Im Morgengrauen passiert an diesem Dienstag ein unter chinesischer Flagge fahrender Tanker die Straße von Hormus. An Bord Millionen Barrel Rohöl, geladen in iranischen Häfen im Persischen Golf. Dann kommt der Funkspruch eines US-Kriegsschiffs: Kurs ändern. Stoppen. Bei Verweigerung nach mehrmaliger Vorwarnung – entern.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Grundlage dieses möglichen Szenarios ist der seit Montag, 16 Uhr mitteleuropäischer Zeit, geltende Blockadebefehl von US-Präsident Donald Trump, mit dem das US-Zentralkommando die bislang heikelste Seeraumoperation im Krieg gegen den Iran exekutieren soll. Schiffe, die iranische Häfen angelaufen haben oder von dort auslaufen, sollen festgesetzt werden; selbst Tanker, die zuvor Schutzgebühren von zwei Millionen Dollar pro Passage an Teheran zahlten, könnten später noch gestoppt werden. 

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Militärexperten in Washington gehen davon aus, dass die USA Schiffe eher durch bewaffnete Boarding-Teams physisch übernehmen würden, als Tanker zu beschießen. Ein getroffener Supertanker wäre nicht nur ein militärischer Zwischenfall erster Güte, sondern auch eine Umwelt- und Versorgungskatastrophe.

Krieg gegen den Iran – spannende Hintergründe

Teheran reagiert barsch – Trumps Motiv ist klar

Der Iran nennt das in einer barschen Stellungnahme „Piraterie“ und warnt vor Konsequenzen. Will der US-Präsident nach dem gescheiterten Gipfel in Islamabad tatsächlich eine maritime Jagdzone eröffnen? 

Teheran reagiert heftig: „Die kriminelle Auferlegung von Beschränkungen für den Schiffsverkehr in internationalen Gewässern durch die USA ist eine illegale Handlung und kommt Piraterie gleich.“ Zuvor hatten die Revolutionsgarden bereits angekündigt, „gegen Militärschiffe, die in die Meerenge einfahren, Vergeltungsmaßnahmen zu ergreifen“.

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US-amerikanische Kriegsschiffe im Februar im Arabischen Meer (Archivfoto).© AFP / U.S. NAVY | CHRISTIAN KIBLER

Trumps Motiv ist klar. Er will Teheran die Erpressungsprämie nehmen, die Iran sich mit seiner faktischen Kontrolle der Meerenge – und selektiven Durchlässigkeit – gebastelt hat. Seit Beginn des Krieges, vorher war Hormus frei passierbar, vor bald sieben Wochen ist der Flaschenhals der wirksamste iranische Hebel. Durch die Passage läuft normalerweise rund ein Fünftel des weltweiten Öl- und Flüssiggasverkehrs. Schon die iranische Drosselung hat Märkte erschüttert, Versicherungen extrem verteuert und Lieferketten zerrissen. Trump will diesen Hebel nun umlegen. Nicht mehr Iran soll den Verkehr politisch regeln – sondern Washington. Mit einer wichtigen Nuance: Die USA wollen allein Irans Fähigkeit unterbinden, Öl, Gas und Waren zu exportieren und so Geld zu verdienen – während sie die Meerenge für den nicht iranischen Schiffsverkehr offen lassen. Es geht um viel Geld: Gelänge die Blockade, würden Teheran allein beim Öl 160 bis 190 Millionen Dollar fehlen – jeden Tag.

Politisch explosiv, juristisch fragwürdig

Der israelische Militär- und Iran-Fachmann Danny Citrinowicz ist dennoch skeptisch. Bemühungen, die Ölexporte des Iran einzuschränken, ihn so finanziell in den Würgegriff zu nehmen und zu größeren Konzessionen am Verhandlungstisch zu bringen, „würden mit ziemlicher Sicherheit eine scharfe Reaktion Teherans nach sich ziehen“. US-Streitkräfte müssten dann in unmittelbarer Nähe der iranischen Küste operieren, „was ihre Gefährdung erheblich erhöhen würde“. Um eine solche Operation zu stemmen, sei ein „erheblicher und langwieriger Einsatz amerikanischer Ressourcen“ nötig. Plus: Die weltweiten Ölpreise würden extrem in die Höhe schnellen, mit weitreichenden Folgen insbesondere in den asiatischen Volkswirtschaften, die stark von den Energielieferungen aus der Golfregion abhängig sind. Dass der Iran sich so zur Kapitulation zwingen ließe, sieht Citrinowicz nicht. Eher das Gegenteil sei wahrscheinlich: Teheran würde „den Druck auffangen und reagieren“. Möglicherweise mit militärischen Mitteln. 

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Tanken, Trump und Teheran
Rambo Zambo – Der Merz-Podcast
 

Die Wahrscheinlichkeit, dass die von Iran alimentierten Huthi-Rebellen in der nur 29 Kilometer breiten Seestraße von Bab al-Mandab die Tanker-Routen durch das Rote Meer in Richtung Suezkanal ins Visier nehmen, werde dadurch steigen. Käme es so, lägen die beiden wichtigsten Energie- und Handelsadern zwischen Golf und Europa gleichzeitig im Feuer. Ein Doppelschock würde einen weiteren Sprung beim Ölpreis in Richtung 150 Dollar pro Barrel und mehr plausibel machen – mit massiver Inflation, Lieferengpässen und neuen Schocks für Europa und Asien. Die Energie-Analystin Priyanka Sachdeva nennt schon „die bloße Durchsetzungsdrohung“ Trumps stark genug, um das Risiko neu einzupreisen. Übersetzt: Noch bevor die US-Navy ein Schiff stoppt, zahlen Autofahrer, Fluglinien, Chemiekonzerne und Zentralbanken die Rechnung.

Völkerrechtlich ist die Lage ohnehin unerquicklich. Die Vereinten Nationen haben Irans Maut-Idee in Hormus als „gefährlichen Präzedenzfall“ zurückgewiesen und auf das uneingeschränkte Durchfahrtsrecht in internationalen Meerengen verwiesen. Küstenstaaten dürften diese Passage weder behindern noch aussetzen. Das spricht gegen Teherans Gebührenregime. Es spricht aber nicht automatisch für Trumps Gegenmittel. Denn das Abfangen ziviler Schiffe auf hoher See ohne UN-Mandat wäre politisch mindestens so explosiv wie juristisch fragwürdig.

News aus den USA

Der Iran könnte anderweitig eskalieren

Gerade der China-Aspekt birgt erhöhte Brisanz: Sollte eine US-Fregatte eines Tages einen Tanker aus dem Reich der Mitte aufbringen wollen, ginge es nicht mehr nur um Iran. Sondern um die Frage, ob Washington sich das Recht anmaßt, chinesisch beflaggte und chinesisch gecharterte Schiffe festzusetzen. Das wäre kein Routineeinsatz der Seesicherung mehr, sondern ein geopolitischer Zwischenfall mit zwei Atommächten. Dass Donald Trump vor dem in Kürze geplanten Besuch bei Präsident Xi Jinping in Peking ein solches Szenario zulässt, gilt in Regierungskreisen als „abwegig“.

Zumal der Iran anderweitig eskalieren könnte. Mit Minen, Schnellbooten, Drohnen, Sprengladungen an Handelsschiffen, Raketen auf Hafenanlagen und Angriffen auf die Exportwege der US-Partner in der Region. Beschädigte Umgehungsrouten gibt es bereits: Saudi-Arabiens Ost-West-Pipeline nach Yanbu am Roten Meer sowie Anlagen in Fujairah in den Vereinigten Arabischen Emiraten wurden bereits getroffen. 

US-Präsident Donald Trump hat einen Blockadebefehl für die Straße von Hormus gegeben.
US-Präsident Donald Trump hat einen Blockadebefehl für die Straße von Hormus gegeben.© AFP | MANDEL NGAN

„Wie soll das jemals die Benzinpreise senken?“

Verspricht Trumps Gegenblockade also Erfolg? Sie kann Schiffe abschrecken. Das sieht man schon daran, dass Tanker kehrtmachen. Sie kann Irans Ausfuhren erschweren, die Einnahmen drücken und China nervös machen. Aber: Irans Führung hat bislang auf Druck stets mit Gegengewalt reagiert. Teheran verfügt über schwimmende Ölvorräte von 200 Millionen Barrel, asymmetrische Mittel und die Fähigkeit, Partner der USA zu treffen. Vor allem aber ist die Operation offen, teuer und politisch widersprüchlich. Sie soll die Ölpreise senken, treibt sie aber zunächst nach oben. Der demokratische Senator Mark Warner hat dafür den eindrücklichen Satz gefunden: „Wie soll das jemals die Benzinpreise senken?“

Bei alledem wäre Trump, der mit dem Nato-Austritt liebäugelte, weil kein Nato-Land ihm in der aktiven Kriegsphase helfen will, erneut auf sich gestellt. Australien und Großbritannien haben am Montag bereits erklärt: Trumps Projekt Hormus – nicht mit uns. Andere werden folgen.