Bundeskanzler Friedrich Merz fordert angesichts sinkender Produktivität und eines wachsenden Fachkräftemangels eine höhere Arbeitsmoral in Deutschland. Er plädiert für längere Arbeitszeiten und weniger Work-Life-Balance. Griechenland ist in dieser Debatte bereits einen Schritt weiter: Das Parlament hat die Sechs-Tage-Woche und den 13-Stunden-Tag legalisiert – ein Vorbild für Deutschland?

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Übermäßiger Fleiß ist keine Eigenschaft, die man spontan mit Griechenland verbindet. Viele Urlauber kennen und schätzen das entspannte Lebensgefühl: In Hellas scheinen die Uhren langsamer zu gehen, man nimmt sich Zeit. Dieser von vielen beneidete Lebensstil befeuerte während der griechischen Schuldenkrise in den 2010er-Jahren jedoch zahlreiche Vorurteile. Vor allem deutsche Boulevardmedien nahmen die „faulen Griechen“ ins Visier, die angeblich auf Kosten anderer das Leben unter südlicher Sonne genössen. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel griff dieses Stereotyp auf, als sie am 18. Mai 2011 bei einer CDU-Veranstaltung in Meschede erklärte, es gehe nicht, dass die einen – gemeint waren die Griechen – „ganz viel Urlaub bekommen“ und andere – nämlich die Deutschen – „ganz wenig“.

Die Wirklichkeit sieht jedoch anders aus. Der gesetzliche Mindesturlaub beträgt in beiden Ländern 20 Tage. Auch beim Thema Arbeitsfleiß müssen sich die Griechen nichts vormachen lassen: Sie arbeiten länger als alle anderen in der EU. Nach Angaben der OECD liegt die Jahresarbeitszeit in Griechenland bei 1880 Stunden. Der EU-Durchschnitt beträgt 1670 Stunden, Deutschland kommt lediglich auf 1330 Stunden – der niedrigste Wert aller 38 OECD-Staaten.
Griechenland: Wochenarbeitszeit ist die höchste in der EU
Ein ähnliches Bild ergibt sich bei der tatsächlich geleisteten Wochenarbeitszeit von Vollzeitbeschäftigten. Laut Statistischem Bundesamt arbeiteten diese 2024 in Griechenland durchschnittlich 42,3 Stunden pro Woche – ebenfalls der höchste Wert in der EU. In Deutschland waren es 40,2 Stunden. Die Griechen machen auch weniger blau: Nur 0,4 Prozent der Wochenarbeitszeit gehen laut OECD durch Krankheit verloren. In Deutschland sind es 5,4 Prozent.
Auch Griechenland ist vom Fachkräftemangel betroffen. Während der Finanzkrise wanderten Hunderttausende gut ausgebildete Arbeitskräfte aus. Hinzu kommen die Folgen des Geburtenrückgangs der vergangenen zwei Jahrzehnte. Die Wirtschaft meldet rund 300.000 offene Stellen.
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Griechen erhalten saftigen Überstunden-Zuschlag
Die konservative Regierung von Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis versucht, mit flexibleren Arbeitszeitmodellen gegenzusteuern und so das Wirtschaftswachstum zu sichern. 2024 wurde für bestimmte Branchen die Sechs-Tage-Woche legalisiert. Für den zusätzlichen Arbeitstag erhalten Beschäftigte einen Überstunden-Zuschlag von 40 Prozent – oder 115 Prozent, wenn es sich um einen Sonn- oder Feiertag handelt. Die reguläre Wochenarbeitszeit bleibt bei 40 Stunden, zusätzlich sind bis zu acht Überstunden pro Woche erlaubt.
Im Herbst 2025 folgte eine weitere Reform: Arbeitgeber und Arbeitnehmer können sich seitdem auf tägliche Arbeitszeiten von bis zu 13 Stunden verständigen. Die Zahl der Überstunden ist jedoch auf 150 pro Jahr begrenzt. Das bedeutet, dass höchstens 37 solcher 13-Stunden-Tage zulässig sind. Arbeit, die über acht Stunden pro Tag hinausgeht, wird mit einem Zuschlag von 40 Prozent vergütet. Zudem sind mindestens elf Stunden ununterbrochene Ruhezeit sowie einmal wöchentlich 24 Stunden Ruhezeit vorgeschrieben.
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Griechenland: Vier-Tage-Woche bringt mehr Flexibilität für Betriebe und Familien
Mit dem neuen Gesetz wurde auch die Vier-Tage-Woche eingeführt – allerdings nicht in der von deutschen Gewerkschaften geforderten Form einer reduzierten Arbeitszeit bei gleichem Lohn. In Griechenland werden die 40 Wochenstunden vielmehr auf vier Tage zu jeweils zehn Stunden verteilt.
Die flexiblen Arbeitszeiten kommen insbesondere Betrieben entgegen, in denen der Arbeitsanfall saisonal oder innerhalb der Woche stark schwankt, etwa in der Gastronomie oder im Tourismus. Gleichzeitig profitieren auch berufstätige Eltern, die statt fünf Acht-Stunden-Tagen lieber vier längere Arbeitstage leisten, um einen zusätzlichen freien Tag für die Familie zu gewinnen.
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Die Reformen stießen zunächst bei Gewerkschaften und linken Oppositionsparteien auf heftigen Widerstand. Inzwischen hat sich die Aufregung jedoch gelegt. Die Debatte ist nahezu verstummt, die neuen Regelungen werden weitgehend akzeptiert.
Aus Sicht der Regierung sollen die Sechs-Tage-Woche und der 13-Stunden-Tag zudem helfen, die früher weitverbreitete Schwarzarbeit einzudämmen – letztlich auch im Interesse der Beschäftigten. Denn Überstunden müssen nun gemäß den gesetzlichen Vorgaben vergütet werden. Unterstützt wird dies durch die verpflichtende digitale Arbeitszeiterfassung.
Die Wirtschaftsentwicklung scheint zu zeigen, dass Griechenland damit auf einem guten Weg ist: Das griechische Bruttoinlandsprodukt (BIP) wuchs in den vergangenen drei Jahren kumulativ um 6,3 Prozent, in Deutschland dagegen schrumpfte die Wirtschaft um 1,2 Prozent.
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Allerdings hat die Medaille eine Kehrseite: Die Arbeitsproduktivität Griechenlands ist alles andere als vorbildlich. Pro geleisteter Arbeitsstunde liegt sie bei lediglich 40 Prozent des EU-Durchschnitts. Das liegt jedoch weniger am mangelnden Einsatz der Beschäftigten als an der Kleinstruktur der Wirtschaft. Fast die Hälfte aller Unternehmen beschäftigt weniger als zehn Mitarbeiter, 56 Prozent der Erwerbstätigen arbeiten in Betrieben mit unter fünf Beschäftigten. Diese Klein- und Kleinstunternehmen verfügen meist über eine geringe Wertschöpfung, da ihnen Investitionen in Automatisierung und moderne Technologien schwerfallen. Aber auch bei der Produktivität holt das Land auf. Sie legte 2023 und 2024 mehr als doppelt so schnell zu wie in Deutschland.








