Meilensteine der Rundfunk-Kunst in der Bauhaus-Universität

Weimar  Die Bauhaus-Universität lädt ein in „Radiophonic Spaces“. Das fulminante Ausstellungsprojekt lässt überregional aufhorchen.

Nathalie Singer , Professorin für experimentelles Radio an der Bauhaus - Universität Weimar, in der Ausstellung "Radiophonic Spaces" in der Universitätsbibliothek Weimar.

Nathalie Singer , Professorin für experimentelles Radio an der Bauhaus - Universität Weimar, in der Ausstellung "Radiophonic Spaces" in der Universitätsbibliothek Weimar.

Foto: Wolfgang Hirsch

In einen diskreten Klang­erlebnis-Raum hat sich unversehens das Foyer der Universitäts-Bibliothek Weimar verwandelt: Nach Basel und Berlin macht die Exposition „Radiophonic Spaces“, von Studierenden der Bauhaus-Universität unter Leitung Nathalie Singers gestaltet, nun im eigenen Hause Station. Sie teilt die Besucher des Büchertempels in zwei Gruppen: jene, die nach optischen Reizen – Lektüre – trachten, und solche, die verklärten Blicks in magischen Sphären der Radiokunst schwelgen. Letztere erkennt man daran, dass sie Kopfhörer tragen; ansprechen sollte man sie möglichst nicht. Denn sie befinden sich gerade auf einer Zeitreise durch rund 100 Jahre Rundfunkgeschichte.

Ein paar optische Signale hat der Künstler Cevdet Erek mit Sendemasten und -apparaturen sowie einem planvollen Kabelnetzwerk auf dem Parcours zwischen den Hörstationen gesetzt. Ohne Empfangsgerät geht aber gar nichts. Man leiht es samt individueller Stereo-Hörmuschel gebührenfrei aus, um sich entweder physisch durch den Hör-Raum zu bewegen oder um sich eine eigene Playlist aus mehr als 200 Tondokumenten zu laden. Und schnell merkt der kundige Besucher, welch sensationeller Schatz an Ton-Experimenten und Soundscapes, Funkopern und anderen Kompositionen, Hörspielen, Lesungen und wirkungsmächtigen Dramen aus knapp 100 Jahren sich im lokalen „Äther“ verbirgt. Der erste Gedanke: „War of the Worlds“! – Und tatsächlich ist Orson Welles‘ Klassiker in der digitalen Sammlung enthalten.

Angebliche Alien-Attacke machte New Yorkern Angst

Im Oktober 1938 versetzte der geniale Regisseur, Schauspieler und Erzähl-Pionier halb New York in hellste Panik, indem er den verheerenden Angriff von Marsianern auf die irdische Zivilisation – getreu der Romanvorlage von H. G. Wells – als fiktionale Live-Reportage senden ließ. Wer den Anfang verpasst oder nicht genau zugehört hatte, musste tatsächlich glauben, es habe das letzte Stündlein der Menschheit geschlagen. Neben Zitaten aus der originalen Ur-Sendung finden sich nun Ausschnitte aus deutschen Bearbeitungen in den „Radiophonic Spaces“.

Aber auch eine Adaption der Welles‘schen Idee durch Roland Schimmelpfennig ist zu hören. Der bekannte Dramatiker erzielte im Jahr 2000 mit „Krieg der Wellen“ im Hessischen Rundfunk einen ähnlichen Effekt, als er eine Attacke aufs Funkhaus simulierte. Nathalie Singer, damals noch DLF-Redakteurin, erinnert sich, dass daraufhin ein Notruf tatsächlich Rettungskräfte alarmierte. Die Verbindung von Welles zu Schimmelpfennig findet der Ausstellungsbesucher in Weimar nun über eine „Mind Map“ auf dem interaktiven Bildschirm, eine Landkarte des Geistes, die ein assoziatives Navigieren durch den Hör-Fundus provoziert. Daneben gibt es Optionen für gezielte Suchen.

Alsbald versinkt man schier in der prächtigen Auswahl von Arbeiten bekannter Musiker und Literaten, ist mit Brecht und Weill anno 1930 auf dem „Lindberghflug“ unterwegs, schnuppert an Heiner Müllers „Hamletmaschine“ oder lauscht den „Träumen“ von Günter Eich. Dazwischen vielleicht die aparte „Bossa Nova Suite“ des Fluxus-Avantgardisten Mílan Knížák oder das experimentelle „Analogique B“ von Iannis Xenakis. Denn für heute (pop-)musikalisch übliche Sample-, Loop- und Remix-Verfahren war der Rundfunk seit je prädestiniert. Somit ist, wer als Künstler auf den Hörfunk, zumal auf den nonkonformistischen Umgang mit Erzählformen oder mit akustischer Technik gepolt war, auf dieser Ohrenweide vertreten: Berio, Blacher, Cage, Kagel, Maderna oder Sala ebenso wie Marinetti, Böll, Borchert, Jandl, Heißenbüttel oder Perec – bis hin zu Milo Rau.

Gegliedert ist das fulminante Angebot auf 13 Ebenen in „Narrative“: An den Multimedia-Stationen kann, wer mag, Werk-Hintergründe erfahren, sich zur Geschichte des Rundfunks und der Radiokunst informieren oder seine eigene Recherche thematisch bündeln. Manches kuriose Fundstück schnappt man beiläufig auf. Etwa zu „...der Radio-Oper“ (2010) von Josef Klammer und Heimo Puschnigg deren eigenen sprachverspielten Erklär-Text: „In die Oper geht man. Ins Radio nicht. (...) Wie es ist, wenn die Oper ins Radio geht, obwohl sie gerade aus dem Radio herauskommt, weiß man nicht. Aber zum Hören geht es schon.“

Projektleiterin Nathalie Singer, die an der Bauhaus-Universität Weimar die Professur für experimentelles Radio bekleidet, gibt noch ein paar Tipps, wo man historische Meilensteine entdeckt: zum Beispiel die Grammophon-Experimente, die László Moholy-Nagy 1923 in Weimar im Verein mit Bauhaus-Studenten anstellte – eine Frühform der elektroakustischen Musik. Oder die Arbeiten aus der Rundfunkversuchsstelle Berlin 1930, mit denen Ernst Toch und Paul Hindemith diesen Weg aufgriffen. Oder Walter Ruttmanns „Weekend“ (1930), eine der ersten O-Ton-Collagen aus Großstadtgeräuschen.

Langwieriges Bemühen um die Aufführungsrechte

Der Atem stockt bei Gabriel Germinets Drama „Maremoto“ (1924), weil während einer Schiffskatastrophe der Funker verzweifelt versucht, einen SOS-Ruf abzusetzen, sich aber mit den Signalen von Rundfunksendern überschneidet. Herzhaft die Parodie „Zauberei auf dem Sender“ (1924) des Ex-Intendanten Hans Flesch, und köstlich Christoph Korns „Ich spreche diesen Text“ (2008), dessen Wörterschleife, während er rezitiert, durch einen Zufalls-Algorithmus teilweise gelöscht wird – bis am Ende ein leeres Band übrig bleibt. All dies findet sich mit Begleittexten vorzüglich aufbereitet.

Vom ärgsten Teil der Arbeit an dieser Ausstellung erfährt ihr Besucher jedoch nichts. Langwierig war es, die Rechte an den Originalen jenseits ihres rein wissenschaftlichen Gebrauchs zu erhalten. „Dazu habe ich 14 Aktenordner im Büro stehen“, verrät Nathalie Singer. Die Basis für die famose Ausstellung, die bereits im Museum Tinguely, Basel, und im Haus der Kulturen der Welt, Berlin, Furore gemacht hat, stiftet ein seit 2010 an der Bauhaus-Universität aufgebautes Schallarchiv namens Expa. Es dient ausschließlich der Lehre und Forschung und wird nun für ein kurzes Zeitfenster öffentlich zugänglich.

Wer zwei Ohren besitzt, sollte sich das nicht entgehen lassen. Inzwischen plant, wie Singer freudig berichtet, das Goethe-Institut, mit diesen oder ähnlichen „Radiophonic Spaces“ aus Weimar auf Welttournee zu gehen.

Bis 19. September in der Universitäts-Bibliothek Weimar, Steubenstraße. Mo-Fr 9-21 Uhr, Sa 10-16 Uhr. Eintritt frei

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