In der Straße von Hormus brannte am Wochenende nicht nur ein Schiff, sondern die ganze Logik des Waffenstillstands zwischen den USA und dem Iran. Der Tanker „Kiku“, unter panamaischer Flagge und mit mehr als zwei Millionen Barrel Rohöl beladen, wurde nahe der Meerenge getroffen. Sofort lief in Washington und Teheran derselbe Satz an: Der jeweils andere habe gebrochen, was vor zwei Wochen in der Schweiz vereinbart worden war. Anstatt sich umgehend diplomatisch zu verständigen, lassen die Vereinigten Staaten und der Iran nun schon seit vier Tagen wieder wechselseitig Raketen fliegen. Kann das militärische „Wie du mir, so ich dir“ die Bemühungen um eine nachhaltige Beilegung des Konflikts zum Entgleisen bringen?
- Teil 1: „Niemand stellt sich den echten Krieg vor – bis zur ersten Bombe“
- Teil 2: „Im Moment kann ich nur träumen von den Tagen ohne Angst“
- Teil 3: „Es wirkt, als sei die ganze Stadt in Schwarz gehüllt“
- Teil 4: „Ich denke an den Alltag und die kleinen Schönheiten“
- Teil 5: „Hier stirbt man nicht nur durch den Einschlag einer Granate“
Angriff und Gegenangriff
Erst attackierten iranische Kräfte nach amerikanischer Darstellung das Containerschiff „Ever Lovely“ auf einer Route nahe der omanischen Küste. Am Freitag schlugen US-Flugzeuge gegen iranische Raketen- und Drohnenlager sowie Küstenradare zurück. Am Samstag folgte der Angriff auf die „Kiku“. Danach trafen die USA erneut Überwachung, Kommunikation, Luftabwehr, Drohnenlager und Minenleger. Das für den Krieg zuständige Centcom-Kommando formulierte den Vorwurf knapp: Iran habe „die Chance gehabt, das Waffenstillstandsabkommen einzuhalten“, sich aber anders entschieden.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Teheran antwortete mit Vergeltungssprache. Die Revolutionsgarden erklärten, sie hätten amerikanische Ziele in Bahrain und Kuwait angegriffen, darunter Bahrains US-Marinestützpunkt und der Luftwaffenstützpunkt Ali Al Salem in Kuwait. Bahrain meldete Drohnenalarm, Kuwait den Abschuss zweier ballistischer Raketen. Nach Angaben der Regierungen gab es keine Opfer; auch aus US-Kreisen hieß es: keine größeren Schäden.

Die Propaganda läuft mit. Iranische Bilder zeigten Flugkörper mit Botschaften an Trump. Auf einer stand: „Der einzige Erfolg Trumps ist der gestiegene Umsatz amerikanischer Sarg- und Rollstuhlhersteller für seine Soldaten in diesem verlorenen Krieg.“ Sie zeigen, wie sehr Teheran Trumps größte innenpolitische Schwäche treffen will: die Angst vor neuen amerikanischen Toten in einem Krieg, den er beendet haben will.
Unscharfes Abkommen
Der Kern liegt in einer Unschärfe des Abkommens. Das Memorandum verpflichtet Iran, 60 Tage lang „mit größtmöglichem Einsatz“ für sichere Durchfahrt in der Seestraße von Hormus zu sorgen. Washington liest den Satz als Verpflichtung, die freie Passage durch eine internationale Wasserstraße zu gewährleisten. Teheran liest ihn als Anerkennung seiner faktischen Kontrollmacht. Stunden vor dem Angriff auf die „Ever Lovely“ warnte Irans Meerenge-Behörde: Nur von Teheran bestimmte Routen seien sicher.
Damit ist Hormus wieder das Schlüsselinstrument, das der Iran seit Kriegsbeginn Ende Februar nie aus der Hand gegeben hat. Etwa ein Fünftel des weltweiten Rohöls ging vor dem Konflikt durch diese Wasserstraße. Sie muss nicht ganz geschlossen sein, um zu wirken. Es reicht, wenn Versicherer, Reeder und Kapitäne neue Risikorechnungen anstellen – auf dieser Grundlage: Das „Joint Maritime Information Center” erhöhte am Wochenende die Bedrohungslage. Die Internationale Seeschifffahrtsorganisation (IMO) stoppte zeitweise Evakuierungen festsitzender Schiffe.
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Iranisches Kalkül: Grenzen testen
Die politische Frage lautet: Testet Iran nur die Grenzen? Analysten neigen zu dieser Lesart. Iran-Kennerin Nicole Grajewski sagte der New York Times, das Interimsabkommen habe auf „bewusst flexible Formulierungen“ gesetzt, weil es anders wohl nicht zustande gekommen wäre. „Doch Flexibilität besteht nur so lange, wie beide Seiten denselben vagen Bestimmungen ähnliche Bedeutungen beimessen.“ Gregory Brew von der Eurasia Group beschreibt Irans Kalkül: Wenn schon kleine militärische Aktionen reichen, um Schiffe von der Oman-Route auf iranisch kontrollierte Wege umzulenken, warum sollte Teheran es nicht versuchen?

Auch Washington testet. Die US-Schläge waren hart, aber begrenzt. Sie sollten Irans Fähigkeit treffen, Schiffe anzugreifen, aber keinen großen Krieg eröffnen. Vize-Präsident JD Vance schrieb: Wenn Iran Probleme mit der Auslegung des Memorandums habe, könne es „zum Telefon greifen“.
Donald Trump hält sich mit solchen Details nicht auf, er greift zur verbalen Axt. „Es könnte ein Punkt kommen, an dem wir nicht mehr in der Lage sind, vernünftig zu sein, und gezwungen sein werden, die Aufgabe, die wir sehr erfolgreich begonnen haben, militärisch zu Ende zu bringen. Wenn das geschieht, wird die Islamische Republik Iran nicht mehr existieren”, schrieb der US-Präsident. Das ist zum wiederholten Mal eine Vernichtungsdrohung.
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Revolutionsgarden drohen zurück
Aber was soll das? Die „Aufgabe militärisch zu Ende zu bringen“, hieße mehr als ein paar neue Luftschläge. Es hieße, ein Regime in einem Land von 90 Millionen Einwohnern zu zerschlagen, Revolutionsgarden, Raketen, Marine, Milizen und Sicherheitsapparate zu neutralisieren und danach eine politische Ordnung zu erzwingen. Dafür gibt es in Washington weder Plan noch Mehrheit. Trump will Härte zeigen, ohne in einen Bodenkrieg zu rutschen. Der Iran verhält sich spiegelbildlich. Die Revolutionsgarden erklärten am Sonntag, dass amerikanische Stützpunkte in der Region „in diesen Tagen die Hölle durchleben werden“. Die wechselseitigen Drohungen beschreiben „eher Eskalationsrhetorik als Kriegsdoktrin”, sagen Iran-Experten in Washington.
Aber sie warnen: Eine Rakete, die ihr Ziel verfehlt und wirklichen Schaden anrichtet, ein Kommandeur, der die roten Linien und Signale des Gegners falsch einschätzt – das Ping-Pong-Spiel von begrenzten Angriffen und Gegenangriffen könne schnell kippen und den fragilen Waffenstillstand vollends von innen auffressen.
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Gibt es keine Hotline für Hormus?
Auch deshalb hängt die Schweizer Verhandlungsphase in der Luft. Dort sollten die offenen Punkte des Iran-Deals ausbuchstabiert werden: Atominspektionen, Anreicherung, Sanktionen, Öl, Hormus. Nun müssen die Unterhändler zunächst verhindern, dass aus der Meerenge wieder ein Kriegsschauplatz wird.
Die iranische Seite bestreitet, dass es die von Vance behauptete Hotline in Sachen Hormus gibt. Ein früherer iranischer Militärkommandeur warnte: „Die Reaktion auf den Verstoß gegen jeglichen Artikel des Memorandums wird schnell und entschlossen ausfallen.“

Am Ende hängt auch der Libanon an diesem Faden. Am Freitag hatten Washington, Israel und Libanon ein Rahmenabkommen präsentiert: israelischer Rückzug aus Teilen des Südlibanon, Kontrolle durch die libanesische Armee, Entwaffnung nichtstaatlicher Gruppen, vor allem der Hisbollah. US-Außenminister Marco Rubio nannte es „den Anfang des Anfangs“.
Doch Hisbollah-Chef Naim Qassem erklärte das Abkommen schon am Samstag für „null und nichtig“. Israel flog erneut einen Drohnenschlag; Libanons Gesundheitsministerium meldete einen Toten. Auch dort ist die Wahrheit ernüchternd: Abkommen werden unterschrieben, aber bewaffnete Akteure halten sich nicht daran.






