• Bisher begrenzte der „New Start“-Vertrag die Atomwaffen von USA und Russland
  • Nun endet die Kontrolle: Der letzte Abrüstungsvertrag ist ausgelaufen
  • Welche Konsequenzen drohen? Experten ordnen die Folgen des Vertragsendes ein

Es ist ein Rückschlag für die globale Sicherheit, sehr wahrscheinlich der Beginn eines neuen Atom-Wettrüstens: Am Donnerstag ist der letzte verbliebene Atomwaffen-Kontrollvertrag zwischen den USA und Russland, das „New Start“-Abkommen ausgelaufen. Die beiden Atom-Supermächte, die 90 Prozent aller Atomwaffen weltweit besitzen, stehen nun erstmals seit über 50 Jahren ohne vereinbarte Begrenzung ihrer strategischen Nuklearbomben da, mit denen sie sich gegenseitig bedrohen.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Für Fachleute sind die düsteren Konsequenzen klar: „Jetzt gehen wir tatsächlich in ein neues Nuklear-Zeitalter und eine neue Ära der Rüstungswettläufe“, sagt die Sicherheitsanalystin Jana Puglierin vom Thinktank ECFR in Berlin unserer Redaktion. „Das macht mir Sorgen.“ Der Rüstungskontroll-Experte Ulrich Kühn von der Universität Hamburg meint: „Es ist eine Zäsur, die sehr schwer wiegt.“ Die Rüstungsspirale werde bald in Gang kommen, wenn auch langsamer als im Kalten Krieg, sagt Kühn unserer Redaktion.

Mit dem Auslaufen von „New Start“ können Russland und die USA zum ersten Mal seit 1972 wieder ungebremst nuklear aufrüsten. Bislang durften beide Länder höchstens 1550 einsatzbereite strategische Atomsprengköpfe besitzen, 700 einsatzbereite Trägersysteme, wie zum Beispiel ballistische Raketen, und 800 Startsysteme (also Bomber, U-Boote, mobile Abschussrampen).

Trump über Ende des Vertrags: Wenn er ausläuft, läuft er aus

Der Vertrag sieht umfangreiche Transparenz- und Kontrollmechanismen vor, auch durch gegenseitige Inspektionen vor Ort. „New Start“ schrieb so einen früheren, einst vom sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow und US-Präsident George Bush eingefädelten Abrüstungsvertrag fort. Eigentlich war das Abkommen schon 2021 ausgelaufen, nach langem Tauziehen wurde unter Trumps Vorgänger Joe Biden aber noch eine Verlängerung bis Februar 2026 vereinbart. Verhandlungen über einen Nachfolgevertrag gab es dann nicht mehr. Stattdessen erklärte der russische Präsident Wladimir Putin im Februar 2023, Russland setze seine Mitgliedschaft im Vertrag aus.

U.S. President Trump And Russian President Putin Meet On War In Ukraine At U.S. Air Base In Alaska
US-Präsident Donald Trump (rechts) und der russische Präsident Wladimir Putin konnten sich nicht auf eine Verlängerung des „New Start“-Abkommens einigen – auch nicht bei ihrem Treffen auf der US-Militärbasis in Anchorage, Alaska, im August 2025.© Getty Images via AFP | Andrew Harnik

Russland hält sich demnach freiwillig an die Begrenzung, doch lässt es keine US-Inspektoren mehr in seine Anlagen und ignoriert auch Verifikations- und Transparenzpflichten. Begründung: Der Westen steuere die Angriffe der Ukraine gegen strategische Ziele in Russland, deshalb seien die Arsenale für Nato-Inspekteure tabu. Wenig später stoppten dann auch die USA Transparenzpflichten und Kontrollbesuche. Eine wichtige Säule des Vertrags war eingestürzt.

Putin bot im September 2025 an, dass sich beide Seiten noch für ein Jahr weiter an die „zentralen quantitativen Beschränkungen” des Vertrags halten könnten; von Kontrollen sprach er nicht. Jetzt macht Moskau noch einmal Druck: Man warte noch auf eine Antwort aus Washington, drängte Kremlsprecher Dmitri Peskow vor wenigen Tagen. Es gehe um globale strategische Stabilität. US-Präsident Donald Trump ging auf Putins Avancen bislang nicht direkt ein. Im Oktober fand Trump eine Verlängerung noch eine „gute Idee“, vor wenigen Tagen tat er das Ende des Vertrags lapidar ab: „Wenn er ausläuft, läuft er aus“, sagte er. „Wir werden einfach eine bessere Vereinbarung treffen. Man sollte wahrscheinlich auch noch ein paar andere Akteure einbeziehen.“

Warum China das Problem für künftige Rüstungskontrolle ist

Wen Trump meint, ist klar: China. Die Volksrepublik rüstet sich in hohem Tempo zur großen Atommacht auf, ohne dem „New Start“-Abkommen zu unterliegen. China verfügt heute nach Schätzungen des Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri über rund 600 Atomsprengköpfe und auch schon über entsprechende Interkontinentalraketen. Schon in vier Jahren dürfte die Zahl bei 1000 Sprengköpfen liegen, schätzen US-Geheimdienste, die beklommen den Bau immer neuer Raketensilos im Reich der Mitte beobachten. „Das ‚New Start‘-Abkommen war natürlich nicht perfekt“, meint Sicherheitsexpertin Puglierin. „China als großer Akteur mit großen Ambitionen war gar nicht beteiligt und ist auch sonst in kein nukleares Rüstungskontrollabkommen eingebunden.“ Dabei wolle China als Atommacht in die Nähe von Russland und den USA kommen.

Victory Day parade in Moscow
Die russische Armee präsentiert bei einer Militärparade auf dem Roten Platz in Moskau eine Interkontinentalrakete vom Typ RS-24 Yars. Im Kriegsfall würde die Rakete Atomsprengköpfe transportieren. © picture alliance/dpa/TASS | Sergei Fadeichev

Das Problem aus Sicht Amerikas beschreibt Rüstungskontroll-Forscher Kühn so: „Die USA fürchten, dass sie es mit den strategischen Atomraketen von zwei miteinander befreundeten Atommächten – China und Russland – zu tun haben werden.“ Zwei gegen einen: Das ist im Kalkül der Atomstrategen mit ihren Erst- und Zweitschlagsszenarien eine völlig neue, bedrohliche Lage.

Die USA, sagt Kühn, versuchten deshalb schon seit Jahren, die Beschränkungen des Vertrages loszuwerden – vermutlich sei das der Grund, warum Trump nicht auf das Angebot Russlands zur einjährigen Verlängerung eingegangen sei.  Kühn, der am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg den Forschungsbereich Rüstungskontrolle leitet, sagt voraus: „Die USA werden versuchen, die Zahl ihrer bisher auf 1550 begrenzten, einsatzbereiten Atomsprengköpfe zu erhöhen – Schätzungen in den USA gehen von einem Zuwachs auf 2200 oder 2400 aus.“ Zu erwarten sei dann, dass Russland darauf reagiere und sich China in seinen Aufrüstungsplänen bestätigt sehen dürfte. „Dann kommen wir in einen Rüstungswettlauf, an dem sich in den nächsten 10, 15 Jahren auch nichts ändern dürfte“, meint Kühn. Denn: Rüstungskontrolle zwischen drei Atommächten sei komplizierter als bilateral.

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#23 Jan van Aken über Waffen, Viren und das Geheimnis von Heidi Reichinnek
Meine schwerste Entscheidung
 

„Mit jeder Kernwaffe steigt das Risiko“

Zwar bedeuteten mehr Atomsprengköpfe nicht automatisch eine höhere Kriegsgefahr. „Aber die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Unfällen, Missverständnissen, unbeabsichtigten Aktionen kommt, nimmt zu und damit die Unsicherheit“, erklärt der Rüstungsexperte. Organisationen wie die Internationale Kampagne gegen Atomwaffen (Ican) oder das US-Bulletin von Atomwissenschaftlern fordern Moskau und Washington deshalb auf, sich weiterhin an „New Start“ zu halten, bis ein neuer Vertrag in Kraft tritt. „Mit jeder weiteren Kernwaffe und jedem neuen Atomwaffenstaat steigt das Risiko eines Nuklearkriegs“, warnt Ican.

Die Aussichten auf einen neuen Vertrag sind aber schlecht: China verweigert die von den USA verlangte Beteiligung. Und Russland signalisiert, dass ein neues Abkommen auch die kleineren Atom-Arsenale Frankreichs und Großbritanniens einbeziehen müsste. Das würde Europas ohnehin prekäre Sicherheitslage eher verschlechtern.

Immerhin, bislang haben Russland und die USA die Zahl der einsatzbereiten Atomsprengköpfe nicht erhöht. Die Bemühungen konzentrierten sich auf umfangreiche Modernisierungsprogramme ihrer Arsenale. Aber das werde sich ändern, schätzen die Sipri-Rüstungsforscher in Stockholm. Ohne neues Abkommen würden Russen und Amerikaner wahrscheinlich vor allem mehr Sprengköpfe auf strategischen Langstreckenraketen einsatzbereit halten. Auch die Sipri-Forscher warnen jetzt vor einem Atom-Wettrüsten, von dem auch andere Staaten mit Atombomben erfasst werden – das ist der Unterschied zur Lage im Kalten Krieg. Sipri-Direktor Dan Smith sagt: „Ein neues Wettrüsten bringt viel mehr Risiken und Unsicherheit als das letzte.“