In Niedersachsens Grundschulen wird künftig anders gerechnet. Ab dem kommenden Schuljahr gehört das schriftliche Dividieren dort nicht mehr zum verbindlichen Unterricht für Grundschüler. Die Entscheidung von Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne) sorgt für heftige Debatten, wie der „Spiegel“ berichtet.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Die Reform gilt für Kinder, die im Sommer eingeschult werden. Kritiker sehen darin einen Abbau von Leistungsanforderungen. In sozialen Netzwerken und Kommentaren verschiedener Medien ist von einem „Rückschritt“ die Rede, manche warnen sogar vor einem Bildungsdesaster. Die Ministerin widerspricht deutlich. „Der Bildungsanspruch wird keineswegs gesenkt, sondern durch eine didaktische zeitliche Verschiebung qualitativ erhöht“, erklärte Hamburg gegenüber dem Nachrichtenmagazin „Spiegel“.

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Hintergrund der Entscheidung sind alarmierende Zahlen: Studien wie Pisa zeigen seit Jahren, dass viele Schülerinnen und Schüler in Deutschland Schwierigkeiten mit grundlegenden mathematischen Kompetenzen haben. Rund ein Drittel der 15-Jährigen erreicht laut Pisa nur ein sehr niedriges Leistungsniveau. Fachleute sind sich einig, dass der Mathematikunterricht vielerorts nicht ausreichend trägt.

Ministerin überzeugt: Halbschriftliche Rechenwege stärken „tiefes Verständnis“ von Zahlen

Das schriftliche Dividieren gilt als besonders anspruchsvoll. Das niedersächsische Kultusministerium bezeichnet es als „das komplexeste aller schriftlichen Rechenverfahren“. Es erfordere gleichzeitig sicheres Teilen, Multiplizieren und Subtrahieren und sei anfällig für Fehler. Wird es zu früh eingeführt, bestehe die Gefahr, dass Kinder Abläufe auswendig lernen, ohne zu verstehen, was sie tun – und das Gelernte schnell wieder vergessen.

Stattdessen sollen in der Grundschule sogenannte halbschriftliche Rechenwege gestärkt werden. Dabei zerlegen Kinder Aufgaben in überschaubare Schritte und rechnen flexibler im Kopf. Nach Überzeugung der Ministerin fördert das ein „tiefes Verständnis“ von Zahlen und ihren Beziehungen. Das schriftliche Dividieren verschwindet damit nicht vollständig, sondern wird in die weiterführenden Schulen verlagert, wo es weiterhin verbindlich unterrichtet wird.

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Mathematikdidaktikerin Prediger verteidigt neuen Grundschulkurs in Niedersachsen

Unter Eltern findet der Kurs teilweise Unterstützung. Der Landeselternrat Niedersachsen begrüßt laut „Spiegel“ die stärkere Konzentration auf Grundlagen. Skeptischer äußern sich hingegen einige Lehrkräfte. Katja Tank vom niedersächsischen Schulleitungsverband sagte gegenüber dem Nachrichtenmagazin, viele Kinder kämen bereits mit einem schwachen Zahlenverständnis in die Schule. Manche Lehrkräfte bezweifelten, ob ausgerechnet der Verzicht auf das strukturierte schriftliche Verfahren hilfreich sei.

Unterstützung bekommt Niedersachsen aus der Wissenschaft. Die Dortmunder Mathematikdidaktikerin Susanne Prediger betont, dass zu viel Unterrichtszeit für das Einüben von Regeln verloren gehe. „Wir verschwenden im Unterricht sehr viel Zeit damit, Kinder Regeln lernen zu lassen, ohne dass sie die Hintergründe verstehen“, sagte sie gegenüber dem „Spiegel“. Die Aufregung um das schriftliche Dividieren hält sie für überzogen: „Anscheinend sehen viele die Welt untergehen, wenn Viertklässler nicht mehr schriftlich dividieren können, doch das beurteilt die Mathedidaktik schon seit sehr langer Zeit anders.“

Prediger verweist zudem darauf, dass Niedersachsen mit dem Schritt keineswegs allein dasteht. In mehreren Bundesländern sei das schriftliche Dividieren bereits aus den Lehrplänen der Grundschulen verschwunden. Stattdessen würden dort gezielt halbschriftliche Rechenwege vermittelt, „die eine wesentlich bessere Vorbereitung auf die spätere Algebra bieten“. Dabei gehe es nicht um weniger Anspruch, sondern um einen anderen Fokus. „Natürlich müssen Kinder dividieren lernen“, betont die Professorin im Spiegel. „Und sie sollten so etwas wie 124 : 4 im Kopf hinbekommen, darauf sollte sich die Grundschule konzentrieren.“ Der eingeschlagene Kurs sei daher folgerichtig: „Der Lehrplan wird an den richtigen Stellen entschlackt, um Zeit zu schaffen, damit Kinder besser die Grundlagen lernen.“