Berlin/Moskau. Russland sei „bereit“ für einen Atomkrieg, behauptet Putin. Aber wie real ist diese Gefahr wirklich? Und über welche Waffen verfügt er?

Russlands Präsident Wladimir Putin baut zunehmend eine atomare Drohkulisse auf. Bereits vor zwei Wochen drohte der Kreml-Chef dem Westen, eine Eskalation und ein Einsatz von Atomwaffen könnten zur „Auslöschung der Zivilisation“ führen. Das sagte Putin in seiner Rede zur Lage der Nation in Moskau. Kurz vor der Präsidentschaftswahl legt er nun nach.

Das russische Atomwaffenarsenal sei „viel moderner“ als das der USA, behauptete Putin am Mittwoch im Staatsfernsehen und bekräftigte, dass er zu deren Einsatz „bereit“ sei. Er hob dabei Russlands strategische Triade hervor – also das Atomwaffenarsenal zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Nur Russland und die USA verfügten über solche Triaden, aber „die gesamte nukleare Komponente ist bei uns viel moderner“. Zudem betonte er: Sein Land sei für einen Atomkrieg „bereit“.

Womit droht Putin genau?

In seiner Rede zur Lage der Nation hat der russische Präsident offen den Einsatz von Atomwaffen gegen die Nato angekündigt, wenn der Westen Soldaten in die Ukraine entsenden sollte. Die Konsequenzen wären tragisch. „Wir haben Waffen, mit denen wir sie auf ihrem Territorium treffen könnten“, sagte Putin vor mehr als 1000 Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Religion in Moskau.

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„Alles, was sie sich derzeit einfallen lassen, womit sie die Welt erschrecken, schafft die reale Gefahr eines Konflikts mit dem Einsatz von Atomwaffen, was die Zerstörung der Zivilisation bedeutet“, sagte er. Das sei kein „Trickfilm“. Putin fügte hinzu: „Verstehen sie nicht, dass es die Gefahr eines nuklearen Konflikts gibt?“ Konkret warnte er die Nato-Staaten davor, Militärkontingente in die zu entsenden, um gegen russische Truppen zu kämpfen.

Eine russische Interkontinentalrakete vom Typ RS-24 startet vom Testgelände Kosmodrom Plessezk. Die Rakete würde im Ernstfall Atomsprengköpfe ins gegnerische Ziel tragen. Der russische Präsident Wladimir Putin drohte in Moskau erneut mit einem Atomwaffeneinsatz gegen die Nato.
Eine russische Interkontinentalrakete vom Typ RS-24 startet vom Testgelände Kosmodrom Plessezk. Die Rakete würde im Ernstfall Atomsprengköpfe ins gegnerische Ziel tragen. Der russische Präsident Wladimir Putin drohte in Moskau erneut mit einem Atomwaffeneinsatz gegen die Nato. © imago images/ITAR-TASS | IMAGO stock

In seiner neuerlichen Rede am Mittwoch behauptete Putin nun, dass er keinen Atomwaffen-Einsatz in der Ukraine erwogen habe. „Warum sollten wir Massenvernichtungswaffen einsetzen? Dafür hat es niemals einen Grund gegeben.“ Putin verwies auf die Militärdoktrin seines Landes, wonach Atomwaffen bei „Angriffen auf unsere nationale Souveränität und unsere Unabhängigkeit“ eingesetzt werden sollen.

Ist Deutschland besonders bedroht?

Nein, sicher nicht. Bundeskanzler Olaf Scholz hat den Einsatz deutscher Soldaten in der Ukraine klar ausgeschlossen. Aber käme es zum Atomangriff in Europa, könnte Deutschland einem höheren Risiko ausgesetzt sein, weil es ein wichtiger Unterstützer der Ukraine ist, aber nicht über eigene Atomwaffen für einen Gegenschlag verfügt wie Frankreich oder Großbritannien. Auch die Luftabwehr der Bundeswehr ist derzeit nicht ausreichend auf einen russischen Raketenangriff vorbereitet.

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Trotzdem ist ein Atomschlag gegen Deutschland weiter extrem unwahrscheinlich – Putin riskierte dann sicher eine massive Reaktion der Nato, wahrscheinlich auch einen atomaren Gegenschlag der USA, die für diesen Zweck auch in Deutschland (in Büchel/Rheinland-Pfalz) Atombomben deponiert haben. Für westliche Militärstrategen ist es noch am ehesten denkbar, dass Putin als Warnung eine Atombombe etwa über dem Schwarzen Meer zündet.

Droht wirklich ein Atomkrieg?

Eher nicht. Die Drohung mit dem Einsatz von Atomwaffen hat Putin schon vor und zu Beginn des Ukraine-Kriegs ausgesprochen. Kurz nach dem Überfall auf die Ukraine vor zwei Jahren versetzte er seine Atomstreitkräfte demonstrativ in erhöhte Alarmbereitschaft. Auch deshalb sah der Westen davon ab, direkt in den Krieg einzugreifen.

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Klar ist aber: Sollte es zu einem Einsatz westlicher Bodentruppen im Ukraine-Krieg kommen, wäre dies auch nach Einschätzung westlicher Regierungen die ultimative Eskalation – wenn unter Bodentruppen wie üblich verstanden wird, dass Nato-Soldaten an der Seite ukrainischer Soldaten gegen die russische Armee kämpfen oder sonst wie Nato-Soldaten in größerer Zahl an direkten Angriffen beteiligt wären. In diesem Fall würden die involvierten Staaten zur direkten Kriegspartei und müssten jederzeit mit Gegenschlägen Russlands rechnen. Allerdings weiß Putin, dass Emmanuel Macrons Äußerungen über Bodentruppen eine französische Drohgebärde ohne jede Substanz waren – im Westen gibt es weder Pläne noch die Bereitschaft zu einem solchen Einsatz.

Der russische Präsident Wladimir Putin bei seiner Rede zur Lage der Nation in Moskau.
Der russische Präsident Wladimir Putin bei seiner Rede zur Lage der Nation in Moskau. © AFP | ALEXANDER NEMENOV

Welche Bomben hat Putin im Arsenal?

Russland verfügt über ein Arsenal von fast 6000 Atomsprengköpfen – taktische Atomwaffen für den Einsatz auf dem Gefechtsfeld und mit geringerer Reichweite und Zerstörungskraft, strategische Atomwaffen für den Einsatz auf Langstreckenraketen gegen die USA. Alle Waffen befinden sich auf russischem Boden oder auf Atom-U-Booten, werden mit Raketen oder von Bombern ins Ziel gebracht. Wahrscheinlich lagern Sprengköpfe auch in der russischen Enklave Kaliningrad an der polnischen Grenze, von wo Mittelstreckenraketen sie in wenigen Minuten auch nach Deutschland tragen könnten.

Schon die Explosion einer kleineren Atombombe von der Sprengkraft der Hiroshima-Bombe auf das Regierungsviertel Berlins würde nach einer Studie von Greenpeace sofort 27.000 Menschen töten und über 70.000 verletzen; der radioaktive Fallout würde über 300.000 Menschen treffen, viele würden an den Strahlenschäden sterben.

Nach der russischen Militärdoktrin würden Atomwaffen nur als Vergeltungsschlag eingesetzt oder wenn Russland als Staat existenziell bedroht wäre. Allerdings legen jetzt bekannt gewordene ältere Dokumente Moskaus nahe, dass die taktischen Atomwaffen auch schneller zum Einsatz kommen könnten – falls Russland einer Bedrohung mit konventionellen Mitteln nicht mehr Herr wird, etwa wenn Gegner umfassend in sein Territorium eingedrungen sind oder mindestens ein Fünftel seiner U-Boot-Flotte zerstört haben.

Bei einer Militärparade der russischen Armee auf dem Roten Platz in Moskau wird eine Rakete präsentiert, die im Kriegsfall Atomsprengköpfe tragen würde.
Bei einer Militärparade der russischen Armee auf dem Roten Platz in Moskau wird eine Rakete präsentiert, die im Kriegsfall Atomsprengköpfe tragen würde. © picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Gavriil Grigorov

Militärstrategen im Westen gehen heute davon aus, dass ein begrenzter Einsatz taktischer Atomwaffen durch Russland oder die USA nicht zwingend zu einem großen atomaren Weltkrieg führen müsste – beide Seiten haben Pläne für abgestufte Reaktionen. Nato-Militärs spielen Szenarien durch, in denen Russland eine einzige Atombombe zündet, um einen Schock in westlichen Staaten auszulösen und sie zum Einlenken zu bringen. Das Problem ist aber stets: Sind Atomwaffen erst einmal eingesetzt, ist der weitere Verlauf unkalkulierbar – ein weltweites atomares Inferno wäre nicht auszuschließen.

Wie reagiert die deutsche Politik?

Der CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen rief nach Putins Rede an die Nation dazu auf, sich von den Atomdrohungen nicht irritieren zu lassen. „Es ist ein schwerer Fehler, die Drohungen Putins zum Maßstab unseres Handelns zu machen“, sagte Röttgen unserer Redaktion. Das nehme Putin nur als Schwäche wahr und ermuntere ihn zur nächsten Drohung oder Gewaltanwendung. Putin habe bereits „voll eskaliert“, betonte Röttgen. „Atomwaffen sind für ihn keine Option, weil er damit China als wichtigsten Verbündeten verlieren würde. Und die amerikanische Abschreckung funktioniert.“

Auch der Grünen-Politiker Anton Hofreiter mahnte: „Wir dürfen uns von diesen Drohungen nicht einschüchtern lassen.“ Putin wolle mit seinen Drohungen erreichen, dass die westlichen Staaten ihre Unterstützung für die Ukraine einstellen, sagte Hofreiter unserer Redaktion. „Wenn die russische Armee in der Ukraine erfolgreich ist, droht eine Ausweitung des Krieges auf weitere Länder.“

Was hat Putin in seiner Rede an die Nation noch gesagt?

Putin wies Behauptungen zurück, sein Land wolle den Westen angreifen. Das Land müsse vielmehr für seine eigene Sicherheit die Rüstung hochfahren. Den USA bot Putin erneut einen Dialog an zur strategischen Sicherheit in der Welt. Russland und die USA hatten im Zuge ihres Konflikts mehrere Abrüstungsverträge ausgesetzt oder aufgekündigt. Russland sei bereit zu neuen Gesprächen, wenn die USA aufhörten, auf eine strategische Niederlage Moskaus zu zielen.

'Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Eine starke globale Ordnung sei ohne ein starkes Russland nicht möglich, so der Präsident. Er sei bereit, über eine „eurasische Sicherheitsarchitektur“ zu sprechen. Die USA hätten die Sicherheit in Europa demontiert. Der Westen versuche, Russland in einen Rüstungswettlauf zu ziehen. Putin kritisierte in diesem Zusammenhang die Erweiterung der Nato, insbesondere die Aufnahme Finnlands und Schwedens in das Bündnis.

Dieser Artikel erschien zuerst am 29.2.2024