- Chronischer Stress schadet unserer Gesundheit
- Mit einfachen Mitteln können wir gegensteuern
- Ein Mediziner verrät im Interview, welche das sind
Mit 49 Jahren erfuhr Dr. Felix Bertram, dass sein biologisches Alter bei 74 Jahren lag – ein Weckruf für den Mediziner, dessen bisheriger Alltag von viel Stress und ungesunden Lebensgewohnheiten geprägt war. Er begann, sein Leben radikal umzukrempeln und befasste sich mit der Longevity-Forschung (dt.: Langlebigkeit), die darauf abzielt, ein aktives und gesundes Leben bis ins hohe Alter zu ermöglichen.

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Innerhalb eines Jahres schaffe Bertram es, sein biologisches Alter um fünf Jahre zu verringern. Eine zentrale Rolle dabei spielte das Reduzieren von Stress. Seine Recherchen und Erkenntnisse hat er in seinem Buch „Hacking Age“ (GU Verlag, 2025) festgehalten. Im Interview erzählt er, wann Stress schädlich wird, wie man seine Resilienz stärkt und welche Rolle soziale Beziehungen und Nahrungsergänzungsmittel bei der Stressbewältigung spielen.
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Herr Bertram, was ist Stress aus medizinischer Sicht?
Dr. Felix Bertram: Stress ist an sich kein prinzipiell negatives Konzept. Es gibt positiven Stress, auch „Eustress“ genannt, der uns antreiben kann, beispielsweise wenn wir intensiv an einem spannenden Projekt arbeiten. Auf der anderen Seite gibt es negativen Stress, auch „Distress“ genannt. Der kann zum Beispiel entstehen, wenn man wenig Autonomie hat und in einem Arbeitsverhältnis steckt, das einen belastet. Problematisch wird es, wenn Stress chronisch wird und im Körper dauerhaft eine erhöhte Cortisol-Ausschüttung auslöst. Das führt zu gesundheitlichen Folgen wie einer gestörten Insulinsensitivität, einem erhöhten Blutdruck und gesteigerten Entzündungsreaktionen. Langfristig können Herz-Kreislauf-Erkrankungen und andere Probleme die Folge sein.
Stress kann tatsächlich auch positiv sein?
Bertram: Absolut. Kurzfristige Stresssituationen können uns dazu motivieren, neue Herausforderungen anzugehen oder produktiv zu arbeiten. Wenn jedoch unser „Motor“ dauerhaft läuft und wir diesen Zustand nicht durch Pausen unterbrechen, schlägt Stress ins Negative um.
Gibt es Menschen, die von Natur aus resistenter gegenüber Stress sind?
Bertram: Ja, das ist tatsächlich der Fall. Es hängt stark von unserer Persönlichkeit und unserem Hintergrund ab: Menschen mit einer guten Stressregulation können selbst unter hoher Verantwortung abschalten. Faktoren wie das Vertrauen in sich selbst, eine sichere Bindung in der Kindheit oder der Umgang mit Verantwortung spielen hier eine Rolle. Jene, die Stress schwerer bewältigen, können aber ihre Resilienz stärken – zum Beispiel durch Sport, Schlaf, Meditation oder andere stressreduzierende Techniken.
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Stress abbauen: Diese Tipps von Dr. Felix Bertram helfen
Wie genau lässt sich Resilienz stärken und schädlichem Stress vorbeugen?
Bertram: Stressbewältigung ist sehr individuell. Manche Menschen sind empfänglich für Meditation, anderen hilft Sport, Yoga oder kreative Aktivitäten wie Musizieren. Ich selbst bevorzuge Bewegung – Fahrradfahren ist meine Form von Meditation.
Wichtig ist in jedem Fall: Stress sollte durch regelmäßige Pausen unterbrochen werden. Beispielsweise kann man während eines stressigen Tages alle zwei Stunden bewusst abschalten – durch einen kurzen Spaziergang, Atemübungen oder Meditation, je nach persönlicher Präferenz. Wichtig ist auch, die Nacht zur Erholung zu nutzen und in stressigen Phasen ausreichend zu schlafen. Techniken wie Journaling oder „Reframing“ – also seine Situation von außen zu betrachten – kann zusätzlich helfen, Stress zu reduzieren.
Welche Rolle spielen soziale Beziehungen in der Stressbewältigung?
Bertram: Gute Beziehungen sind ein starker Stresspuffer. Wissenschaftlich ist nachgewiesen, dass der Cortisolspiegel sinkt, der Blutdruck abnimmt und positive Hormone freigesetzt werden, wenn wir uns in guten, stabilen Beziehungen befinden – sei es durch Gespräche, gemeinsames Essen oder Zeit mit einem Haustier. Einsamkeit hingegen kann Stress verstärken. Menschen in stabilen Beziehungen leben Studien zufolge nicht nur weniger gestresst, sondern auch länger.

Nahrungsergänzungsmittel: Welche Supplements sind bei Stress empfehlenswert?
In Ihrem Buch berichten Sie von einem wöchentlichen „Meeting mit sich selbst“ als Strategie gegen Stress. Wie genau funktioniert das?
Bertram: Das ist eine Methode, die mir persönlich sehr geholfen hat. Jeden Freitag nehme ich mir mindestens eine Stunde Zeit zum Reflektieren und gehe drei Lebensbereiche durch: Gesundheit, Beziehungen und persönliche Entwicklung. So habe ich zum Beispiel erkannt, dass ich bei der Arbeit viele Aufgaben ausführe, die weder meine Stärke sind, noch mir Freude bereiten. Daraufhin habe ich Veränderungen vorgenommen: Ich habe beispielsweise einen neuen CEO installiert und mich mehr auf strategische Aufgaben konzentriert, die mir liegen und meine Firma voranbringen.
Diese Methode kann auch helfen, Beziehungen zu hinterfragen. Es gibt Menschen, die sich aufreiben, weil sie es allen recht machen wollen, und dabei eigene Bedürfnisse vergessen. Im „Meeting mit sich selbst“ kann man klarstellen, was die eigenen Bedürfnisse sind, ob Grenzen gezogen werden sollten und welche Aktivitäten oder Kontakte einen eigentlich eher stressen, als Freude bereiten. Ist das der Fall, sollte man überlegen, Abstand zu nehmen.

Wie sieht es mit Supplements als Unterstützung gegen Stress aus?
Bertram: Glycin oder Magnesium können bei einigen Menschen möglicherweise den Schlaf fördern oder die neuromuskuläre Aktivierung reduzieren und beim Herunterfahren helfen. Aber ein alleiniger „Wundereffekt“ ist hier nicht zu erwarten. Ganz gefährlich wird es, wenn ich Mittel wie Alkohol oder Medikamente wie Valium einsetze, um zu entspannen. Diese können zwar kurzfristig helfen, aber langfristig abhängig machen und die Situation verschärfen. Ein gesunder Lebensstil aus Bewegung, Schlaf und gesunder Ernährung bleibt die beste Strategie.
Dieser Artikel wurde erstmals im Dezember 2025 veröffentlicht.











