Er hat es wirklich so gesagt: „Norwegen ist scheiße. Norwegen ist tatsächlich zu einem Scheißhausland geworden.“ So spricht Amerikas Präsident Donald Trump über einen wichtigen Verbündeten in Europa. Der 80-Jährige steht am Sonntagabend in Port Huron, Michigan, vor seinen Anhängern und klagt zum x-ten Mal darüber, dass ihm der Friedensnobelpreis verweigert wurde. Statt seiner sei eine Frau ausgezeichnet worden, „von der noch nie jemand gehört hat“. Er zuckt mit den Schultern: „Ich sage nur die Wahrheit.“ Im Saal wird vereinzelt gelacht.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Einen Tag zuvor hatte Trump im Südstaat Georgia noch gefragt, warum Amerika nicht mehr Menschen aus Norwegen, Schweden oder Dänemark statt aus „Scheißhausländern“ wie Somalia aufnehme. Gestern Vorbild, heute Schimpfwort? Solche irren Wendungen prägen die letzten Wahlkampftage seiner Karriere.

Neun Tage vor den „Midterms” am 3. November reist Trump, erkennbar alt und fahrig geworden, von Bühne zu Bühne. Er beschwört die Gefahren des Kommunismus (wenn die Demokraten gewinnen), rechnet gnadenlos mit seinen Gegnern ab, springt von Thema zu Thema und ergibt sich den Kränkungen des Augenblicks.

Trump über Nicki Minaj: „Der ist schwer zu übersehen“

In Michigan schlägt der Ton irgendwann ins Bedrohliche um. Trump nennt den demokratischen Senatskandidaten Abdul El-Sayed einen „bösartigen Dschihadisten“ und behauptet, der Mediziner gehöre der radikal-islamischen Muslimbruderschaft an. Belege liefert er nicht. El-Sayed, in Michigan geboren, weist die Vorwürfe seit Wochen zurück. Trump zieht sogar die Terroranschläge vom 11. September 2001 heran: Wie sich damals Passagiere im entführten Flugzeug 93 gegen die Terroristen gewehrt hätten, so müsse Michigan nun El-Sayed bekämpfen.

Die Gleichsetzung geht weit über Wahlkampfpolemik hinaus. Schon am 10. Oktober hatte Trump den Kandidaten absichtlich „Mohammed“ genannt. Auf den Hinweis, der Mann heiße Abdul, erwiderte er: „Ich bin der Präsident. Ich kann ihn nennen, wie zum Teufel ich will.“

In Port Huron stellt Trump zudem die Verfassungsrechte der aus Somalia stammenden demokratischen Abgeordneten Ilhan Omar infrage, deren Ausweisung er verlangt. Und als er die schwarze West-Coast-Rapperin Nicki Minaj auf seiner Bühne begrüßt, entfährt ihm das hier: „Übrigens, ich habe mir schon mal einen verdammt schönen Arsch angeschaut – den von Nicki Minaj. Der ist schwer zu übersehen! Steh auf! Der ist wirklich schwer zu übersehen!“ All das spielt sich vor laufender Kamera in einer einzigen Rede ab.

„Sie sind eine dumme Person“

Ähnlich geht es im Kontakt mit den Medien zu. Als CNN-Korrespondentin Kaitlan Collins am Mittwoch nach dem Aussetzen von Russland-Sanktionen fragt, schnauzt Trump sie an: „Sie haben keine Ahnung, wovon Sie reden. Sie haben einen niedrigen IQ. Sie sind eine dumme Person, und Sie arbeiten für CNN.“

Kurz darauf will ABC-Reporterin Karen Travers dasselbe Thema aufgreifen. „Sind Sie eine dumme Person? Für wen arbeiten Sie?“, fragt er zurück. Auf ihre Antwort folgt: „Sie sind eine dumme Person. Und Ihr Sender ist übrigens der schlimmste überhaupt.“ Das Weiße Haus verbreitet Ausschnitte solcher Szenen selbst – versehen mit beißendem Spott über die Reporterinnen.

President Trump Holds Rally For Michigan Republican Candidates In Port Huron
Wo Donald Trump ist, sind die Gegendemonstranten nicht weit. Hier eine Szene aus Port Huron/Michigan - Getty Images via AFP.© AFP | Alex Wong

Einen Tag zuvor hatte Trump den Journalisten Andrew Feinberg im Oval Office angefahren: „Was stimmt nicht mit Ihnen? Sind Sie krank?” Auch hier ging es um eine unbequeme Frage. Trumps Medienverachtung ist nicht neu. Auffällig ist die Häufung der Beschimpfungen und deren Grobschlächtigkeit. Seine Anhänger mögen darin Authentizität erkennen. Die Mehrheit der Amerikaner sieht unpräsidiale Vulgarität.

Trumps mentale Verfassung wird wieder zum Thema – alles Teil des Plans?

Sind das Zeichen geistigen Abbaus? Aus Fernsehaufnahmen, Versprechern oder abrupten Themenwechseln lässt sich keine seriöse Diagnose ableiten. Trumps Stil war lange vor seinem 80. Geburtstag sprunghaft, persönlich und aggressiv. Auch seine Absichten bleiben von außen nicht sicher erkennbar. Dass die Eskalation politisch nützlich sein soll, ist jedoch eine plausible, von Fachleuten beschriebene Erklärung.

Democratic US Senate candidate Dr. Abdul El-Sayed and Senator Bernie Sanders hold a "Michigan First" mirterm rally
Der demokratische Senats-Kandidat Abdul El-Sayed in Michigan steht auf Trumps „Fahndungsliste“ ganz weit oben. Er nennt den Arzt einen „Dschihadisten“ (vulgo: Gotteskrieger).© AFP | Jeff Kowalsky

Der Historiker Julian Zelizer von der Princeton University sieht in einem Beitrag für „Foreign Policy“ eine Strategie, die an Richard Nixons Wahlkampf 1970 erinnert. Statt Unentschlossene mit einem überzeugenden Programm zu gewinnen, werde der Widerwille gegen die Gegenseite angeheizt. Zelizer warnt, Politiker könnten so die schlimmsten Gefühle zwischen den politischen Lagern bewusst verstärken und verfestigen. Was kurzfristig die eigene Basis mobilisiert, beschädigt langfristig die Fähigkeit zur demokratischen Verständigung.

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Friedrich und Ilse – geht da was?
Rambo Zambo – Der Merz-Podcast
 

Trump will lieber mit Pöbeleien punkten

Hinzu kommt der Druck der Zahlen. Eine aktuelle Erhebung von „Washington Post“, ABC und Ipsos sieht Trumps Zustimmung bei nur noch 33 Prozent. Sein Krieg gegen Iran, hohe Benzinpreise und die Lebenshaltungskosten belasten die Regierungspartei. Trumps Auftritte zielen vor allem darauf, die eigenen Leute zur Wahl zu bewegen. Angst vor vermeintlichen inneren Feinden kann dabei wirksamer erscheinen als eine Bilanz des Regierens.

News aus den USA

Der Präsident liefert selbst den Widerspruch: Einerseits spricht er über wirtschaftliche Erfolge und verspricht Entlastung. Andererseits schiebt er binnen Sekunden Somalia, den Nobelpreis, Grönland oder die körperlichen Merkmale von Unterstützern ins Zentrum seiner Rede. Das Publikum klatscht oft trotzdem, anstatt den Hassprediger auszubuhen. Vielleicht ist genau das der Mechanismus: Wer gewohnt ist, für jede Provokation gefeiert zu werden, hat wenig Anlass, sich zu mäßigen. Im Gegenteil. Trumps Grenzüberschreitungen werden täglich gravierender.