tod der Kurdin Jina Mahsa Amini vor allem unter jungen Frauen Widerstand aus, der brutal niedergeschlagen wurde. Es gab Berichte über gezielte Schüsse mit Schrot ins Auge von Demonstrantinnen. Dazu unzählige Festnahmen und Todesurteile.
Aktivistin: Die Mullahs haben Angst vor Trump
Die deutsch-iranische Frauenrechtlerin Nahid Taghavi hat am eigenen Leib erfahren, was Haft bedeutet. Vier Jahre lang saß sie im berüchtigten Evin-Gefängnis, bevor sie vor einem Jahr entlassen wurde und nach Deutschland ausreisen konnte. Ihre Tochter Mariam Claren führt ihren Einsatz für ein Ende des Regimes als Menschenrechtsaktivistin von Deutschland aus weiter. Die große Heterogenität der aktuellen Proteste sei gefährlich, aber auch eine große Chance, sagt Mariam Claren dieser Redaktion. „Sie alle eint das Ziel: Zuerst muss das Regime weg.“ Inzwischen hätten sich auch sieben kurdische Parteien offiziell den Protesten angeschlossen und für diesen Donnerstag zum Generalstreik aufgerufen.

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Auch wenn die Zahl der Festnahmen, der Verletzten und Toten steige: Noch reagierten die Mullahs relativ verhalten. Das könne sich zwar schnell ändern, so Claren. Doch die Mullahs seien auch angesichts der Drohungen von Donald Trump verunsichert. „Sie haben Angst vor Trump.“ Der Angriff der USA auf Venezuela, die Gefangennahme von Staatschef Nicolás Maduro und seiner Frau, zeigten, „dass Trump seinen Worten auch Taten folgen lässt“, so Düzen Tekkal. Abgesehen davon zerstöre der Angriff auch die Illusion der Mullahs, ins befreundete Venezuela fliehen zu können, sollte das Regime fallen, ergänzt Claren.
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Düzen Tekkal sieht auch die Europäische Union in der Pflicht. Sie müsse „endlich die Islamischen Revolutionsgarden, die massenhaft für die Gewalt gegen die Protestierenden verantwortlich sind, auf die Terrorliste setzen“. Das würde noch mal Druck ausüben auf das Regime. Schließlich seien die Revolutionsgarden nicht nur Terrormacht. „Die sind ja auch eine Wirtschaftsmacht. Es muss wehtun.“
Iran: „Deutschland ist innerhalb der EU der größte Handelspartner“
Sehr enttäuscht zeigen sich Mariam Claren und auch Düzen Tekkal über die Zurückhaltung der Bundesregierung. Schließlich habe Friedrich Merz als Oppositionspolitiker 2023 eine Patenschaft für den im Iran inhaftierten Deutschen Jamshid Sharmahd eingesetzt.
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Sharmahd wurde 2024 hingerichtet, seine Leiche wurde seiner Tochter Gazelle Sharmahd ohne Organe und Zunge übergeben. Doch nach wie vor sei Deutschland der beste Handelspartner der Mullahs innerhalb der Europäischen Union. Das fache die ökologischen und ökonomischen Probleme des Landes an. Tekkal: „Die Menschen bleiben dabei auf der Strecke und können nicht mehr. Dass Merz einfach nichts sagt, das geht nicht.“






