Der Abend hat bei vielen Menschen seine eigenen Rituale. Ein Tee soll beruhigen, ein Spray aufs Kissen beim Abschalten helfen, eine Kapsel den Körper auf Schlaf einstellen. Dass der Markt für solche Helfer seit Jahren wächst, ist kein Zufall. Viele Menschen suchen nach einem einfachen Weg, aus Erschöpfung, Unruhe und durchwachten Nächten einen erholsamen Schlaf zu machen. Nun kommt aus den USA die vielleicht überraschendste Variante bisher. Dort sind es sogenannte Schlafsnacks, die müden Menschen eine erholsame Nacht bescheren sollen.

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Schlafsnacks im Trend: Wie „Nightcap“ zum Geschäft wurde

Zu den bekanntesten Marken gehört Alice Mushrooms. Das Start-up wurde 2022 von Charlotte Cruze und Lindsay Goodstein gegründet. Ihr Produkt „Nightcap“ spielt auf den englischen Begriff für einen kleinen Absacker vor dem Schlafengehen an. Tatsächlich ist es aber kein Getränk, sondern eine dunkle Schokolade, die unter anderem mit Reishi-Pilz angereichert ist und beim Einschlafen helfen soll. Laut „BBC“ ist „Nightcap“ inzwischen in rund 2000 Geschäften in den USA erhältlich.

Der Erfolg von „Nightcap“ verweist auf ein größeres Bedürfnis. Eine Umfrage von Sleepopolis unter 1003 Erwachsenen in den USA ergab, dass 47 Prozent derzeit irgendeine Form von Schlafhilfe nutzen. Besonders gefragt seien natürliche Mittel wie Melatonin oder Magnesium, also Präparate, die vielen als sanftere Alternative zu klassischen Medikamenten gelten.

In Deutschland zeigt die „Schlafstudie 2024“ der Betriebskrankenkasse Pronova BKK ein ähnliches Bild: Fast ein Viertel der Bevölkerung nimmt ärztlich verordnete Schlafmittel ein. Und oft bleibt es nicht bei einer kurzfristigen Hilfe. Nach Angaben der 2000 bundesweit befragten Erwachsenen greift etwa jeder Fünfte, dem solche Mittel verschrieben wurden, bereits seit mehr als vier Jahren darauf zurück. Produkte wie „Nightcap“ stoßen also auf einen Markt, in dem die Nachfrage längst da ist. Sie geben ihr nur eine neue, gefälligere Form.

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Inhaltsstoffe für besseren Schlaf: Was in den Schoko-Pilzen steckt

Die Rezeptur von „Nightcap“ liest sich wie ein Best-of der Wellnessindustrie. Im Mittelpunkt steht Reishi, ein Pilz, der in der traditionellen asiatischen Medizin seit Langem verwendet wird und als beruhigend gilt. Dazu kommt Kamille, die viele als klassischen Abendtee kennen. Ergänzt wird die Mischung durch Magnesium und Zink. Magnesium wird oft mit Entspannung in Verbindung gebracht, Zink mit wichtigen Stoffwechselvorgängen. In Schlafprodukten sollen beide außerdem die natürliche Bildung von Melatonin unterstützen. Dieses Hormon steuert den Schlaf-Wach-Rhythmus. Hinzu kommt L-Theanin, eine Aminosäure aus grünem Tee, die den Körper beruhigen und innere Unruhe dämpfen soll.

Auf dem Papier ergibt das einen raffiniert komponierten Cocktail. Doch eine eingängige Zutatenliste ist noch kein Beleg dafür, dass ein Produkt tatsächlich wirkt.

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Schlafmittel-Wirkung: Was Studien zu Melatonin und Magnesium zeigen

Wissenschaftlich ist die Wirksamkeit nicht bei jedem dieser Stoffe gleich gut abgesichert. Am besten untersucht ist Melatonin. Eine Metaanalyse von 2023 im „Journal of Sleep Research“ wertete 22 Studien mit 4875 Personen aus. Die Autoren berichten, Melatonin könne vor allem die Einschlafzeit verkürzen; bei Schlafdauer und Schlafqualität seien die Effekte weniger eindeutig.

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Auch für Magnesium gibt es Hinweise auf eine positive Wirkung, allerdings auf schmalerer Datenbasis. In einer doppelblinden, placebokontrollierten Studie aus Teheran erhielten 2012 insgesamt 46 ältere Menschen mit Schlafstörungen über acht Wochen täglich 500 Milligramm Magnesium oder ein Scheinpräparat. Laut den Forschern verbesserten sich in der Magnesium-Gruppe sowohl die Einschlafzeit als auch die Schlafqualität. Insgesamt sei die Studienlage jedoch noch zu schwach, um daraus verlässliche Empfehlungen abzuleiten.

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Schlafsnacks: Was Kamille, L-Theanin und Reishi wirklich können

Schwächer wird die Evidenz bei den weicheren Wellness-Zutaten. Eine randomisierte Studie von 2016 aus Taiwan, durchgeführt von Forschenden der Fooyin University und der National Cheng Kung University, untersuchte 80 Frauen nach der Geburt. Zwei Wochen Kamillentee linderten die Schlafprobleme zunächst, vier Wochen später war der Vorsprung jedoch weitgehend verschwunden.

Auch bei L-Theanin ist das Bild gemischt. Eine systematische Übersichtsarbeit von 2025 kommt zu dem Schluss, dass L-Theanin den Schlaf unterstützen könne – meist allerdings in Mengen von 200 bis 450 Milligramm täglich. Genau hier liegt das Problem: Solche Dosen liegen oft über dem, was in Schokolade oder Getränken steckt. Melanie Stearns von der University of South Florida sagte der „BBC“, die schlaffördernden Vorteile von L-Theanin in Produkten wie Schokolade oder Snackriegeln seien „nicht gut untersucht“, deshalb solle man „keine dramatischen Effekte erwarten“.  

Noch dünner ist die Studienlage bei Reishi. Zwar gibt es Übersichtsarbeiten und einzelne kleine Studien aus China, in denen Patienten von verbessertem Wohlbefinden und geringerer Müdigkeit berichteten. Ein großer Teil der Forschung beruht aber weiterhin auf Tierversuchen oder sehr kleinen Untersuchungen am Menschen. Für klare Versprechen reicht das nicht. 

Was bleibt, ist ein Befund ohne Wunder. Einige Inhaltsstoffe könnten helfen, manche wohl nur leicht, andere nur unter bestimmten Voraussetzungen. Der große Schlaf aus der Snackpackung ist wissenschaftlich bisher jedenfalls nicht belegt.