Es rauscht und brummt in der Produktionshalle. Teams aus zwei, drei, vier Mitarbeitenden prüfen, ob alle Kabel sauber arbeiten. Wie im Bienenstock stehen die Facharbeiter beieinander, 7000 Menschen arbeiten am Standort des Automobilzulieferers SE Bordnetze in Rabat. Bundesaußenminister Johann Wadephul schreitet durch die Halle, lässt sich Stränge mit lauter bunten Kabeln zeigen und darf selbst einmal probeweise sicherstellen, dass alles funktioniert.
Über 300 deutsche Unternehmen investieren in Marokko und treffen auf eine junge, gut ausgebildete Bevölkerung. Zugleich sind marokkanische #Fachkräfte eine wichtige Stütze in Berufen, in denen es in Deutschland an Arbeitskräften mangelt, etwa im Gesundheits- & Pflegebereich.(3/4) pic.twitter.com/g26Aycx8yx
— Johann Wadephul (@AussenMinDE) 29. April 2026
Es sind zahlreiche junge Menschen, die bei SE Bordnetze einen Job gefunden haben. Die Jugendarbeitslosigkeit in Marokko ist mit rund 37 Prozent erschreckend hoch. Unter jungen Akademikern liegt sie bei 19 Prozent. Experten sehen den Grund vor allem darin, dass die Bildungsinhalte in Schule und Universität nicht mehr zum Arbeitsmarkt passen, zu wenig praxisorientiert sind und zu wenige Jugendliche sich für eine Ausbildung entscheiden.
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Marokko: Jugendliche finden keine Jobs
Viele von ihnen gehen vom dürregeplagten Land in die Städte. Doch auch dort gibt es nicht genügend Jobs für sie. Johann Wadephul erkennt darin eine Chance für Deutschland: Gut ausgebildete Marokkanerinnen und Marokkaner könnten den Fachkräftemangel bei uns lindern, etwa im Gesundheits- und Pflegebereich.
Es ist das erste Mal seit 2024, dass ein hochrangiger deutscher Minister Station in Marokko macht. Und er ist mit einer Mission gekommen, mit mehr als einem freundlichen Antrittsbesuch: Die Beziehungen zu dem nordafrikanischen Land sollen deutlich ausgebaut werden. Es fungiert als Bindeglied zwischen Nordafrika und Europa. „Schon jetzt“, sagt der Minister vor Ort, „ist Marokko unser zweitwichtigster Handelspartner auf dem afrikanischen Kontinent.“ Über 300 deutsche Unternehmen investierten bereits in Marokko. Wadephul reist mit einer großen Wirtschaftsdelegation und mehreren Bundestagsabgeordneten an.
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Zahl der Arbeitsvisa für Marokkaner hat sich verzehnfacht
Gerade auch in der Migrationspolitik intensiviert Berlin seine Kooperation mit Rabat. Im August 2022 verständigten sich beide auf eine erweiterte Partnerschaft. Zwei Jahre später folgten regelmäßige Treffen zwischen Beamten beider Länder. Ziel: sowohl die Zahl der Rückführungen aus Deutschland zu erhöhen als auch die Fachmigration aus Marokko nach Deutschland zu fördern. Seit 2020 hat sich die Zahl der vergebenen Arbeitsvisa für Marokkaner mehr als verzehnfacht. Dies dürfte allerdings auch am 2023 weiterentwickelten Fachkräfteeinwanderungsgesetz liegen und nicht nur am Dialog mit Rabat, sagt Isabelle Schäfer von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) dieser Redaktion.

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Aus ihrer Sicht müsste sich strukturell einiges verändern, wenn Deutschland mehr Fachkräfte aus Marokko gewinnen möchte. „In dem Bereich der Fachkräftemigration hakt es beispielsweise noch an den Visavergabeprozessen, die lange dauern können.“ Auch die „langwierige Anerkennung von Qualifikationen und die Sprachanforderungen“ sieht Schäfer als zentrale Probleme. Es gibt zwar Deutschkurse in Marokko, aber bislang nicht genug. Außenminister Wadephul kündigte in Rabat einen neuen Masterstudiengang Deutsch an.
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Marokko: Deutschland könnte von EU-Partnern lernen
Laut der Wissenschaftlerin könnte Deutschland von Frankreich und Spanien lernen. Beide Länder haben großen Zulauf aus Marokko. „Die deutsche Auslandsvertretung in Marokko könnte zum Beispiel in Stoßzeiten temporär mehr Personal erhalten, um Anträge von Studierenden vor dem Wintersemester zu bearbeiten“, sagt Schäfer. Gleichzeitig wertet sie den Ansatz der Bundesregierung als positiv: „Das Beispiel Marokko zeigt, wie wichtig es ist, dass das Partnerland das Format der Migrationskooperation aktiv mitgestaltet.“ Durch die regelmäßigen persönlichen Begegnungen zwischen Beamten ist aus ihrer Sicht viel Vertrauen geschaffen worden.
Die Bundesregierung hofft auf eine Win-win-win-Situation: Die Fachkräftemigration soll sowohl dem einzelnen Menschen helfen als auch Deutschland als Zielland, aber auch Marokko als Herkunftsland, das die Migranten entweder wirtschaftlich unterstützen oder, wenn sie zurückgekehrt sind, mit ihrem Fachwissen wieder bereichern können.
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Migranten aus Marokko: Ein neues Kapitel soll aufgeschlagen werden
Wenn man in Deutschland etwas über Migranten aus Marokko liest, hat es oft mit Booten auf dem Mittelmeer zu tun, mit den in den 90ern hochgezogenen Grenzzäunen um das spanische Ceuta und das marokkanische Melilla. Menschen, die illegal über die europäischen Grenzen einreisen. Menschenrechtler sprechen von der „Festung Europa“ und beklagen die Tausenden Toten, die die gefährlichen Routen übers Mittelmeer bis jetzt gefordert haben.
Europa ist in den vergangenen Jahren stringenter geworden in seiner Abschottung. Es versucht, stärker zu regulieren, wer wie lange rein darf und wer nicht. Dazu hat die Europäische Union eine Reihe von bilateralen Abkommen abgeschlossen. Als die Schlepper und die Migranten dazu übergingen, mit ihren klapprigen Booten von Guinea, Algerien oder Mauretanien aus abzulegen, traf die EU auch mit diesen Staaten Vereinbarungen. Die Zahl der illegal einreisenden Migranten ging spürbar zurück. „Ob dies aber ein nachhaltiger Ansatz ist“, schreibt Forscherin Schäfer auch in einem aktuellen DGAP-Bericht, „muss sich zeigen.“ Deutschland schob 2025 835 Marokkaner ab, 2024 waren es 385.
Nach den Übergriffen in der Kölner Silvesternacht von 2015/2016 waren junge Marokkaner in den Fokus geraten. Von den ersten 19 als tatverdächtig Identifizierten stammten 13 aus Marokko. Viele der Verdächtigen waren kurz zuvor als Asylbewerber nach Deutschland gekommen oder hielten sich illegal im Land auf.
Dieses Kapitel, das wird auch beim Besuch des Außenministers in Rabat deutlich, soll endgültig abgeschlossen werden. Stattdessen bemühen sich beide Länder um eine wohlabgewogene Migrationspolitik.











