Corona beflügelt in Jena die Gartenlust

Jena.  Corona hat auch diesen Effekt: In Jena ist die Nachfrage nach Kleingärten so groß wie nie.

Diese Mohnblumenpracht! Christa und Ehrenfried George am Dienstag in ihrem frühabendlichen Kleingarten im Verein Talstein in Jena-Ost.

Diese Mohnblumenpracht! Christa und Ehrenfried George am Dienstag in ihrem frühabendlichen Kleingarten im Verein Talstein in Jena-Ost.

Foto: Thomas Stridde

Stefan Beyer kann es aus Sicht des Mitgliedes in der Jenaer Kleingartensparte „Schweizerhöhe“ bestätigen: Es zeichne sich eine „enorme Verjüngung“ bei den Mitgliedern ab, sagte er gegenüber unserer Redaktion. Mitunter „jeden zweiten Tag“ gebe es derzeit in seinem Verein leider negativ zu beantwortende Anfragen, ob noch eine Parzelle zu haben sei. Dabei zeichne sich das immer gleiche Muster ab: dass in der Regel junge Familien mit kleinen Kindern nachfragen.

Als FDP-Stadtrat und Mitglied des Kleingartenbeirates der Stadt sieht Beyer umso mehr den Konflikt befeuert, dass das wachsende Jena den Wohnbau vorantreibt und manch ein Stück Gartenland in den Blick der Stadtplaner gerät. Bebauung von bisherigen Kleingärten ohne Ersatzflächen könne es eh nicht geben, sagt Beyer, der bei der anstehenden Vorsitzenden-Wahl im Kleingartenbeirat kandidieren will. Ja, die Stadt komme wohl nicht umhin, mittelfristig weitere Flächen für Kleingärten auszuweisen.

Ein Garten ist jetzt Gold wert

„Wir haben keinen Leerstand.“ Damit liefert Holger Eismann das hiesige Gesamtbild zu Beyers Beobachtung. Eismann hatte bei der Jahreskonferenz des Kleingarten-Regionalverbandes im Frühjahr für den Vize-Vorsitz kandidieren wollen. Nachdem Corona die Konferenz torpediert und der überraschende Tod des Vorsitzenden Klaus Große alle Personalplanungen durchkreuzt hatte, gelangt Holger Eismann womöglich mit der laufenden Briefwahl an die Verbandsspitze.

Von Corona unabhängig habe der Verband die anstehende Flächennutzungsplan-Überarbeitung der Stadt unterstützt mit einer statistischen Erhebung zu den Kleingärten, erläuterte Eismann. Als eine der Planungsgrundlagen habe zuletzt eine Studie von 2013 gegolten, die die Kleingärtnerei als Sache der Älteren bei insgesamt sinkendem Bedarf an Parzellen eingestuft habe. „Das hat sich jetzt vollkommen ins Gegenteil verkehrt“, sagt Eismann. „Schon vor Corona hatten die meisten unserer Vereine Wartelisten.“ Und ja, die Pandemie-Zeit habe noch einmal einen erheblichen Zuwachs von Anfragen bewirkt. „Gerade jetzt ist ein Garten Gold wert, logisch.“

Nun bleibe abzuwarten, wie die ins Auge gefasste – und von Corona ausgebremste – Initiative zur verbesserten Bereitstellung von Ersatzgärten greift. Immerhin könne der Verband auf das gute Verhältnis mit den großen Flächeneigentümern wie Stadt, WG Zeiss und Ernst-Abbe-Stiftung bauen. 126 Vereine mit 5114 Parzellen (3371 in Jena, 1743 im SHK) gehören zum Verband.

„Viel Leerstand – das haut nicht mehr hin“, sagte Bürgermeister Christian Gerlitz (SPD). Doch verwies er auf die laufende Überarbeitung der Jenaer Gartenkonzeption, die prognostisch auf viele Jahre in die Zukunft weise. Gewiss, die Nachfrage sei innerhalb der letzten drei Monate explodiert. Doch bleibe noch Antwort auf die Frage zu suchen, ob der signalisierte Bedarf vor allem der „Corona-bedingten Sondersituation“ geschuldet sei, sagte Gerlitz. In eine Diskussion mit „ganz viel Bauchgefühl“ wolle er nicht einsteigen.